Uraufführung an der Probebühne Sehenswertes Stück: Beate Faßnachts „Tamara bleibt“

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Trotz Musik und Gesang: Harmonisch geht es zwischen Bernadette (Mariele Dransmann9), Gustl (Horst Allrutz), Walter (Wolfgang Kronenberg) und Regula (Ellen Moschitz-Finger) nicht immer zu. Foto: Sebastian OrtnerTrotz Musik und Gesang: Harmonisch geht es zwischen Bernadette (Mariele Dransmann9), Gustl (Horst Allrutz), Walter (Wolfgang Kronenberg) und Regula (Ellen Moschitz-Finger) nicht immer zu. Foto: Sebastian Ortner

Osnabrück. Die Probebühne hat Beate Faßnachts Komödie „Tamara bleibt“ uraufgeführt. Das Stück der Konstanzer Autorin überzeugt auf ganzer Linie.

Am Ende sind alle glücklich: das Ensemble, Probebühnenregisseur Hans Jürgen Meyer und auch Autorin Beate Faßnacht. „Die Schauspieler haben den Humor rübergebracht, aber auch den Schmerz“, lobt die aus Konstanz angereiste Autorin nach der Premiere in der Kellerbar der Probebühne die Aufführung.

Morbide und grotesk ist Faßnachts Komödie, die in einer Seniorenwohngemeinschaft spielt. Das Altwerden und der Tod haben hier nichts Tröstliches. Denn was bleibt schon vom Menschen übrig? In Siggis Fall eine Urne mit seiner Asche. Und selbst um die ist es geschehen, als die Urne umstürzt und die sterblichen Überreste im Staubsauger verschwinden.

Mit Siggi ist die Person in der Seniorenwohngemeinschaft gestorben, die alle zusammengehalten hat. Nun bricht der ein oder andere Konflikt aus. Und einen neuen Mitbewohner brauchen die anderen vier auch. „Eine Nutte“, schlägt Gustl vor. „Eine alte Nutte fände ich in Ordnung“, sagt Bernadette.

(Weiterlesen: Interview mit Beate Faßnacht zu ihrem Stück)

An der Endstation des Lebens

Faßnachts Alte sind an der Endstation des Lebens angekommen. Dort geht es alles andere als heiter zu. Zumindest für die Gestrandeten selbst. Regula (Ellen Moschitz-Finger) etwa, einst Schauspielerin, hat ein ausgeprägtes Alkoholproblem. Ihre Schwarzwälder Kirschtorte schwimmt vor lauter Schnaps fast vom Teller. Gustl (Horst Allrutz) bringt seine Mitbewohner mit seinem Hang zu derben Schimpfwörtern auf die Palme. Dazu hat er sein Triebleben nicht so ganz im Griff. Der manchmal weinerliche Walter (Wolfgang Kroneberg) ist Sänger, war früher aber Schriftsetzer und leidet darunter, dass sein Beruf ausgestorben ist. „Mich gibt‘s quasi nicht mehr“, stellt er fest. Und die so trocken-bissige Bernadette (Mariele Dransmann) wird Opfer einer ärztlichen Diagnose. „Der Arzt sagt, ich bin blind“, sagt sie, als sei eines Tages nach Hause zurückkehrt. Fortan läuft sie hilflos mit schwarzer Sonnenbrille und Blindenstock durch die Gegend.

Neue Mitbewohner gibt es eigentlich schon. Denn inzwischen ist Siggis Geliebte (Judith Duhme) mit ihrer 13-jährigen Tochter Olga (Vivian Schröder) aufgetaucht, später Nachwuchs des Verstorbenen. Was genau die „Kindsmutter“, wie sie nur genannt wird, will, ist nicht ganz klar. Vermutlich ein Erbe.

(Weiterlesen: Szenische Lesung an der Probebühne)

Überzeugendes Stück mit Sprachwitz und bösen Humor

Und dann ist da noch Tamara (Nadiné Dempewolff), die Putzfrau, eine stumme Rolle. Ständig wird sie „die Polin“ genannt. Dabei kommt sie aus Bad Salzuflen. Die Probebühne treibt dieses Verwirrspiel noch auf die Spitze, indem Tamara als kopftuchtragende Muslima auftritt. Wer also ist Tamara? Die Frage bleibt bewusst ungeklärt.

Dass die Probebühne den Zuschlag für das Stück bekommen hat, ist konsequent. Sicher, eine professionelle Bühne hätte andere Möglichkeiten gehabt. Doch das Ensemble an der Osnabrücker Wiesenstraße hat ein Ensemble, zu dem auch einige ältere Schauspieler gehören. Und die fahren hier (mal wieder) zu großer Spielfreude auf, zeigen aber auch, dass eine so lange Erfahrung auf der Bühne dem Ganzen gut tut. Dazu kommen drei weitere Schauspielerinnen, die ihre Sache richtig gut machen.

„Tamara bleibt“ ist nicht nur für die treuen Anhänger der Probebühne ein Pflichtbesucht. Denn Beate Faßnachts Tragikomödie ist ein enorm gutes Stück, das in der oberen Liga mitspielt. Die Alltagssprache mit ihrem Sprachwitz und die Schlagwertigkeit sowie der böse Humor begeistern. Und trotz all der Abgründe, die sich hier auftun, sind ihre Figuren doch irgendwie liebenswert.

(Weiterlesen: Kuppelshow an der Probebühne?)


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