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Mit den Eröffnungen am Güterbahnhof und in der Kunsthalle erlebte Osnabrück zwei denkbar gegensätzliche Events Kunst mal zwei: Spontis gegen Etablierte?


Osnabrück. „Arte Regionale“ gegen „Flashmob Kunst“? Oder andersherum? Osnabrück erlebte jedenfalls zwei Kunstevents an Orten, die gegensätzlicher kaum sein können.

Zerborstene Fenster, herabgefallene Dachsegmente, verrostende Maschinenteile, zerstörte Türelemente: Ein solches Ambiente schafft keinen Ort für Kunst. Jedenfalls nicht für die Kunst, die üblicherweise an akkurat weiß gestrichenen Museums- und Galeriewänden für Erbauung sorgt. Oder vielleicht doch? Am Samstag deklarierten Osnabrücker Künstler eine dem Verfall gewidmete Werkhalle auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs zum Kunstort (wir berichteten).

Die Idee, Besuchern an dem Tag, an dem die Arte Regionale in der Kunsthalle Dominikanerkirche eröffnet wird, einen unverstellten Blick auf die regionale Kunstszene zu gewähren, funktionierte. Mehr als 35 Künstler waren dem „Flashmob“ genannten Aufruf von Jakob Bartnik gefolgt, ihre Werke in baufälligem Umfeld zu präsentieren. Nicht wenige Kunstinteressierte betraten das Gebäude „auf eigene Gefahr“ und nahmen an diesem Tag die Chance wahr, einen groben Kontrast auf sich wirken zu lassen: Sie pilgerten vom Güterbahnhof zur Dominikanerkirche, wo die Werke der neun Künstler zu sehen sind, die eine Jury für würdig erachtetet hatte, die regionale Kunst zu repräsentieren.

Ein brisantes Spannungsfeld. Während am Güterbahnhof jeder Kunstschaffende, der wollte, zeigen konnte, was er mochte, und so die Gefahr von Beliebigkeit und Banalität entstand, wurde in den öffentlich finanzierten Räumlichkeiten die Kunst in den Fokus gerückt, die laut Votum von Fachleuten einem gewissen Qualitätsstandard entspricht.

Dass es in diesem Jahr nur neun Künstler sind, die der Wertung standhielten, empört die Szene. Denn mit dem Urteil klingt unterschwellig an, dass es nicht viele wirklich gute Künstler in unserer Region gibt. Aber: „Ich bin nicht hier, weil ich die beleidigte Leberwurst spielen will, sondern weil ich diesen Kunst-Flashmob hier für sehr reizvoll halte“, erklärt Eva Preckwinkel, eine von rund 130 Künstlern, die sich vergeblich bei der Arte Regionale beworben hatten. Überhaupt hegen die Kunstspontis keinen Zwist. Sie legen Wert darauf, dass es sich bei ihrer Aktion nicht um einen Gegenentwurf, sondern um eine „Reaktion“ auf die städtische Veranstaltung handelt, wie der Kunstwissenschaftler Prof. Dr. Martin Damus in seiner Einführungsrede erklärte.

Er begrüßte die Eigeninitiative der regionalen Künstler am Güterbahnhof, denn ohne ein solches Engagement funktioniere Kunst nicht – das habe die Geschichte gezeigt. So dürfte Kulturdezernentin Rita Maria Rzyski, die beide Veranstaltungen besuchte, mit ihrer Einschätzung nicht allein stehen, dass sowohl öffentliche Kunstförderung als auch die Selbstorganisation der Künstler enorm wichtig für eine lebendige Kulturszene sind.

Wie vital die Kunst in der Region Osnabrück ist, dafür gab es am Wochenende genügend Beispiele: Ob Malerei, die in Korrespondenz zu multiplen Graffiti in einer alten Werkhalle tritt, oder die Installation in einer demolierten Toilette, ob Readymade oder meditativer Blick auf weiße Raster, ob Video- und Aktionskunst oder studentische Aktskizze, das Spektrum war äußerst vielschichtig. Aber auch sehr kurzlebig – zumindest am Bahnhof. Die öffentlich geförderte Ausstellung in der Kunsthalle dauert dagegen bis zum 3. Oktober.

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