In Hannover werden Unterkünfte „umgewidmet“ Wie Osnabrücker Wohnungslose über Hilfe für Flüchtlinge denken

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Osnabrück . „Und was ist mit unseren Obdachlosen?“ Kaum ein Artikel zum Thema Flüchtlingspolitik kann im Internet stehen, ohne dass jemand darunter einen Kommentar wie diesen schreibt. Wir haben mit Wohnungslosen aus Osnabrück über das Thema Flüchtlinge gesprochen.

Eigentlich könnte man annehmen, dass Wohnungslose derzeit eine Welle der Solidarität erleben. Denn wann auch immer in den sozialen Netzwerken ein Bericht über Hilfsaktionen für Flüchtlinge erscheint, folgen fast reflexhaft Kommentare, die fragen, warum man denn den Menschen, die hierzulande auf der Straße leben, nicht im gleichen Maße unter die Arme greife. Auf die Frage, ob angesichts so vieler sich Gedanken machender Menschen denn das Spendenaufkommen kräftig angezogen habe, schüttelt Michael Strob, Geschäftsführer des Katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM) in Osnabrück den Kopf. „Sie sind aber auch nicht immens eingebrochen“, sagt Strob.

„Genauso am Arsch wie wir“

In der Bramscher Straße 11 befindet sich die Fachberatungsstelle der Wohnungslosenhilfe. Hier wird die Straßenzeitung „Abseits“ gemacht, und hier sitzt auch Frank Loges und trinkt schwarzen Kaffee. Er kommt gerade von der „warmen Platte“, einem Angebot des SKM in den kalten Monaten: Schlichte beheizbare Räume mit Sanitäranlagen in einem Gebäude, das bald abgerissen, umgebaut oder anderweitig genutzt werden soll.

Zu dem Thema Flüchtlinge hat er eine klare Meinung. „Also im Grunde ist es doch so: Die sind genauso am Arsch wie wir.“ Er lacht. Eine Neiddebatte gebe es nicht, meint er. „Wenn wir auf jemanden schimpfen, dann auf die Stadt, dass die mehr tun soll“, sagt Frank Loges. „Die Flüchtlinge wollen ja im Grunde auch gar nicht viel. Also der Omar und der Mohammed...“ Wer bitte? „Zwei unbegleitete Minderjährige. Gut, die sind inzwischen auch so 18 oder 19. Die wollen einfach nur einmal ankommen, suchen eine ganz kleine Bude mit Kochzeile, mehr nicht.“ Woher er die beiden kenne? „Die habe ich auf dem Neumarkt kennengelernt. Da ist ein Hotspot, daher sind da oft einige Flüchtlinge. Da haben sie freien Internetzugang und können mit ihrer Familie in Kontakt kommen. Ist ja auch klar, dass die mal einen Koller kriegen, wenn die zu dritt in einem kleinen WG-Zimmer wohnen, dann kommen die noch aus unterschiedlichen Ländern, haben unterschiedliche Religionen, sprechen unterschiedliche Sprachen und sollen einfach mal so miteinander klar kommen. Sitzen in ihren Notunterkünften und dürfen nicht arbeiten, auch doof.“

Frank Loges spricht schnell und findet deutliche Worte. „Wenn hier irgendwo die AfD auftritt, dann stehe ich als Gegendemonstrant in der ersten Reihe“, sagt der 51-Jährige und grinst. „Aber ich schmeiße keine Steine oder Eier, so was mache ich nicht.“

Von rechtsextremer Gruppe unterwandert

Ein knappes Jahr ist es mittlerweile her, dass eine rechtsextreme Gruppierung mit dem Titel „Bündnis Deutscher Patrioten“ versucht hat, in Osnabrück die Wohnungslosenhilfe für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Nach einem Bericht unserer Redaktion hat der SKM nie wieder etwas von dieser Gruppe gehört, doch im ganzen Bundesgebiet ist es zu ähnlichen Aktionen gekommen, wie Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe berichtet: Rechtsextreme Gruppen hätten Kleiderspenden bei der Wohnungslosenhilfe abgegeben, allerdings mit der Auflage, diese nur für Deutsche zu verwenden. Der gute deutsche Wohnungslose? Rosenke kennt auch die vermeintlich solidarischen Kommentare aus den sozialen Netzwerken: „Besonders ärgerlich und schlimm ist es, dass dies vor allem aus Kreisen passiert, die sich ansonsten über die sogenannten Asozialen – wie sie Obdachlose nennen – erheben und diese nicht selten auch gewalttätig attackieren“, sagt sie.

„Zu viele reingelassen“

Aber es gibt auch andere Stimmen. Zum Beispiel die von Eckart Preußner, der bis auf kurze Unterbrechungen 20 Jahre lang auf der Straße gelebt hat und vor wenigen Monaten dank der Unterstützung des SKM eine eigene Wohnung gefunden hat. Ein Ausländerhasser sei er nicht, aber es gebe nun mal „solche und solche“, und schlimmer sei es schon geworden, wenn man auf die Straße gehe und kaum noch jemand Deutsch spreche, sagt der 66-Jährige. „Der Staat hat einfach zu viele reingeholt“, sagt Preußner. Bei der Wohnungssuche habe er mehrmals von Vermietern gehört, dass sie die Wohnung lieber einem Flüchtling gäben als ihm.

Zu wenig Wohnraum

„In Osnabrück gibt es zu wenig bezahlbaren Wohnraum“, sagt Thomas Kater von der SKM-Fachberatung für Wohnungslose. Um diesen Wohnraum konkurrieren aber nicht nur Wohnungslose und Flüchtlinge, sondern auch Studenten, Singles und Senioren. Dass Flüchtlinge und Wohnungslose direkt aneinander geraten seien, ist ihm nicht bekannt. „Da gibt es recht wenig Berührungspunkte“, so Kater.Symbolfoto: dpa/Gentsch

Hannover als Vorbild?

In Hannover sind kürzlich zwei leer stehende Flüchtlingsunterkünfte für Obdachlose geöffnet worden. Ein Modell, das auch für Osnabrück vorstellbar wäre? SKM-Geschäftsführer Michael Strob glaubt es nicht. „Was wir brauchen, ist dezentraler Wohnraum“, sagt er. Statt Massenunterkünften würden kleine Wohnungen in unterschiedlichen Stadtteilen benötigt, die es ermöglichen, sich wieder richtig in die Gesellschaft zu integrieren.

Derzeit leben 170 Menschen ohne festen Wohnsitz in Osnabrück, rund 30 von ihnen auf der Straße. „Es gibt keinen Bürger in der Stadt, dem keine Hilfe angeboten werden würde“, sagt Michael Strob. Im Grunde muss niemand auf der Straße leben. Aber es gibt Menschen, die keine Hilfe annehmen wollen oder können – aus den unterschiedlichsten Gründen.

Probleme mit Junkies und Studenten

Auf die Frage, ob er denn so eine Unterkunft, in der mehr als 100 Menschen untergebracht werden, genutzt hätte, sagt Eckart Preußner: „Ja, vielleicht schon. Wenn sie richtig sauber ist. Zum Waschen und wieder raus. Oder im Winter.“ Wenn er sehe, dass für Flüchtlinge Häuser gebaut werden und wie diese Räume dann herunterkämen, dann „geht mir das an die Schnur.“ Er sagt aber auch: „Natürlich sieht man Unterschiede. Ich habe einen Syrer kennengelernt, der spricht druckreif Deutsch.“ Wer wegen Krieg und Terror gekommen sei, der brauche Hilfe. Seine Ablehnung richtet sich an die, „die da noch so mitkommen.“ ( Weiterlesen: Wohnungslose haben Schulden bei Versicherungen)

Frank Loges hat hingegen mit ganz anderen Gruppen Problemen: Junkies und Wohnungslose, das gehe nicht zusammen, das seien ganz unterschiedliche Szenen. Und „Trouble“, wie er es nennt, gebe es auch manchmal im Schlossgarten mit Studenten, die vom Feiern kämen und „echt mies drauf“ seien. Mit den Flüchtlingen habe er stattdessen im Sommer an der Hase gesessen. Die hätten da gegrillt und Musik gemacht.

Ob für Flüchtlinge zu viel Geld ausgegeben werde? Der 51-Jährige schüttelt den Kopf: „Heute Morgen im Radio, da haben sie gesagt: Weitere Milliarden für den Berliner Flughafen. Dafür ist Geld da. Für einen Flughafen. Das ist doch ein Witz, was die da verballern. Was man erreichen könnte, wenn man das mal in Bildung stecken würde.“

Frank Loges im Video: Wie ein Osnabrücker auf der Straße landete


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