Innerlich zerrissen Osnabrücker SPD-Delegierte vor schwerem Parteitag

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Nachdenklich nahm Antje Schulte-Schoh als SPD-Bundestagskandidatin am Wahlabend das Ergebnis zur Kenntnis. Damals konnte sie noch nicht ahnen, dass es dieser Tage für ihre Partei doch wieder um eine Große Koalition geht. Foto: Michael GründelNachdenklich nahm Antje Schulte-Schoh als SPD-Bundestagskandidatin am Wahlabend das Ergebnis zur Kenntnis. Damals konnte sie noch nicht ahnen, dass es dieser Tage für ihre Partei doch wieder um eine Große Koalition geht. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, heißt es im Faust. Und wie Goethes tragische Figur mögen sich am Sonntag die SPD-Delegierten fühlen, die in Bonn über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen entscheiden müssen. Eine von ihnen ist Antje Schulte-Schoh, Vorsitzende des Unterbezirks Osnabrück.

Im Gespräch mit unserer Redaktion räumt die ehemalige Bundestagskandidatin freimütig ein, dass sie fünf Tage vor dem Parteitag noch nicht weiß, wie sie abstimmen wird. „Ich bin zerrissen“, sagt sie und dürfte damit stellvertretend für einen Großteil der Delegierten die Stimmungslage beschreiben. Einerseits sieht sich die Osnabrücker Sozialdemokratin der Partei verpflichtet, für die sie in einer Großen Koalition kaum Chancen sieht, Pluspunkte zu sammeln. Andererseits blickt sie auf die 20 Prozent der Wähler, die bei der Bundestagswahl im vergangenen September der SPD ihre Stimme gegeben haben. „Ich glaube, dass der SPD eine Große Koalition nicht gut tut“, sagt sie, aber: „Wir sind auch den Menschen verpflichtet, für die wir angetreten sind und die dieses Verhalten nicht gut finden.“

Die Genossen hätten in den Sondierungsgesprächen einige „Kröten Schlucken“ müssen. Für Schulte -Schoh sind das die Beschränkungen beim Familiennachzug, die Bürgerversicherung und andere sozialdemokratischer Forderungen, die sich in den Ergebnissen der Sondierer nicht wiederfinden lassen. Ihr persönlich wäre es lieber, „wenn es die CDU allein machen würde“. Es gebe aber auch Stimmen zum Beispiel aus dem gewerkschaftlichen Umfeld, die in einer Koalition die Chance sähen, Sozialpolitik in die Regierungsarbeit einzubringen.

Die SPD werde so oder so verlieren, ist sich die Osnabrückerin sicher, die mit Gero Peters als zweitem Delegierten nach Bonn reisen wird. Alles, was der alten Regierung nicht gelungen sei, sei der SPD angelastet worden, liegt ihr die Vergangenheit schwer im Magen. Immer wieder sei sie auf Forderungen angesprochen worden, die ihre Partei in vier Jahren Regierungszeit nicht umgesetzt habe. Dabei werde übersehen, dass eben viele Dinge mit den Partnern nicht zu machen gewesen sein. Zudem habe es Verträge gegeben, die einzuhalten waren.

Eine tiefergehende Liebe zu CDU und CSU vermag Schulte-Schoh offensichtlich auch nicht zu empfinden. So fragt sie sich mit leicht ironischem Unterton, wo denn eigentlich die CDU bei den Sondierungsverhandlungen gewesen sei. Gehört habe man überwiegend nur die CSU. Und was sie dort vernommen habe, sei eigentlich ein Grund, keine Koalition einzugehen.

In diesem Punkt stimmt ihr der Nachwuchs der Partei zu. Und auch wenn es um des Pudels Kern geht, also die Frage nach einem „Ja“ oder „Nein“ zur Groko, sind die Jusos anders als Schulte-Schoh bereits fest entschlossen: Koalitionsverhandlungen kommen für den Parteinachwuchs auf keinen Fall in Frage, wie ihre Vorsitzenden Timo Spreen und Lina-Johanna Exner via Pressemitteilung verlautbaren. „Wir glauben, dass eine neue Groko nur die politischen Ränder stärkt“, sagt Spreen.

Was nun also? Neuausrichtung der Partei in der Opposition? „Wie soll die Erneuerung denn aussehen und wer soll die Partei denn mitnehmen auf diesem Weg? Wie können wir die Leute begeistern?“ Schulte-Schohs Skepsis gegenüber den Erwartungen vieler Sozialdemokraten an die Oppositionsrolle ist nicht zu überhören. Sie und Peters reisen am Sonntag ohne ein Mandat der Basis in die alte Bundeshauptstadt und sind damit allein ihrem Gewissen verpflichtet. Da bekommt eine andere Idee plötzlich Gewicht: Wenn die Delegierten den Weg für Koalitionsverhandlungen freigeben, werden deren Ergebnisse der gesamten Partei zur Urabstimmung gestellt. Für die Osnabrückerin ein durchaus gangbarer Weg. Zunächst einmal will sie aber hören, ob die SPD-Spitze sie auf dem Parteitag noch mit Argumenten zu überzeugen vermag.

Goethes Doktor Faust hat versucht, sein Dilemma zu lösen, indem er sich der schwarzen Magie zuwandte. Diese Gefahr ist bei Antje Schulte-Schoh nicht gegeben, eine schwierige Entscheidung steht ihr aber am Sonntag auf jeden Fall bevor.


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