Fälle für Wildtierhilfe Osnabrück Milde Temperaturen bringen Winterschlaf von Igeln durcheinander


Osnabrück. Lucky schnüffelt auf der Kuscheldecke herum und streckt seine lange, sehr feine Nase in Richtung Futter. Eigentlich müsste er jetzt im Januar im Winterschlaf liegen, aber der kleine Igel ist, genau wie zahlreiche Artgenossen, zu früh erwacht. Schuld daran sind die ungewöhnlich milden Temperaturen. Lucky hat Glück gehabt, die Wildtierhilfe Osnabrück hilft ihm über den Winter.

Mehr als 100 Igel-Fälle sind in diesem Winter schon bei der Wildtierhilfe Osnabrück gemeldet worden. „Mit den milderen Wintern der letzten Jahre steigt die Zahl der erwachten und gefundenen Igel“, stellt Melissa Tomanek, die Leiterin der Wildtierhilfe, fest. Auch noch spät in der Saison würden nun sehr kleine und schwache Tiere gemeldet. Das deute zum einen auf Nahrungsmangel hin, zum anderen auf eine klimatisch bedingte Verspätung der Geburtszeit.

Während Melissa Tomanek den Biorhythmus der Igel erklärt, klettert Lucky in das Schälchen mit Katzenfutter. Er scheint hungrig zu sein. „Igel bekommen ihren Nachwuchs im warmen August bis Mitte Oktober. Danach heißt es futtern, was das Zeug hält, um Fettvorräte für den Winterschlaf anzufressen.“ Der Winterschlaf starte dann, wenn die Bodentemperaturen um den Gefrierpunkt liegen, normalerweise im November, und dauere bis März/April. Dafür verkriechen sich die Igel unter Laubhaufen, Hölzern oder Hecken, rollen sich dort zur Kugel und fahren ihren Stoffwechsel und ihre Körpertemperatur stark hinunter, um Energie zu sparen. „Atemfrequenz, Herzschlag – alles läuft auf Sparflamme“, weiß Melissa Tomanek.

Dämmerschlaf statt Winterschlaf

Wenn die Außentemperaturen aber zu hoch sind, könne der Igel seine Körpertemperatur nicht so weit herabsetzen. Er falle nur in eine Art Dämmerschlaf und suche zwischendurch nach Nahrung, die er zu dieser Jahreszeit aber kaum findet. Igel sind reine Fleischfresser, ernähren sich von Insekten, Spinnen und Regenwürmern. Bei erfolgloser Futtersuche verschwenden die Tiere ihre Energiereserven, die eigentlich für den Winterschlaf gedacht sind. „Kurz vor Silvester brachte man uns ein Igelweibchen, das 257 Gramm wog“, blickt Tomanek zurück. Dabei müsse das durchschnittliche Winterschlafgewicht bei Jungtieren 650 bis 750 Gramm betragen, bei Alttieren mehr als 800 Gramm.

Das sechsköpfige Team der Wildtierhilfe nimmt deutlich zu leichte, kranke oder verletzte Igel auf. Zuerst werden die Tiere gewogen, sie bekommen ein Flohmittel und Zecken werden entfernt. Eine Kotprobe zeigt, ob der Igel von Innenparasiten befallen ist und mit Medikamenten behandelt werden muss. In großen Kaninchenkäfigen mit Unterschlupf, ausgelegt mit Zeitungspapier und Stroh, werden die Igel dann mit Futter aufgepäppelt. Sind alle Medikamente abgeklungen und das Tier gestärkt, kommt es für einen betreuten Winterschlaf nach Bramsche ins Außengehege der Wildtierhilfe. Gesunde Igel werden im Frühling wieder ausgewildert.

Ovale Körperform deutet auf Probleme hin

„Wer in diesen Wochen einen aktiven Igel findet, kann sich ziemlich sicher sein, dass das Tier Hilfe braucht“, betont Melissa Tomanek. Normalerweise sei nämlich jetzt die Hauptschlafzeit. Schlechte Zeichen seien eine ovale Körperform statt einer runden und eine erkennbare Nackenfalte.

Die Wildtierhilfe rät, solche Igel vorsichtig mit einem Handtuch aufzunehmen und mit dem Tuch in einen Karton zu setzen. Was viele Tierfreunde nicht wüssten: Das Füttern mit Obst, Gemüse oder Milch könne bei Igeln zu Darmentzündungen und sogar zum Tod führen. Davor warnt auch der Nabu-Vorsitzende Andreas Peters: Die gut gemeinte Fürsorge von Laien könne den Tieren schaden. Aus Sicht von Peters ist ein Wildtier in seinem natürlichen Umfeld besser aufgehoben. Ein Aufnehmen von Igeln im Winter im Sinne des Tierschutzes müsse fachkundig abgewogen werden.

Auch Tierärzte machen nicht alles richtig

Das Team der Osnabrücker Wildtierhilfe hat auch schon erlebt, dass zu ihnen gebrachte Igel sterben, weil sie zuvor bei einem nicht auf Wildtiere spezialisierten Tierarzt falsch behandelt worden sind. „Gängige Spot-on-Produkte gegen Parasiten bei Haustieren sowie Entwurmung auf Verdacht werden von den Igeln oft nicht vertragen und decken die Bandbreite der Wildtierparasiten nicht ab“, weiß Tomanek aus Erfahrung.

Wer einen Igel findet, sollte deshalb eine sachkundige Stelle für Wildtiere kontaktieren. Die Osnabrücker Wildtierhilfe mit Pflegestellen in Osnabrück, Bramsche und Meppen ist zu erreichen unter Telefon 0162/5773681.


Das können Sie für Igel tun – Tipps der Wildtierhelfer

- Wasser anbieten.

- im Herbst und Winter Katzentrockenfutter bereitstellen.

- Igel nur zur Winterschlafzeit aufnehmen oder wenn sie verletzt sind, ansonsten in Ruhe lassen.

- Laub bis März/April liegen lassen, darin bauen Igel ihre Nester.

- Auf Laubbläser und Mähroboter verzichten, sie zerstören nicht nur das Nest, sondern stören durch die Lautstärke auch Igel im Winterschlaf.

- Keine Pflanzengifte einsetzen. Sie vernichten Insekten, die Nahrungsgrundlage von Igeln und Singvögeln. Rattengift und Schneckenkorn sind für Igel lebensbedrohlich.

- Beste Hilfe ist ein naturnah gestalteter Garten, aber auch schon eine naturbelassene Ecke kann ausreichen.

Igel-Broschüren des Nabu mit nützlichen Tipps zum Anlegen eines igelfreundlichen Gartens sowie Bauanleitung für Igelburgen sind im Naturschutzzentrum am Schölerberg in Osnabrück erhältlich. Viele Infos zum Thema sowie Ratgeber zum Download findet man auch auf der Homepage des Nabu-Bundesverbandes.

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