Interview mit FAZ-Redakteur Jan Brachmann „Der Osnabrücker Musikpreis ist einer von 800 Musikpreisen“

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Osnabrück. Die Laudatio bei der Verleihung des Osnabrücker Musikpreises wird dieses Jahr der Musikredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Jan Brachmann halten. Vorab spricht er über sein Verhältnis zur Oboe, lobt Preisträgerin Juliana Koch und bewertet die Wirkung des Osnabrücker Musikpreises.

Herr Brachmann, welches Verhältnis haben Sie zur Oboe?

Ich spiele selbst nicht Oboe, kenne aber in meinem Freundes- und Kollegenkreis einige Oboistinnen und Oboisten. Und natürlich ist mir das Instrument sehr sympathisch.

Warum?

Man sagt immer, die Oboe käme der menschlichen Stimme am nächsten. Die Oboe ist häufig ein Symbol für die Zerbrechlichkeit und Versehrbarkeit des Menschen. Das geht schon in der Johannes-Passion los, wenn im Eingangschor die Oboen die Kreuzfiguren spielen. Oder denken Sie an die berühmte Stelle in Beethovens fünfter Sinfonie, wenn gegen Ende des ersten Satzes die Oboe Einspruch erhebt gegen die schicksalhaften Abläufe und für das Individuum steht, das da zermalmt werden soll. Schließlich wird die Oboe ja über ein Schilfrohr geblasen, und das steht ja für den Menschen: Beim barocken Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal heißt es, „Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur, aber ein denkendes Schilfrohr.“ Das geht auf das biblische Bild beim Propheten Jesaja zurück, dass Gott das geknickte Rohr nicht brechen wird. Tatsächlich findet man die Oboe häufig eingesetzt als Instrument der Zerbrechlichkeit, des versehrbaren Menschen. In den Schilfliedern von August Klughardt ist das so, die Albrecht Mayer sehr schön aufgenommen hat. Für das Requiem von Wolfgang Rihm schrieb ich den Werkkommentar zur Uraufführung in München, und auch Rihm beginnt sein Requiem mit einem Oboensolo, um an die Zerbrechlichkeit, Hinfälligkeit und Endlichkeit des Menschen zu erinnern.

Passt dieser weite Kontext auch zum Oboenkonzert von Mozart und zum Stück von Peeter Vähi, die Juliana Koch, die Gewinnerin des Osnabrücker Musikpreises, beim Preisträgerkonzert am Montag spielen wird?

Das Mozartkonzert ist ein heiteres Stück, das mehr an die aristokratische Tradition des Oboenspiels anknüpft und in den höfischen Kontext gehört. Natürlich ist die Oboe auch ein heiteres Instrument; sie kann auch sehr frech sein. Das Stück von Peeter Vähi kenne ich nicht, aber ich kenne andere Werke von ihm. Häufig ist seine Musik inspiriert von einer fernöstlichen Spiritualität; er steht auch ein bisschen im Kontext der New-Age-Bewegung, und da geht es vermutlich eher um die Oboe als meditatives und die Wirklichkeit transzendierendes Instrument, und weniger um die Expressivität und den Ausdruck einer Versehrbarkeit des Menschen.

Nun sollen Sie nicht in erster Linie über die Oboe sprechen, sondern eine Laudatio auf die Preisträgerin Juliana Koch halten. Was wissen Sie über diese Musikerin?

Juliana Koch hat einen beeindruckenden Lebenslauf. 1988, als vor nicht ganz dreißig Jahren ist sie in Heidelberg geboren, hat zunächst Blockflötenunterricht gehabt, war an den Hochschulen in Trossingen und Kassel, hat in Frankfurt und in München studiert. Und schon bevor sie überhaupt mit dem Studium fertig war, hatte sie schon die Stelle als Solooboistin im Philharmonischen Orchester Ulm. Das heißt: Sie ist eine ziemlich erfolgreiche, ehrgeizige und durchsetzungsstarke Frau. Sie war schon Solooboistin an der Mailänder Scala, Kirill Petrenko hat sie mehrfach eingeladen, als Substitutin im Bayerischen Staatsorchester zu spielen, jetzt ist sie Solooboistin der Königlichen Kapelle in Kopenhagen - das ist für so ein Alter eine beeindruckende Biografie.

Haben Sie sie schon gesprochen?

Nein. Aber der Bayerische Rundfunk hat über sie im Kontext des ARD-Musikwettbewerbs ein Porträt gedreht; ich habe mir einige Aufnahmen mit ihr angehört, sowohl vom Mozartkonzert, als auch von Thierry Escaich und dem Strauss-Oboenkonzert, also von den Beiträgen für den ARD Musikwettbewerb. Darüber habe ich mir mein Urteil gebildet: Juliana Koch ist eine sehr beeindruckende Oboistin, sehr vielseitig, sehr mutig. Sie versteht es, einerseits den klassisch-reinen Ton herzustellen, den man für Mozart braucht, die wunderbaren großen Bögen. Andererseits ist bei Escaich Mut gefragt: Dort muss man mehrstimmige Stellen, sogenannte „Multiphonics“ und Flatterzunge spielen; es kommen Dinge zum Einsatz, die traditionell eher als hässlich empfunden werden.

Wann haben Sie zum ersten Mal vom Osnabrücker Musikpreis gehört?

Ich habe von dem Preis gehört, weil mich Intendant Ralf Waldschmidt darauf aufmerksam gemacht hat. Wir haben in Deutschland über 4300 Kulturpreise, habe ich neulich gelernt. Das ist enorm. Und der Osnabrücker Musikpreis ist einer von mehr als 800 deutschen Musikpreisen.

Wie sind Sie zu der Ehre gekommen, die Laudatio für den Osnabrücker Musikpreis zu halten?

Das hat ganz wesentlich mit dem Generalmusikdirektor Andreas Hotz zu tun. Der ist mir als Finalist im Deutschen Dirigentenwettbewerb im Konzerthaus Berlin erstmals positiv aufgefallen. Außerdem bin ich seit Jahren mit der Planung des Usedomer Musikfestivals beschäftigt, und dort hat er einmal ein Konzert mit der Polnischen Kammerphilharmonie Sopot übernommen. Ich habe ihn in der Programmplanung als äußerst kooperativ empfunden, und das Konzert war sehr gelungen. Damals haben wir uns bekannt gemacht; das muss 2010 gewesen sein. Wahrscheinlich hat er meine Arbeit ein bisschen verfolgt, ich habe verfolgt, wo sein Weg hingegangen ist. Und schließlich weiß ich, dass Ralf Waldschmidt ein aufmerksamer Leser der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist.

In der Vergangenheit wurde mit der Laudatio immer wieder der Wunsch formuliert, über den Musikpreis den Namen der Stadt Osnabrück in die Welt zu tragen. Wie realistisch ist das?

Der Konkurrenzdruck in Deutschland ist sehr hoch; ich habe ja die Zahl erwähnt. Ich finde es prinzipiell gut, Musik- oder allgemein Kulturpreise zu vergeben, weil das eine Verankerung des künstlerischen Interesses und des kulturellen Eifers in der städtischen Bevölkerung signalisiert. Das brauchen wir auch! Es ist ganz wichtig, dass wir das nicht nur professionellen Jurys überlassen, sondern sich, wie im Fall des Osnabrücker Musikpreises, Stadt, Theater und ein privater Sponsor zusammentun und diesen Preis vergeben. Doch damit überregional Aufmerksamkeit zu schaffen ist sehr schwierig. Man muss da sehr sorgfältig sein in der Wahl der Preisträger – das ist man ja in Osnabrück. Zusätzlich muss man sich überlegen, was man über die Preisverleihung hinaus mit der Preisträgerin oder dem Preisträger machen kann, um sich von anderen Preisvergaben zu unterscheiden.


Viertes Sinfoniekonzert mit Verleihung des Osnabrücker Musikpreises: Montag, 29. Januar, 20 Uhr, Osnabrückhalle.

Programm:

  • Feruccio Busoni Berceuse Élégiaque op. 42
  • Wolfgang Amadeus Mozart Oboenkonzert C-Dur KV 314
  • Peeter Vähi To the Mother (2017), Deutsche Erstaufführung
  • Alexander Skrjabin Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 29

Ausführende:

  • Juliana Koch, Oboe
  • Osnabrücker Symphonieorchester
  • Leitung: Andreas Hotz

Tickets: 0541/7600076 oder www.theater-osnabrueck.de

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