Serie zum Osnabrücker Wissensforum Warum leiden Allergiker in Städten mehr als auf dem Lande?

Von Henning Allmers (Gastautor)

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Henning Allmers ist Professor für Gesundheitswissenschaften. Foto: Gert WestdörpHenning Allmers ist Professor für Gesundheitswissenschaften. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Warum leiden Allergiker in Städten mehr als auf dem Lande?

Gibt es in der Stadt mehr Menschen mit Allergien als auf dem Land? Diese Fragestellung wird seit Jahren intensiv wissenschaftlich untersucht.

Die 1989 vom Londoner Epidemiologen David Strachan aufgestellte Hygiene-Hypothese besagt, dass die heutige keimarme Umgebung die Entwicklung des Immunsystems während der Kindheit behindert. Da sie keine echten Krankheitserreger mehr bekämpfen müssen, suchen sich die Antikörper, stark vereinfacht ausgedrückt, „unechte“ Gegner in Form harmloser Allergene.

Starker Anstieg

Dies erkläre den starken Anstieg von Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma in der heutigen „postindustriellen“ Welt. Als Beleg diente ihm eine Analyse des Geburtsjahrgangs 1958. Je größer der Wohlstand und je geringer die Zahl der Geschwister, desto höher die Wahrscheinlichkeit für eine Allergie. Die Wahrscheinlichkeit eines Kindes, an Heuschnupfen zu erkranken, steigt mit dem wirtschaftlichen und sozialen Status der Familie und verhält sich umgekehrt zur Zahl seiner Geschwister.

Einfluss der Lebensverhältnisse auf das Allergie-Risiko

Der Anstieg der Allergien in den neuen Bundesländern auf das westdeutsche Niveau nach 1989 spricht ebenfalls für einen Einfluss der Lebensverhältnisse auf das Risiko, eine Allergie zu entwickeln.

2016 wurde eine vergleichende Untersuchung von Kindern, die aus Amischen und Hutterer Familien kamen, veröffentlicht. Beide Gruppen stammen ursprünglich aus Mitteleuropa und siedelten sich im 18. und 19. Jahrhundert in Nordamerika an.

Gemeinsamkeiten: große Kinderzahl, Nichtraucher, trinken rohe Milch, wenig adipöse Kinder, lassen ihre Kinder impfen. Ähnliche Genetik, ähnlicher Lebensstil, Leben von Landwirtschaft.

Große Diskrepanz

Bei den Schulkindern dieser Gruppen zeigte sich eine große Diskrepanz bezüglich des Auftretens von Asthma: Die Häufigkeit lag bei Hutterern mit 21,3 Prozent 4,1-mal höher als bei den Amischen mit 5,2 Prozent. Bei der Sensibilisierung/Allergieneigung zeigten die Hutterer mit 33,3 Prozent eine 4,6-mal höhere Rate als die Amischen Schulkinder mit 7,2 Prozent.

Stil der Landwirtschaft als Unterschied

Der von den Autoren der Studie identifizierte einzige Unterschied war der Stil der Landwirtschaft, den die Amischen traditionell und die Hutterer industrialisiert betreiben. Der Endotoxin-Spiegel im Hausstaub bei Amischen Familien war 6,8-mal höher als bei den Hutterern.

Der traditionelle Bauernhofstil bei den Amischen schützt durch das Einatmen von Endotoxinen und die dadurch verursachte chronische Entzündungsreaktion unter anderem gegen die Entwicklung von Asthma bronchiale.

Konsum von roher Kuhmilch in früher Kindheit schützt zwar vor Asthma, ist aber wegen des Infektionsrisikos kein Mittel der primären Allergieprävention.

Lebenslange Schutzwirkung

Eine Kopenhagener Studie aus dem Jahr 2016 zeigt, dass das Risiko, eine Neurodermitis zu entwickeln, mit der Anzahl der Hunde im Haushalt sinkt.

Eine lebenslange Schutzwirkung vor Allergien durch bäuerlichen Lebensstil besonders bei einer Exposition in Schwangerschaft oder früher Kindheit konnte auch John House bei 1.746 Landwirten und deren 1.555 Angehörigen nachweisen.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.

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