Künstler Helle Jetzig Der Mann, der dem Klinikum Osnabrück ein Bild für 14.000 Euro verkaufte

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Osnabrück. Er ist der Mann, der dem Klinikum ein Bild für 14.000 Euro verkaufte: Helle Jetzig. Wie er über den Kunst-Kauf und die Diskussion darüber denkt, warum seine Werke so wertvoll sind und er trotzdem kein reicher Mann ist.

Wir treffen Helle Jetzig in seiner Werkstatt an der Nobbenburger Straße. Ein Hinterhof, ein Künstleratelier wie gemalt. Suchte ein Rosamunde-Pilcher-Regisseur eine Kulisse für eine romantische Künstler-Geschichte, er würde seine Kameras die abgetretene Treppe des Hinterhauses hinauftragen lassen. Helle Jetzig führt uns in bekleckster Maler-Latzhose die Treppe hinauf. Es riecht nach Farbe, nach Lack, nach Arbeit.

Der gebürtige Ostfriese aus Emden kam 1978 als Kunststudent nach Osnabrück und blieb. Man sagt, er sei einer der ganz wenigen Künstler mit Wohnsitz in der Friedensstadt, die mit ihrem künstlerischen Schaffen ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Seine Bilder werden fünfstellig gehandelt. Das Bild „Dance(Shadows)“ zum Beispiel verkaufte er für 14.000 Euro dem Klinikum Osnabrück, dessen Geschäftsführer Alexander Lottis es in einem Konferenzraum aufhängen ließ. Die Debatte darüber, ob sich ein finanziell angeschlagenes Krankenhaus in öffentlicher Trägerschaft so teure Kunst leisten sollte, während die Mitarbeiter zum Gehaltsverzicht genötigt werden, traf Helle Jetzig – „wie ein Schlag ins Gesicht“, sagt er. Die Kunst sollte nicht gegen das Soziale aufzuwogen werden. „Sonst dürfte es ja keine Kunst geben, solange es Arme gibt.“ Und da ist noch etwas: Dem Klinikum gewährte er, wie selbst sagt, einen ganz erheblichen Rabatt – „gerade weil‘s das Klinikum war“.

Verkauft für 20.000 Euro

Ein Mann, der dem Klinikum nahesteht, hat das Jetzig-Bild inzwischen erworben, um das Krankenhaus aus der Schusslinie zu nehmen. Der Preis: 20.000 Euro. Kunstexpertin Julia Daganovic, Leiterin der Kunsthalle Dominikanerkirche, hatte den Wert des Bildes auf mindestens 25000 Euro taxiert. Unter Wert verkauft also, aber: So hat das Klinikum 6000 Euro mit dem unverhofften Kunsthandel verdient. Der Künstler aber hat nichts davon.

Das Bild bleibt als Dauerleihgabe im Klinikum. Ob es öffentlich zugänglich sein wird, ist noch nicht entschieden. Es müsste dann besonders gesichert werden, weil Kunsträuber die Chance ergreifen könnten.

Das Thema scheint erledigt

In der Mitarbeiterschaft scheint nach einer ersten Empörungswelle das Thema erledigt. Es habe nur eine Handvoll Rückmeldungen gegeben, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Jürgen Breitkreuz. Einige aufgeregte Stimmen, aber auch gemäßigte, die mahnten, daraus keinen Skandal zu machen. Der Zeitpunkt für den Kauf des Bildes sei „nicht der geschickteste“ gewesen, meint Breitkreuz. Aber es sei ja kein wirtschaftlicher Schaden entstanden. Also Schwamm drüber.

Was macht Jetzigs Bilder so teuer? „Teuer?“, fragt Jetzig. „Eigentlich müsste ich viel mehr für meine Bilder nehmen.“ Künstler-Kollegen aus derselben Liga wie der Bielefelder Heiner Meyer nähmen „mindestens das Doppelte“. Aber: „Ich beklag‘ mich nicht, ich komme über die Runden.“

Arbeit von zwei bis drei Monaten

Jetzigs Masche: Er übermalt Fotografien. Klingt einfach, ist es nicht. In jedem Bild steckt Arbeit von zwei bis drei Monaten. Die Arbeit beginnt mit dem Fotografieren. Jetzigs beliebtestes Motiv sind die Straßen von New York. „Ich liebe diese Stadt.“ Noch mehr liebt er die Veränderungen, die New York erlebt und die Jetzig bei seinen regelmäßigen Besuchen sehr wach registriert. Dass der Times Square zum Beispiel fast zur Fahrradstraße mutiert ist, findet er „großartig“.

Bis vor drei Jahren betrieb Jetzig eine eigene Dunkelkammer. Nichts digital, alles anlog. Er belichtete im klassischen Verfahren meterlanges Fotopapier, steckte es in Tonnen mit Entwickler, Fixierer, Wasser. So hat auch das Werk seinen Anfang genommen, das jetzt im Klinikum hängt. Beim Belichten ist Jetzig ein Fehler unterlaufen, den nur erkennt, wer um diesen Fehler weiß. Aber das macht nichts. Jedes Jetzig-Bild ist eben ein Unikat.

Das Geheimnis der Farben

Die Digitalisierung hat nun auch Jetzig erreicht. Heute lässt der Künstler seine digitalen Fotografien von der Hinrichs-Fotofactory in Georgsmarienhütte auf Dibond-Platten bannen, die er auf einen Holzkasten setzt. Nun beginnt die Malerei – und die eigentliche Kunst. Jetzig benutzt nur Gelb, Rot, Blau. Die Farbstoffe, angerührt in Biojoghurtbechern, sind von besonderer Mixtur, über die Jetzig kein Wort sagt. Das ist sein Kunstgeheimnis und wohl auch Großteil seines Geschäftsmodells. Denn mit diesem Material gelingen ihm Farbexplosionen. Je nach Lichteinfall gewinnen Bildausschnitte eine eigene, fast blendende Strahlkraftkraft. Mehrere Schichten von Klarlack und Kunstharz geben den Farben zusätzliche Brillanz. Lackieren, schliefen, lackieren, schleifen. Zehn bis zwölf Mal durchläuft ein Bild diese Prozedur. Dazwischen braucht es immer mehrere Tage zum Trocknen. Auch deshalb dauert es Monate, bis Jetzig ein Bild fertig hat.

In seiner Werkstatt lagern Dutzende Bilder unterschiedlicher Fertigungsstufen. Jetzig produziert fortlaufend, nie wissend, ob sein Werk auch einen Käufer findet. Er investiert Geld in Material und Vorleistungen, ohne sicher sein zu können, dass sich der Einsatz refinanziert. Auftragsarbeiten – ja, die erledigt er auch. Gern sogar, weil sie ihm wirtschaftliche Sicherheit bieten.

Galerien in Frankfurt, Berlin und München

Jetzigs Bilder haben einen Markt. Sie werden von namhaften Galerien in Frankfurt, Berlin und München verkauft. Das gelingt, weil Jetzig in Katalogen inzwischen mit einer langen Liste von Ausstellungen werben kann, mit Ausstellungen unter anderem in Barcelona, Toronto, Kapstadt, New York, Zürich. Sammlungen von Jetzig-Bildern hängen in Frankfurter Bankenhochhäusern, Versicherungszentralen, Museen und auch bei der Sparkasse Osnabrück oder Oldenburgischen Landesbank.

Ein echter Jetzig?

Auch die Osnabrücker Thomas-Morus-Schule besitzt einen echten Jetzig. Als der Bericht über das teure Bild im Klinikum in der Zeitung erschien, erinnerte sich ein Lehrer an eine Aktion mit mehreren Osnabrücker Künstlern im Juni 1987. Auch Helle Jetzig arbeitete damals mit Schülern an einem Wandbild im Treppenhaus, das sich über zwei Stockwerke erstreckt und bis heute unangetastet ist. Die Hoffnung, dass sich dieses Jetzig-Bild nun als Schatz erweist, dürfte sich nicht erfüllen. Jetzigs Bilder aus jener Schaffensperiode haben (noch?) keinen so exklusiven Markt.


Im Februar zeigt Jetzig Bilder in der Galerie Kunstgenuss in der Liebigstraße in Osnabrück. Er stellt zusammen mit der jungen Künstlerin Merle Lembeck aus. Ausstellungseröffnung: Freitag, 2. Februar.

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