Serie „Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle“ Der Blutkrebs, der keiner war

Von Cornelia Achenbach


Osnabrück. Eine 61-jährige Frau aus der Region Osnabrück kommt mit dem Verdacht auf Blutkrebs in das Klinikum Osnabrück und verlässt es mit einer völlig anderen Diagnose. Ein Fall, der zeigt, was neben all der hoch spezialisierten Untersuchungen in der Medizin noch wichtig ist: ein gutes Gespräch.

Da die 61-Jährige unter zunehmender Blässe, Schwäche und einer Neigung zu blauen Flecken litt, untersuchte ihr Hausarzt ihre Blutwerte und stellte eine Blutarmut und niedrige Blutplättchenwerte fest. Die Veränderungen nahmen im Laufe der Zeit zu. Mit Verdacht auf Blutkrebs wird die Frau in das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), Fachbereich Hämatologie-Onkologie, des Klinikums geschickt.

Aufwendige Untersuchungen

Privatdozent Dr. Julian Topaly, ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums, erinnert sich noch gut an den Fall, der rund ein Jahr zurück liegt. Die 61-Jährige hatte zu dem Zeitpunkt bereits viele Untersuchungen, darunter auch eine Knochenmarkpunktion, über sich ergehen lassen. Tatsächlich konnten solche Laborwerte ein Anzeichen für eine Blutkrebserkrankung sein, doch eine Ultraschalluntersuchung zeigte, dass auch die Leberstruktur verändert und die Milz vergrößert waren.

Schwerer Unfall in den 1980er Jahren

Bei der Anamnese, also dem Gespräch, in dem der Arzt nach medizinisch relevanten Informationen fragt, berichtete die Patientin von einem schweren Verkehrsunfall in den 1980er Jahren. Da sie bei dem Unfall viel Blut verloren hatte, erhielt sie eine Transfusion. „Die Blutkonserven konnten damals nicht so gut getestet werden, wie das heute der Fall ist“, sagt Julian Topaly. Eine weitere Untersuchung brachte die Gewissheit: Die Patientin litt nicht an Blutkrebs, sondern an einer chronischen viralen Leberentzündung (Hepatitis C), angesteckt hatte sie sich durch die Bluttransfusion. Tatsächlich führt auch Hepatitis C zu einem Umbau im Lebergewebe, einer Vergrößerung der Milz und in Folge zu Blutbildveränderungen. „Die Erleichterung war natürlich enorm“, sagt Topaly. Denn eine chronische Hepatitis lässt sich anders als noch vor 30 Jahren durch eine zeitlich begrenzte Tablettentherapie gut behandeln.

Bedeutung der Anamnese

Nach einer erfolgreichen Behandlung sind die Hepatitis-Viren im Blut der Patientin mittlerweile nicht mehr nachweisbar. Eine weitere Zunahme der Beschwerden und der Laborveränderungen wurde aufgehalten.

„Der Fall, das muss ich zugeben, ist nicht hochkomplex, aber er zeigt, dass unsere zeitlich zunehmend verdichtete und mitunter sehr spezialisierte Medizin sich immer mal wieder Zeit für ein eingehendes Gespräch mit dem Patienten und einen Blick über den Tellerrand leisten muss, um den Patienten als Ganzes zu sehen“, so der Mediziner.


Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle

In der Serie „Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle“ erinnern sich Mediziner aus Osnabrück an Patienten, die sie vor besonders schwere und herausfordernde Aufgaben gestellt haben. Die Fälle liegen zum Teil schon ein paar Jahre zurück.