Absagte Bombenräumung in Osnabrück War das Rohr im Bahndamm eine alte Wasserleitung aus Leeden?

Aufwendige Blindgängersuche in Osnabrück: Im Gegensatz zu einer Pressesprecherin der Bahn schließt Jürgen Wiethäuper von der Stadt Osnabrück nicht aus, dass es sich bei dem gefundenen Rohr um einen Teil der alten Wasserleitung nach Leeden handelt. Foto: Philipp HülsmannAufwendige Blindgängersuche in Osnabrück: Im Gegensatz zu einer Pressesprecherin der Bahn schließt Jürgen Wiethäuper von der Stadt Osnabrück nicht aus, dass es sich bei dem gefundenen Rohr um einen Teil der alten Wasserleitung nach Leeden handelt. Foto: Philipp Hülsmann

Osnabrück. „Keine Bombe, sondern eine alte Leitung“ hieß es am vergangenen Wochenende: Im Bahndamm nahe der dreigleisigen Bahnbrücke über die Straße „An der Petersburg“ in der südlichen Innenstadt wurde eine alte Wasserleitung entdeckt – und kein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Mehrere Leser fragten unsere Redaktion, ob dies nicht doch eher hätte erkannt werden können.

„Welch ein Aufwand“, kommentierte Helmut Lauxtermann, der bis 2011 der Leiter des Fachbereichs Tiefbau der Gemeinde Hagen war, auf noz.de die Blindgängersuche. Und er war sich sicher: „Bei der gefundenen Gussleitung handelt es sich voraussichtlich um die alte Wasserleitung vom Wasserwerk Schollbruch Leeden bis zum Hbf zur damaligen Bespeisung der Dampfloks.“

(Weiterlesen: Stadt gibt Entwarnung: Evakuierung am Sonntag abgesagt)

Außerdem wusste er: „Das Wasserwerk wurde vor rund 20 Jahren von der Deutschen Bahn (DB) an den Wasserverband Tecklenburg verkauft.“ Die alten Leitungen wären damals noch funktionstüchtig gewesen und im Untergrund geblieben. Zudem sei die Wasserleitung aus Leeden heute bis auf das Teilstück vom Schollbruch bis zur Druckstation Natrup-Hagen nicht mehr in Betrieb. Dort sei die Leitung nach Osnabrück zur Wasserversorgung des Ortsteils Natrup-Hagen vor circa 30 Jahren angezapft worden. Lauxtermann habe damals für die Gemeinde Hagen die Verhandlungen geführt. Lauxtermann: „Auch seinerzeit musste die Lage der Leitung durch Feststellungsarbeiten erkundet werden, detaillierte Pläne lagen bei der DB nicht vor. Die Leitung dürfte über 100 Jahre alt sein.“

Leser erinnern sich an die Wasserleitung

Der pensionierte Beamte ist nicht der einzige, der sich an die Wasserleitung zur Versorgung der Dampfloks erinnert. Auch Alfred Schroedter weiß durch seinen Vater, der Eisenbahner war, dass die Bahn das nötige Wasser für die Dampfloks vielfach in bahneigenen Brunnenanlagen gewann. „Eine solche Brunnenanlage betrieb die Bahn in Natrup-Hagen. Das dort geförderte Wasser wurde in einer entsprechend großen Leitung aus Gusseisen nach Osnabrück gepumpt und dort zum Beispiel in dem noch vorhandenen Wasserturm gespeichert.“

Schroedter wurde sogar noch konkreter: „Die Wasserleitung war auf der östlichen/südöstlichen Seite in frostsicherer Tiefe im Bahndamm verlegt. Nur an Brücken verlief die Leitung oberirdisch und war entsprechend gegen Kälte isoliert.“ Wie Lauxtermann vermutet Schroedter: „Das jetzt gefundene gusseiserne Rohr (circa 20 Zentimeter Durchmesser) war sicherlich Teil dieser Wasserleitung.“

Wäre der ganze Aufwand also vermeindbar gewesen?

Unsere Redaktion gab die Frage, ob die Planung einer – letztlich bekanntlich abgesagten – Evakuierung von 16.500 Menschen vermeidbar gewesen wäre an die Bahn weiter. Eine Sprecherin antwortete schriftlich: „Selbstverständlich werden im Vorwege alle vorhandenen Unterlagen gesichtet. So auch in diesem Fall. Die von Ihnen genannte stillgelegte Wasserleitung der ehemaligen Dampflok-Bespeisung ist uns bekannt. Diese liegt jedoch deutlich weiter südlich vom Verdachtsort entfernt.“

Und sie fügte hinzu, nachdem unsere Redaktion noch einmal nachgehakt hatte: „Bei den am Verdachtspunkt gefundenen Materialien handelte es sich um diverse Metallteile und Rohre, die nicht mit der Wasserleitung in Verbindung standen.“ Grundsätzlich müsse bei Verdachtsfällen eine Gefahr ausgeschlossen und gehandelt werden.

Wiethäuper kann der Bahn nicht zustimmen

Mit den verschiedenen Meinungen konfrontiert, erklärte Jürgen Wiethäuper, Leiter des Ordnungsamts der Stadt Osnabrück: „Unser Stand war, dass in es in diesem Bereich nach den zur Verfügung stehenden Plänen keine Leitungen gibt.“ Und er fragte: „Südlich des Bahndamms – wo soll das sein? Das erschließt sich mir nicht.“

Allerdings weiß Wiethäuper aus Erfahrung: „Papier ist geduldig, Theorie und Praxis sind manchmal zweierlei.“ Er habe bei Sondierungen schön öfter erlebt, dass in Wahrheit ganz anders gebaut worden ist, als im Plan verzeichnet. Und er betonte: „Alles, was wir bekommen konnten, haben wir in unsere Überlegungen mit einbezogen.“

Zeitzeugen können helfen

„Im Nachhinein ist man immer klüger“, so Wiethäuper weiter. Er sei bis dato davon ausgegangen, dass die Bespeisung der Dampfloks über den von Alfred Schroedter erwähnten Wasserturm abgewickelt wurde. Von einer Leitung aus Leeden habe er bis jetzt nichts gewusst. „Wenn wir diese Aussagen früher gehabt hätten, hätten wir überlegt, wie wir damit umgehen müssen und eventuell weitere Sondierungsbohrungen gemacht“, erklärte Wiethäuper, „so hatten wir keinen Aufhänger, infrage zu stellen, dass dort ein Blindgänger liegt“. Zeitzeugen könnten oftmals sehr hilfreich sein und sollten sich stets gerne bei der Stadt melden, wenn sie im Hinblick auf die Blindgängersuche Hinweise hätten.

Fund könnte besagte Leitung sein

Im Gegensatz zur Bahnsprecherin schloss der Fachmann der Stadt Osnabrück letztendlich nicht aus, dass es sich bei der gefundenen gusseisernen Leitung tatsächlich um die alte Wasserleitung nach Leeden handelt: „Die Größe würde passen.“ Den Fund, der den Bombenalarm ausgelöst hatte, beschrieb er als Rohr, das in Schlacke lag.


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