OKD-KME-Chor hat sich aufgelöst Letzter Werkschor Osnabrücks nach 95 Jahren verstummt

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Osnabrück. Nach 95 Jahren hat der letzte Werkschor Osnabrücks die Notenbücher zugeklappt und seine Auflösung beschlossen. Der KME-Männerchor, als Chor des Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerkes (OKD) 1922 gegründet und in seiner Blütezeit mehr als 80 Sänger stark, ist verstummt. Der Grund sind Überalterung und fehlender Nachwuchs. Ein Abgesang auf eine alte Tradition.

Bitterkeit liegt in der Stimme von Fritz Ackermann. „Zuletzt waren wir noch ganze 16 Sänger, da kann kein Chor sich mehr Gehör verschaffen. Vor ein paar Tagen, bei der letzten Jahreshauptversammlung, haben wir dann schweren Herzens die Auflösung beschlossen“.

Ackermann ist der letzte Vorsitzende des Werkschors, war 56 Jahre lang Mitglied und hat 32 Jahre lang dessen Geschicke geleitet. Doch nun ist die Sangesgemeinschaft am Ende angekommen. Das Durchschnittsalter der Herren lag zuletzt bei 82 Jahren. Der Älteste von ihnen, Werner Tschentscher, ist 91 Jahre alt. Und Chorleiter Günter Sollmann, der 52 Jahre lang den Takt angab und zudem mehr als 30 Jahre als stellvertretender Vorsitzender agierte, zählt auch schon 85 Lebensjahre.

Mitgliederrekord in den 1950er-Jahren

Dabei hat es andere, bessere Zeiten gegeben. In den 1950er-Jahren standen bis zu 83 Sänger bei Konzerten auf dem Podium. „So stimmgewaltig ist der Chor vorher und später nie wieder gewesen,“ sagt Ackermann. Nicht mal bei der Gründung 1922, denn da wurde noch strikt zwischen Angestellten und Arbeitern des Werkes getrennt: Die Satzung von damals gestattete ausschließlich Angestellten die Teilnahme am gemeinsamen Singen.

Überhaupt gab es hohe Hürden für den Eintritt in den illustren Kreis. Die Satzung ordnet an: „Als Neumitglied sollte vorgesungen werden. Außerdem wird nach drei Chorproben entschieden, ob man den Sänger gebrauchen kann. Hierbei soll dieser kurz den Raum verlassen.“ Wie viele Aspiranten den Test nicht bestanden haben, steht allerdings nirgendwo vermerkt.

Auch die Arbeiter durften mitsingen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch Arbeiter aufgenommen. Der Sangesbetrieb war auf dem Höhepunkt, es gab Konzerte bei Firmenfeiern, aber auch außerhalb des Werkgeländes.

In den letzten Jahren ging das aber nach und nach zurück. Es fehlte, wie bei anderen Männerchören auch, der Nachwuchs. Singen in der Gemeinschaft kam aus der Mode, die jungen Menschen interessierten sich für andere Freizeitaktivitäten.

Trauer bei der Sängerkreisgruppe

„Jammerschade, dass nun auch der letzte Werkschor aufgegeben hat“, äußert sich Edith Bohne, Vorsitzende der Sängerkreisgruppe Osnabrück-Stadt. Damit werde eine lange Osnabrücker Tradition zu Grabe getragen. Die Chöre von Karmann, Kromschröder und des Stahlwerks haben ihren Betrieb schon länger eingestellt, und, wie Ackermann weiß, haben sich auch die früheren Angehörigen der Post-Chors inzwischen einem anderen Ensemble angeschlossen.

Noten ins Altpapier

„Es hat schon wehgetan, als wir jetzt den Nachlass aus 95 Jahren aufgelöst haben“, sagt Ackermann mit belegter Stimme. Geprobt haben sie bis zuletzt in der ehemaligen Werkskantine, in der sich seit einigen Jahren das Catering-Unternehmen „Bertrams“ befindet. „Die Notensammlung haben wir ins Altpapier geben müssen, schrecklich“. Er selbst will, wie einige andere, vielleicht noch bei einem anderen Chor unterkommen. Die Lust am Singen hat den jetzt 82-Jährigen immerhin fast 60 Jahre begleitet. „Das kann man nicht abstellen, dafür hat es einfach immer Riesenspaß gemacht“.


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