Sozialarbeiterin hilft Hartz-IV-Empfängern Wohnungscoaching in Osnabrück kann sehr frustrierend sein

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Osnabrück. Die Warteschleifen der Wohnungsbaugesellschaften in Osnabrück kann Sabine Stahmeyer mitsingen. Als Wohnungscoach ist es ihr Job, Harz-IV-Empfängern bei der Wohnungssuche zu helfen.

Ihre Klienten kommen direkt vom Jobcenter. Alle beziehen Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz IV, und haben es alleine nicht geschafft, eine Wohnung zu finden. Das vom Jobcenter in besonders schwierigen Fällen bewilligte Wohnungscoaching ist ihre letzte Hoffnung. „Man sieht viel Not an dieser Stelle“, sagt Stahmeyer, „aber oft sind es tolle Menschen, die zu mir kommen.“ Sie aufzubauen, ihnen Mut zu machen und ihnen zu helfen, ihre Würde zu bewahren – auch das gehört zu ihren Aufgaben, nicht nur das reine Vermitteln von Wohnungen. Seit etwa zwei Jahren ist Sabine Stahmeyer in Osnabrück als Wohnungscoach tätig, im Hauptberuf arbeitet sie im Bereich Ambulante Erzieherische Hilfen bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Kreisverband Osnabrück.

Diverse Gründe

Die Gründe, warum die Menschen zu ihr kommen, sind völlig unterschiedlich, sagt Stahmeyer und zählt auf: Einigen wurde wegen Eigenbedarfs gekündigt, Familien haben Zuwachs bekommen und nun zu wenig Platz, andere suchen händeringend eine neue Wohnung, weil der bisherige Vermieter sich nicht um Mängel wie Schimmelbefall kümmert. Einige Trennungsfälle sind darunter und zahlreiche Alleinerziehende. Viele ihrer Klienten haben Probleme mit der deutschen Sprache, auch Flüchtlingsfamilien betreut Stahmeyer. Mit allen arbeitet sie beim ausführlichen Erstgespräch Probleme wie Stärken heraus und stellt einen Aktionsplan zusammen: Was können sie selbst machen, wo benötigen sie Hilfe? Sie vermittelt bei Bedarf Kontakte zur Schuldnerberatung, arbeitet mit ihren Kunden an deren Erscheinungsbild und Auftreten. „Viele können mehr, als sie sich zutrauen“, sagt Stahmeyer. Dann hilft sie bei der Recherche sowie bei der Kontaktaufnahme zu den Vermietern.

Keine Erfolgsgarantie

Schon beim Erstgespräch sagt Sabine Stahmeyer den Suchenden deutlich, dass es auch sein kann, dass sie keine Wohnung finden. Manche Klienten brechen von sich aus ab. Sobald das Coaching beginnt, läuft die Zeit. Maximal 25 Stunden bewilligt das Jobcenter.

Absurditäten

Die Sozialarbeiterin kämpft an vielen Fronten. Da wären zum Beispiel die Angemessenheitsgrenzen. Jährlich legt die Stadt fest, bis zu welcher Höhe Miete und Nebenkosten übernommen werden und wie groß die Wohnungen sein dürfen. Bei zwei Personen beispielsweise lag die Obergrenze in Osnabrück Ende 2017 bei 60 Quadratmetern und einer Bruttokaltmiete in Höhe von 485 Euro. „Es fehlt einfach an Wohnungen, die im Rahmen dieser Angemessenheitsgrenzen da sind“, sagt Stahmeyer. „Die meisten sind zu teuer.“ Oder zu groß. Oder zu klein. Und dann wären da die privaten Vermieter. „Einige sind sehr offen, andere lehnen Jobcenterkunden aber grundsätzlich ab.“ Absurditäten begegnen Sabine Stahmeyer etliche. Eine vierköpfige Familie etwa, die in einem 24 Quadratmeter großen Zimmer mit Gemeinschaftsbad lebte, durfte bei einer Wohnungsbaugesellschaften nicht in eine Dreizimmerwohnung einziehen, weil die Gesellschaft die Wohnung für zu klein für sie befand. (Weiterlesen: Rat beschließt Quote für mehr Sozialwohnungen in Osnabrück)

Hohe Hürden seitens der Vermieter

Eine Wohnungsgesellschaft fordere bereits bei der Bewerbung, dass die potenziellen Mieter den Vertrag unterschreiben und sämtliche Unterlagen liefern. „Das bedeutet für die Kunden großen Stress“, sagt Stahmeyer. Ausweiskopie und gegebenenfalls Aufenthaltsgenehmigung, Bewilligung vom Jobcenter, Wohnungsberechtigungsschein (bei Sozialwohnungen), Gehaltsabrechnung oder Leistungsnachweis: All das müssen sie vorlegen – ohne jegliche Garantie, dass der Mietvertrag seitens der Wohnungsbaugesellschaft überhaupt zustande kommt. Auf der anderen Seite komme es jedoch auch vor, dass manche ihrer Kunden Termine nicht wahrnähmen, sagt Stahmeyer.

Situation verschärft sich

Bei vielen Besichtigungen ist sie als Wohnungscoach mit dabei. Oft kann sie nur den Kopf schütteln. „Sanierungen werden nicht durchgeführt, weil die Wohnungen auch so vermietet werden“, sagt sie beispielsweise. „Ich sage den Familien, dass sie auch Nein sagen dürfen zu einer Wohnung“, betont sie. Sie habe es aber auch schon erlebt, dass eine Familie sich aus Not auf eine schimmelige Wohnung beworben hat.

Die Sozialarbeiterin merkt deutlich, dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt in den vergangenen Jahren verschärft hat. „Es fehlt eine städtische Wohnungsbaugesellschaft“, ist Stahmeyers Meinung. Immerhin: Bei mehr als der Hälfte ihrer bisherigen Coachings hatte sie Erfolg, und die Dankbarkeit, die die Familien ihr entgegenbringen, ist groß. Trotzdem ist eines wesentlich in ihrem Job: „Man muss mit Frustration umgehen können.“


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