„Muss aussehen wie eine Netflix-Serie“ Regisseur Floris Visser spricht über seine Liebe zu „Antigona“

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Mann mit exakten Vorstellungen: Regisseur Floris Visser inszeniert bereits zum dritten Mal in Osnabrück. Foto: Jörn MartensMann mit exakten Vorstellungen: Regisseur Floris Visser inszeniert bereits zum dritten Mal in Osnabrück. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Floris Visser ist guter Dinge. Denn schon am Dienstag steht seine Inszenierung der Oper „Antigona“ von Tommaso Traetta. Für den Regisseur geht damit ein Traum in Erfüllung.

Herr Visser, wer hatte die Idee, „Antigona“ von Tommaso Traetta auf die Bühne zu bringen?

Ich bin auf „Antigona“ gekommen: im Jahr 2000. Da hat der französische Dirigent Christophe Rousset die Oper aufgenommen, und außerdem hat er sehr viel in Amsterdam dirigiert. Ich war damals an der Theaterakademie, und Rousset hat die Idee gehabt, wir sollten etwas mit dieser Oper, diesem Stoff machen. Ich war völlig überrascht, da ich den Namen Tommaso Traetta noch nie gehört hatte. Ich entdeckte, dass er bei Katharina der Großen Hofkomponist in St. Petersburg gewesen war, wo die Oper auch uraufgeführt wurde. Dann ist sie verschwunden, weil im 19. Jahrhundert die russische Nationaloper aufkam.

Ist das der Grund, warum wir bis heute Traetta vergessen haben?

Das ist der eine Grund. Der andere ist, dass wir nach 1917 den Kommunismus und die Sowjetrepublik gehabt haben: Da kam Traetta überhaupt nicht in Frage, weil alle Kunst russisch sein musste. Ab den 60-er Jahren begannen Harnoncourt, Gardiner und Jacobs, unbekannte Werke neu aufzuführen – Russland war von dieser Entwicklung abgekoppelt. Und eine Kopie des Stücks lag in Ost-Berlin: ein Geschenk Katharinas der Großen an ihren Cousin Friedrich den Zweiten. Der hatte Traetta ja nach Petersburg geschickt, und sie hat sich dafür mit der „Antigona“-Partitur revanchiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist diese Partitur hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden.

Wie ging ihre Liebe zu „Antigona“ weiter?

Als 19-, 20-jähriger Schauspielstudent habe ich mich intensiv mit der Tragödie von Sophokles beschäftigt. Es gab auch einen Regisseur, der mit der Theaterakademie und dem Konservatorium eine Fassung erarbeiten wollte, die die Oper von Traetta und das Original von Sophokles mischen sollte. Jede Rolle war mit einem Schauspieler und einen Sänger besetzt. Leider ist das Projekt nie vollendet worden. Wir waren sehr weit gekommen, aber dann gab es irgendein Problem; vielleicht eine Geldfrage. Ich hatte aber die Partitur und bin fortan damit durch die Welt gelaufen. Als ich Intendant des Theaters Trionfo geworden war, habe ich sofort gesagt, wir müssen „Antigona“ machen. Dann kam, nach der gemeinsamen Produktion von „Owen Wingrave“ die Frage von Intendant Ralf Waldschmidt und von Geschäftsführer Matthias Köhn nach einer weiteren Koproduktion, die diesmal von Osnabrück aus nach Holland geht. Ich habe sofort gesagt, dann muss es Antigona sein. 18 Jahre nach dem ersten Kennenlernen mache ich jetzt die „Antigona“.

Damit geht also ein Jugendtraum in Erfüllung.

Ja, so kann man das sehen. Für mich symbolisiert „Antigona“ oder das originale „Antigone“ den Grundriss dessen, was Theater im Westen sein muss. Die Geschichte ist sehr ökonomisch, man kann das in 90 Minuten spielen. Aber schon bei Sophokles steckt all das drin, was Theater sein muss.

Nämlich?

Schauspiel und Oper können aktuell sein, sich um Politik drehen, um die Gesellschaft oder es kann eine Familientragödie sein. „La Bohème“ ist kein politisches Stück, sondern ein Liebesdrama über junge Leute. „Owen Wingrave“ berührt politische Fragen und ist eine Familientragödie, aber da gibt es keine Gesellschaft. Jetzt, in diesem Stück, kommen das Mikro- und das Makrodramen zusammen. Wenn ich meinen Studenten erklären muss, was Theater im Westen seit 2000 vor Christus ausmacht, ist „Antigone“ das beste Beispiel.

So unterschiedlich die Stücke sind, die Sie bisher in Osnabrück inszeniert haben: Es gab Parallelen in der Bühnenästhetik. Graue Mauern, rote Farbakzente.

Dieses Mal habe ich nur einen kleinen Akzent. Aber Bühnenbild und Ausstattung sind mir natürlich ganz wichtig. Ich versuche immer; einen geschlossenen Raum zu schaffen, damit ich die Technik des Theaters nicht mehr sehe. Das Publikum soll gewissermaßen hineingezogen werden in den Raum. Da wird dann jedes Detail wichtig: Ein Dolch ist nicht nur eine Waffe, sondern ein Dolch kann für eine Familiengeschichte stehen, für Rache. In einem minimalistischen Bühnenbild wird jedes Element metaphysisch, hat mehrere Seiten. Wichtig ist dabei, dass das Drama aktuell und zeitlos ist. Die Bühne muss aussehen wie eine Netflix-Serie: Damit kann sich ein junges Publikum wiederfinden. Nichts ist dabei zufällig. Jeder Blick, jede Handbewegung, jeder Schritt ist genau erarbeitet und sehr oft geprobt.

Das heißt, jeder weiß zu jeder Zeit, was er tut und warum er es tut?

An jeder Stelle. Die Partituren der Sänger, die der Assistenten und meine Partitur sind voll mit Notizen und Zeichnungen. Wenn man den Blick nicht auf den Dolch wirft und ihn nur nimmt, verliert er seine metaphysische Vieldeutigkeit. Wenn man nicht darüber redet, warum das Ding wichtig ist, wird es nicht wichtig. Dann sehen wir nur eine Aktion mit einem Dolch – und das ist mir wurscht. Wir müssen einerseits emotional sehr tief gehen, andererseits physisch sehr genau wissen, was wir machen. Durch die Musik wird das Theater schnell pathetisch oder melodramatisch. Oper kann groß sein – aber sie muss wahr sein. Wenn ich das nicht spüre, finde ich es schrecklich.

Welche Bedeutung kommt da dem Bühnenbild zu?

Es ist bei uns nicht wie beim Maler vor der leeren Leinwand, nein. „Antigona“ funktioniert über Politik, ist immer aktuell. Es geht um Familie, um Macht, um die Konkurrenz von weltlicher und religiöser Macht – was ist wichtiger? Es ist eine Liebesgeschichte zwischen Emone und Antigona; beide sterben im Grab. Um das alles in ein Bild zu fassen, muss das Bild stimmen. „Antigona“ ist nicht Rom. Das ist Griechenland, das ist Erde, Pflaster, Sonne, die brennt, oder eine sehr warme Nacht. Das muss ein Bühnenbild wiedergeben. Die Leute denken, ach, da ist wieder Floris Visser mit seinem schlichten Bühnenbild, aber die Leute verstehen nicht, wie genau über jedes kleine Detail auf der Wand nachgedacht worden ist. Wenn die Farbe falsch ist, bin ich nicht mehr in Griechenland!

Ist die Geschichte aus unserer nüchtern-modernen Perspektive nicht sehr übertrieben? Wo endet denn eine Liebe im Tod?

Das hat zu tun mit dem Grund, warum sie sterben. Was macht Sophokles, was macht Traetta, was macht, im 20. Jahrhundert, Jean Anouilh? Wie gesagt, ich lebe schon 20 Jahre mit diesem Stück und kenne alle Farben. Bei der Traetta-Fassung ist zum Beispiel wichtig, dass es ein „lieto fine“ gibt, ein Happy End. Denn einer Zarin kann man nicht zeigen, wie der Herrschersohn stirbt und Antigona auch. Der Herrscher muss genau im richtigen Moment auf die Bühne kommen und sagen, „Ah, serbala e vivi, io leperdono!“ – ich verzeihe Euch. Doch das funktioniert heute nicht mehr!

Was bedeutet das für Ihre Regie?

250 Jahre nach Voltaire und Traetta haben wir gelernt, dass diese Erleuchtungsgeschichte von Voltaire und anderen nicht das gebracht haben, was die Menschen im 18. Jahrhundert gedacht hatten. Wir haben deshalb das Ende verändert. Die beiden Geliebten wollen ja gemeinsam sterben, aber wie macht man das? In diesem Moment wendet sich bei Traetta alles zum „lieto fine“, und da greifen wir ein. Am Ende liegen beide am Boden, aber sie erstechen sich nicht heroisch auf der Bühne. Die beiden haben einen Konflikt, wie sie sich töten sollen – das ist interessant. Es geht um das Kämpfen gegen so einen Liebestod, nicht darum, den Liebestod zu sterben. Das ist wie mit Tränen auf der Bühne: Die sind mir ganz wurscht. Es geht um den Kampf gegen die Träne. Es geht nicht darum, zu Boden zu sinken – das ist Pathetik. Kein Mensch will auf dem Boden liegen, aber es gibt den einen Moment, gegen den man ankämpft. Ich sage immer: Geh nicht sofort nach unten, bleib stehen, bis es nicht mehr anders geht! Und das muss man sehr genau körperlich erarbeiten.


Antigona, Oper von Tommaso Traetta. Premiere: Samstag, 20. Januar, 19.30 Uhr, Theater am Domhof. Kartentel.: 0541/7600076. Internet: www.theater-osnabrueck.de

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