„ASP-Erreger kommt nicht durch die Luft“ Afrikanischen Schweinepest: Kreisveterinär warnt vor übertriebenen Ängsten



Bissendorf/Wallenhorst. „Die Afrikanische Schweinepest (ASP) kann schon morgen hier sein, es kann aber auch noch Jahre dauern, bis die tödliche Seuche nach Deutschland eingeschleppt wird“. Dr. Jörg Fritzemeier (50), Leiter des Veterinärdienstes für Stadt und Landkreis Osnabrück, warnt deshalb vor übertriebenen Ängsten, fordert aber gleichzeitig, wachsam und diszipliniert zu sein. Dazu gehöre vor allem das strikte Einhalten von Hygienevorgaben.

Seine Einschätzung begründet Fritzemeier mit der Tatsache, dass die ASP schon seit 2014 im Baltikum grassiert, bevor sie nach Polen und Tschechien einsickerte. Bei Einhaltung der Hygienevorschriften sei es „fast 100-prozentig zu schaffen, dass das ASP-Virus nicht in einen Schweinestall eingeschleppt wird“, zeigt sich der Kreisveterinär optimistisch. Allerdings ist es unabdingbar, dass Schutzvorgaben strikt eingehalten werden. Die Abschirmung der Hausschweinebestände ist einfacher, als die Wildschweine vor der Seuche zu schützen. „Der ASP-Erreger kommt nicht durch die Luft, wird nicht herübergeweht, sondern durch Kontakt übertragen“, erklärt Experte Fritzemeier. Es ist wesentlich, dass kein erregerhaltiges Material (Fleisch, Wurst, erlegtes Wild, kontaminierte Kleidung und Gerätschaften) aus den von ASP betroffenen Gebieten mit Haus- und Wildschweinen in Berührung kommt.

1600 Schweinehalter mit 1,2 Millionen Schweinen

Dass die 1600 Schweinehalter mit 1,2 Millionen Schweinen im Osnabrücker Land voller Sorge sind, bestätigt Hermann Wesseler (62) Vorsitzender des Bauernverbandes Bissendorf und selbst Schweineveredler mit Sauenhaltung, Ferkelaufzucht und Mast. Seinen Hof hat er mit einem Zaun geschützt, doch er ist sich bewusst, dass der Erreger durch einen dummen Zufall eingeschleppt werden kann. Deshalb hat er sich zusätzlich teuer versichert. Sein Kollege Ernst Linnemann (48) aus Rulle hat es ihm gleichgetan. Er mag sich nicht ausdenken, wenn die ASP auf Hausschweinbestände überspringen. Dann werde der Export sofort gestoppt, mit 30 Prozent Marktanteil ein wirtschaftliches Standbein der Schweineerzeuger.

Kein Tag ohne Sorge

Die ASP und ihre möglichen Folgen für die Schweinezüchter hat bei Linnemann inzwischen den Mittagstisch erreicht. Kein Tag ohne Sorge, ohne Gespräche über die Seuche. Wesseler mag sich nicht ausmalen, was bei internationalen Marktbeschränkungen eintritt, auch wenn sein Hof von der ASP verschont bleiben sollte. Der Fleischabsatz ginge in den Keller, ebenso die Preise. Von Milliardenschäden sprechen Experten. Etwa die Hälfte der Schweinehalter würde das wohl nicht überleben, heißt es.

Strikte Hygiene

Um die Gefahr zu verringern, dass die Seuche auf heimische Wildschweine überspringt, sind die Jägerschaften gefragt. Im Bereich der Damwild-Hegegemeinschaft Wiehenbirge-Ost sind 2017 etwa 50 Prozent mehr Wildschweine geschossen worden als 2016, berichtet der 1. Vorsitzende Wilfried Meyer (60). Das Ergebnis der letzten Drückjagd lasse den Schluss zu, dass hier die Population der Schwarzkittel deutlich verringert wurde. Meyer: „Aber es ist Vorsicht geboten. Wir müssen das Bewusstsein auf strikte Hygiene weiter schärfen.“ Das Thema steht im Mittelpunkt bei allen Zusammenkünften der Jäger.

Bestandsdichte der Wildschweine verringern

Die Zusammenarbeit mit den Jägerschaften ist für Kreisveterinär Fritzemeier zentraler Bestandteil seiner Strategie zur Vermeidung der ASP. „Die Bestandsdichte der Wildschweine zu verringern oder zumindest nicht noch anwachsen zu lassen, ist eine Stellschraube zur Verhütung der Einschleppung der Infektion“. Die lasse sich nicht einfach eindämmen: „Der ASP-Erreger kann in verendeten Wildschweinen über viele Monate infektiös überdauern. Es müsste jeder Kadaver unschädlich beseitigt werden, was kaum möglich ist“.

Wie unter einer Käseglocke abschirmen

Hausschweinehaltern rät Fritzemeier, ihre Betriebe noch besser gegen Seuchenerreger zu sichern, sie wie unter einer Käseglocke abzuschirmen. Hilfsreich sei es, alle täglichen Arbeitsschritte und Eintragswege – also alles, was rein und raus geht – aufzulisten und zu bewerten. Unkontrollierte Zugänge sollten geschlossen werden, der Zutritt nur durch eine Hygieneschleuse möglich sein, in der es Wasch- und Duschgelegenheiten zur Reinigung und Desinfektion gibt und wo betriebseigene Stallkleidung und Stiefel angelegt werden können. Dies müsse auch für die Mitarbeiter im Betrieb gelten.

Nie mit Jagdkleidung in den Stall

Bestandsbesucher wie Tierärzte, Tierzuchttechniker oder auch Handwerker, die Kontakt zu Haus- und Wildschweinen hatten, tragen ein höheres Risiko als jemand, der sonst nie mit Schweinen in Berührung kommt. Überdies sollten Futter- und Strohlager sicher gegen Wildschweine abgeschirmt werden.

Landwirte, die auch Jäger sind, sollten nie mit ihrer Jagdkleidung in den Stall gehen. Fritzemeier: „Es ist dringend geraten, dass die Landwirte sich noch einmal eingehend mit der Schweinehaltungshygieneverordnung beschäftigen und die Schutzmaßnahmen gegebenenfalls anpassen“.

Zu guterletzt appelliert der Kreisveterinär, niemals Speisereste auf Rastplätzen oder sie aus dem Wagenfenster in die Landschaft zu entsorgen. Fritzemeier: „Es ist sicherer und hygienischer, Speiseabfälle in der Haus-Mülltonne zu entsorgen“.


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