Kritik an vorzeitigem Unterrichtsende Schulende während Sturm „Friederike“: War die Entscheidung richtig?

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Zwei Schüler machten sich während Sturm Friederike einen Spaß daraus, sichan einer Bushaltestelle in den Wind zu lehnen. Foto: Michael hengeholdZwei Schüler machten sich während Sturm Friederike einen Spaß daraus, sichan einer Bushaltestelle in den Wind zu lehnen. Foto: Michael hengehold 

Osnabrück. Kritik gab es, als die Landkreise Osnabrück und Emsland gegen Donnerstagmittag den Schulen freistellten, den Unterricht wegen Sturm „Friederike“ frühzeitig beenden zu können. Werden die Landkreise in Zukunft ihre Strategie ändern?

Am vergangenen Donnerstag wirbelte Sturm „Friederike“ auch durch unsere Region – und führte dazu, dass die Landkreise Osnabrück und Emsland und die Stadt Osnabrück es den Schulen freistellten, den Unterricht früher zu beenden. Die Entscheidung der Landkreise fiel erst im Laufe des Vormittags, als sich die Schüler schon längst in den Schulen befanden.

Dass viele Schulen den Eltern anboten – und in Nordrhein-Westfalen teilweise sogar aufforderten –, ihre Kinder frühzeitig abzuholen, stieß aber auch auf Kritik. Prominentester Kritiker war Wettermoderator Jörg Kachelmann: Kinder während des Orkans nach Hause zu schicken sei „aktive Sterbehilfe“, schrieb er auf Twitter.

Kritik an Entscheidung

Damit war er nicht allein, denn auch Leser aus unserer Region konnten die Entscheidung nicht nachvollziehen – wenn sie auch weniger drastische Worte wählten: „Fakt ist, dass Kinder bei bereits herunterfallenden Dachziegeln allein von der Bushaltestelle nach Hause gegangen sind“, schrieb beispielsweise Leser C. Reimund Lürman auf noz.de.

Auch Leser Stephan Brinkmeyer hätte sich gewünscht, dass die Entscheidung früher getroffen würde: „Bereits am Mittwoch gab es über die App Katwarn einen deutlichen Hinweis auf die drohende Gefahrensituation ab dem Vormittag. Diese Entscheidung erst so spät zu treffen war verantwortungslos.“ (Weiterlesen: Warum schließen Schulen und Kitas auf dem Höhepunkt des Sturms?)

Tatsächlich gab es schon am Nachmittag des Mittwochs eine Unwetterwarnung vom Deutschen Wetterdienst (DWD), die im Laufe des Tages immer deutlicher formuliert, bis für Hochlagen über 1.000 Meter vor extremen Unwetter gewarnt wurde.


Diese Unwetterwarnung der Stufe vier ist die höchste, die der DWD ausgibt: Die Meteorologen raten dann, Häuser nicht zu verlassen und sichere Räume aufzusuchen. Passend dazu wurde für viele Schulen im Harz dann auch schon am Mittwoch der Schulausfall für Donnerstag verkündet. Für Osnabrück galt gegen 11.44 Uhr am Tag des Sturms übrigens die Stufe drei von vier.

Normalerweise wird früher entschieden

Doch wie läuft es normalerweise ab, wenn in unserer Region die Schule ausfällt? Hier entscheiden Landkreise oder kreisfreie Städte über Schulausfall in den allgemeinen- und berufsbildenden Schulen. Diese Entscheidungen gelten dann stadt- beziehungsweise kreisweit.

Allerdings nicht für Lehrer: Sie müssen so oder so zur Schule kommen. Zwar findet bei Unterrichtsausfall kein Schülertransport und auch kein regulärer Unterricht statt; Kinder, die trotz des Wetters zur Schule kommen, werden jedoch betreut.

Wann wird über den Ausfall entschieden?

Die Entscheidung, ob Unterricht stattfindet oder nicht, treffen die Landkreise oder kreisfreien Städte in der Regel erst am frühen Morgen des jeweiligen Schultages.

Konkret bedeutet das: Um vier, fünf Uhr morgens treffen sich Vertreter der Busunternehmen, Polizei, Experten des Landkreises und der Rettungsleitstelle und besprechen, wo es Schnee- oder Eisglätte gibt und ob es schon vermehrt zu Glätteunfällen gekommen ist. (Weiterlesen: Bei welchem Wetter fällt im Winter die Schule aus?)

Allerdings könne diese Entscheidung dadurch erschwert werden, dass eine kreisweite Entscheidung zu treffen ist – und sich die Witterungslage beispielsweise im Nordkreis und Südkreis des Emslandes durchaus unterscheiden könne, gibt Landkreis-Emsland-Sprecherin Anja Rohde zu bedenken.

Warum wurde bei Friederike erst später entschieden?

„Die tatsächliche witterungsbedingte Lage hat am frühen Donnerstagmorgen keinen Anlass gegeben – wie sonst bei extremen Witterungsverhältnissen üblich – bis morgens um 5.30 Uhr einen Unterrichtsausfall festzulegen“, sagt Rohde auf die Frage, warum im Emsland die Fortsetzung des Unterrichts am Vergangenen Donnerstag erst zur Disposition stand, als der Sturm „Friederike“ schon wütete. (Weiterlesen: So wütete Sturmtief Friederike in Niedersachsen)

Bei sich plötzlich verstärkenden Stürmen – wie auch bei Hitze – kann allerdings auch spontaner entschieden werden. Geregelt wird dies im Erlass „Unterrichtsorganisation“ des niedersächsischen Kultusministeriums, erklärte Bianca Schöneich von der Landesschulbehörde Niedersachsen.

Dort heißt es unter Punkt 4.4: „Ist zu erwarten, dass während der Unterrichtszeit extreme Witterungsverhältnisse auftreten, die eine schwerwiegende Gefährdung der Schülerinnen und Schüler auf dem Heimweg erwarten lassen, so entscheidet die Schulleiterin oder der Schulleiter über eine vorzeitige Beendigung des Unterrichts.“

Bei Sturm „Friederike“ wurden die Schulleitungen im Laufe des Vormittags durch den Landkreis Emsland daher auf die bestehende Rechtslage hingewiesen, wonach die Schulleitungen selbst entscheiden kann, ob die Schule vorzeitig beendet wird.

Über Abbruch entscheidet die Schule

Ähnlich lief es in Stadt und Landkreis Osnabrück ab: „Im Fall des Sturmtiefs ‚Frederike‘ lagen erst am Morgen die konkreten Prognosen über den zu erwartenden Verlauf und die damit verbundenen Problemstellungen vor. Nach Abstimmung mit allen Beteiligten – Landesschulbehörde, Feuerwehr und Stadtwerken – wurden die Schulen in Stadt und Landkreis unverzüglich über die Einschätzungen und das Angebot der vorzeitigen Rückfahrmöglichkeit informiert. Parallel dazu wurden die Schulen angerufen.“, sagte Osnabrücks Stadtsprecher Gerhard Meyering.

Wie sich diese dann entscheiden – Abbruch des Unterrichts oder nicht – sei jedoch nicht die Entscheidung der Stadt oder des Landkreises gewesen.

Waren die Kinder in Gefahr?

Entschieden sich die Schulen für einen Abbruch des Unterrichts, bedeutete dies für die Eltern, dass sie ihre Kinder während des Sturms „Friederike“ frühzeitig abholen konnten – es aber nicht mussten. War ihnen dies nicht möglich, wurden die Kinder bis zum eigentlich geplanten Ende des Unterrichts in der Schule betreut. Die Kinder wurden also nicht an die Luft gesetzt.

Problematisch war die Ungewissheit, ob nach dem regulärem Schulschluss Busse fahren würden. Zudem gab es Beschwerden, dass auch gegen 11.30 Uhr einige Busse zu voll waren, sodass nicht alle Kinder mitgenommen werden konnten und draußen im Sturm standen. Ob diese Vorwürfe stimmen, lässt sich im Nachhinein nicht verifizieren; die angefragten Schulen, an denen es passiert sein soll, gaben auch auf Nachfrage keine Auskunft.

Darüber hinaus reagierten einige Eltern verunsichert, ob sie ihre Kinder – während der Sturm wütete – abholen oder lieber im Schulgebäude lassen sollten. Wäre es also besser gewesen, den Schulausfall schon vor dem Beginn des Unterrichtes zu verkünden – insbesondere, da zu dem Zeitpunkt schon eine Warnung des DWD vorlag?

Die Antwort von Stadt und Landkreis Osnabrück auf diese Frage ist schwammig: „Jedes Ereignis ist prinzipiell Anlass, Abläufe und Kommunikationswege zu prüfen und gegebenenfalls zu optimieren.“

Auch Eltern dürfen entscheiden

Was vielen Eltern vielleicht nicht bekannt ist: Wenn sie eine unzumutbare Gefährdung ihrer Kinder auf dem Schulweg durch extreme Witterungsverhältnisse befürchten, können Eltern von Schülern im Primarbereich und im Sekundarbereich I selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder zu Hause behalten oder vorzeitig vom Unterricht abholen. Auch dies gibt die Landesschulbehörde Niedersachsen vor.

Bei Sturmtief Friederike war die Feuerwehr in Osnabrück – wie hier Am Riedenbach – im Dauereinsatz. Foto: Gert Westdörp


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