„Forum Migration“ in Osnabrück „Boat People“ aus Vietnam sprechen über ihre Erfahrungen

Von Regine Hoffmeister

Ein Flüchtlingsboot kentert in den 198er-Jahren im Chinesischen Meer beim Anlegen an das Rettungsschiff „Cap Anamur“. Alle Flüchtlinge können gerettet werden. Foto: picture-alliance/dpaEin Flüchtlingsboot kentert in den 198er-Jahren im Chinesischen Meer beim Anlegen an das Rettungsschiff „Cap Anamur“. Alle Flüchtlinge können gerettet werden. Foto: picture-alliance/dpa

Osnabrück. Duyen Pham-Nguyen und ihr Onkel Hoang Quang Tran flüchteten 1980 als Kinder aus Vietnam. Nach mehreren Tagen und Nächten in Fischerbooten auf offenem Meer wurden sie von der Cap Anamur gerettet. Im „Forum Migration“ im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück sprachen die beiden über ihre Gefühle und Erlebnisse auf der Flucht.

Hoang Quang Tran (49) trug ein handsigniertes T-Shirt mit dem Konterfei von Rupert Neudeck, dem Gründer des Vereins „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte“. Ihm und seinem Helfer-Team habe er es zu verdanken, dass er heute noch lebt, sagte er. Als Neunjähriger flüchtete er zusammen mit seiner Familie mitten in dunkler Nacht auf einem kleinen Fischerboot aus Vietnam. Schon kurz nach der Abfahrt setzte das Boot auf einer Sandbank auf. Wie durch ein Wunder seien sie dort wieder herunter gekommen. „Leider war danach aber der Propeller unseres Motors kaputt, sodass wir ziellos auf dem Meer hin und her trieben.“

Um nicht aufzufallen, hatten die Flüchtlinge nur sehr wenige Vorräte mit aufs Boot genommen, sodass die 32 Menschen unter großem Durst und Hunger litten. Heftige Seestürme und die ständige Furcht vor Piratenüberfällen setzten ihnen zu. Nach sieben Tagen und sechs Nächten erblickten sie einen Hubschrauber. „Sofort brachen auf unserem Boot Diskussionen darüber aus, ob der Pilot amerikanisch oder vietnamesisch aussah“, erinnert sich Hoang Quang Tran. Wären es Späher der vietnamesischen Regierung gewesen, hätten sie sich sofort ins Meer gestürzt. Doch zum Glück gehörte der Hubschrauber zu einer Hilfsorganisation, die die Cap Anamur benachrichtigte. Das umfunktionierte Handelsschiff kam schnell und rettete alle 32 Flüchtlinge.

Verraten und verfolgt

Ähnliche Erfahrungen schilderte Duyen Pham-Nguyen (42) von ihrer Flucht. Mehrfach hatte sie zusammen mit ihrer Familie zu flüchten versucht. Doch mehrere Versuche scheiterten, bei einem wurden sie verraten und von der Polizei verfolgt. „Das Geld meiner Eltern reichte am Ende nur noch für mich und meine Schwester“, berichtete Duyen Pham-Nguyen. Sie sollte unbedingt außer Landes kommen, entschieden ihre Eltern, da sie an Kinderlähmung litt.

Erst auf dem kleinen Fischerboot begriff die damals Fünfjährige, dass sie ihre Eltern wahrscheinlich nicht wiedersehen würde. Drei Tage lang kreuzten sie ziellos durchs südchinesische Meer. „Wir hatten immer Durst“, erinnerte sie sich. Am dritten Tag auf See wurden sie von der Cap Anamur „aufgefischt“. Dort gab es schwarzen Tee, Frühstücksfleisch und Toast mit Butter und Zucker für alle, das wusste sie heute noch ganz genau.

Mit der Cap Anamur fuhren sie nach Singapur, wo sie zwei Wochen verbrachten, dann ging es weiter nach Jakarta. „Dort haben wir erfahren, dass wir nach Deutschland gebracht werden sollten“, erklärte sie. „Das war für uns ganz schrecklich, denn alle wollten eigentlich nur nach Amerika. Deutschland kannten wir nur als Nazi-Deutschland.“

In Deutschland kamen sie zunächst ins Grenzdurchgangslager in Friedland. Von dort wurde Duyen Pham-Nguyen zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Tante nach Wallenhorst weiterverteilt. Heute sei sie sehr froh, dass sie in Deutschland lebt. Nach etwa zehn Jahren durfte sie ihre Eltern aus Vietnam nachholen.

Sehr gut integriert

Beide Zeitzeugen haben mittlerweile selbst Familien und leben seit rund 40 Jahren in Deutschland Sie fühlen sich hier zuhause und sind sehr gut integriert.

„Die ehemaligen Flüchtlinge aus Vietnam sind Deutschland sehr dankbar und fühlen sich mit der deutschen Bevölkerung vereint“, berichtete Werner Stahl, Vorstandsvorsitzender des Vereins „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte“ von den jährlichen Ehemaligen-Treffen der Flüchtlinge mit ihren Helfern. In acht Jahren habe die Cap Anamur 30.000 Menschen aus dem südchinesischen Meer gerettet und 11.500 davon nach Deutschland gebracht.

Klaus Müller-Reimann, der 1981/82 bei terre des hommes für die Flüchtlingshilfe für unbegleitete Flüchtlingskinder aus Vietnam und Kambodscha zuständig war, berichtete über die Unterbringungen von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien und Wohngruppen. 150 jungen Menschen haben sie damals ein neues Zuhause geben können.

Moderator Lennart Lammers, Klaus Müller-Reimann, Werner Stahl, Hoang Quang Tran, Duyen Pham-Nguyen und Moderatorin Catharina Zitzewitz sprachen über die dramatischen Fluchterfahrungen der „Boat People“. Foto: Egmont Seiler

Am 15. Februar wird die Vortragsreihe mit dem Themenschwerpunkt „Boat People – Ankunft, Aufnahme und Integration“ fortgesetzt.