Sache geht im Notfall vor Gericht Osnabrücker Rollstuhlfahrer und Vater ärgert sich über Krankenkasse

Von Cornelia Achenbach

Dank seines Handbikes kam Reimar Deibert in der Vergangenheit im Alltag gut zurecht, konnte seine Kinder von der Kita abholen und mit ihnen auf den Spielplatz gehen. Foto: David EbenerDank seines Handbikes kam Reimar Deibert in der Vergangenheit im Alltag gut zurecht, konnte seine Kinder von der Kita abholen und mit ihnen auf den Spielplatz gehen. Foto: David Ebener

Osnabrück. Reimar Deibert ist Lehrer am Gymnasium „In der Wüste“, Vater zweier kleiner Kinder – und Rollstuhlfahrer. Dank eines sogenannten „Handbikes“ mit Elektromotor kam er im Alltag bislang gut zurecht, doch nun ist das Gerät nach zehn Jahren Benutzung defekt. Und die Krankenkasse will kein neues bewilligen.

Reimar Deibert war 17 Jahre alt, als er in einen See sprang und mit dem Kopf aufkam. Seither sitzt der heute 36-Jährige im Rollstuhl. „Ich habe mich quasi selbst querschnittsgelähmt“, sagt Deibert, der am Osnabrücker Gymnasium „In der Wüste“ Deutsch und Englisch unterrichtet. Reimar Deibert ist ein sogenannter Tetraplegiker; das heißt, dass er in allen vier Gliedmaßen gelähmt ist und keine Fingermuskulatur besitzt. Ihre Wohnung in der Miquelstraße ist für die Familie mit einem fünf Jahre alten Sohn und einer zwei Jahre alten Tochter ein Glücksfall: Vorher diente sie als Kinderarztpraxis, daher führt ein Fahrstuhl vom Erdgeschoss direkt in die Wohnung.

Mit dem Handbike im Alltag flexibel

Um seine Kinder auf den Spielplatz zu bringen oder vom Kindergarten abzuholen, nutzte Reimar Deibert bis vor Kurzem ein sogenanntes Handbike – eine Art Einrad, das mit den Händen betrieben wird, und das von einem Elektromotor unterstützt wird. „Ich habe mein Referendariat in Berlin gemacht und konnte dank des Handbikes dort überall hinkommen und die U-Bahn nutzen“, sagt der Familienvater. Da er mit dem Gerät auch Tempo machen kann, ist er sogar in der Lage, seine Kinder, die Fahrrad oder Roller fahren, zu begleiten und damit seine ebenfalls berufstätige Frau zu entlasten.

Tipp von der Physiotherapeutin

Dass es so etwas wie ein Handbike überhaupt gibt, hat Reimar Deibert einst von seiner Physiotherapeutin erfahren: „Sie meinte, das sei gut gegen meine Nackenschmerzen. Außerdem soll meine Wampe ja auch nicht noch größer werden“, sagt er mit einem Augenzwinkern. 2007 beantragte er daher bei der Techniker Krankenkasse (TK) ein Handbike und bekam es auch bewilligt. Doch nun, zehn Jahre später, ist die Antriebshilfe defekt. Einen neuen Antrag lehnte die Krankenkasse jedoch ab.

Andere Hilfsmittel angeboten

In seiner Wohnung kommt Reimar Deibert mit einem„Aktivrollstuhl“ gut zurecht. Aktivrollstuhl heißt: Er betreibt ihn selbst, schiebt sich also an. Doch seine körperliche Kraft reicht nicht aus, um damit im sogenannten Nahbereich zurechtzukommen, also Strecken zurückzulegen, die ein nicht behinderter Mensch zu Fuß bewältigen kann. Für Arztbesuche, zum Einkaufen oder den Weg zur Apotheke braucht er also eine zusätzliche Hilfe. Die will ihm die TK auch bewilligen – jedoch nicht mehr in Form eines Handbikes. Doch Reimar Deibert sagt: „Alle anderen Hilfsmittel aus dem Katalog sind nichts für mich.“

Elektrischer Rollstuhl passt nicht in den Aufzug

Mit einem Elektrorollstuhl komme er zum Beispiel nicht in den Fahrstuhl, die gesamte Wohnung sei zu eng für dieses große Gerät, außerdem sei er darin komplett passiv, bewege sich also gar nicht mehr. Ein Argument, das die Krankenkasse nicht gelten lässt: „Die individuelle Wohnsituation dürfen wir nicht berücksichtigen“, heißt es in der Antwort der TK auf unsere Nachfrage. Das Bundessozialgericht habe in einem Urteil entschieden, dass Hilfsmittel, die wegen individueller Wohnverhältnisse benötigt werden, keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind. Die Wohnung mit Aufzug ist ein Glücksfall – für einen Elektrorollstuhl ist sie jedoch zu eng. Foto: David Ebener

„E-Motion„ und „Smart-Drive“

Doch die TK bot noch zwei weitere Hilfsmittel an: einen sogenannten „E-Motion-Rollstuhl“ und einen„Smart-Drive“. Den „Smart-Drive“, eine Art kleines Rädchen, das man hinten an den Rollstuhl klemmt, gab Deibert bereits nach wenigen Tagen zurück. „Ich bin dadurch nicht wirklich vorangekommen und habe gar nichts von einem Zusatzantrieb gemerkt“, sagt er.

Unter einem „E-Motion“ kann man sich einen Rollstuhl vorstellen, der von Hand betrieben, aber durch einen Elektromotor unterstützt wird, der seitlich an den Rädern befestigt ist. Reimar Deibert testete auch dieses Hilfsmittel, kam aber auch damit nicht zurecht: „Der war ständig defekt und ich musste ihn zur Reparatur bringen“, sagt er. Die Belege des Sanitätshauses müssten der TK ja auch vorliegen und dürften insgesamt die Kosten für ein neues Handbike deutlich übersteigern.

Die belaufen sich nach Auskunft der TK auf rund 5.500 bis 8.000 Euro. Die Kosten für einen „E-Motion“, also einen Rollstuhl mit elektrischem Zusatzantrieb, belaufen sich auf rund 4.900 Euro.

Luxusproblem?

Da die angebotenen Hilfsmittel abgelehnt wurden, hat sich der Fall für die TK im Grunde erledigt. „Für die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft sowie die Erweiterung der Mobilität im Nahbereich sind wir nicht zuständig“, heißt es in einer schriftlichen Antwort. Auf Nachfrage, warum 2007 das Handbike ohne Probleme bewilligt wurde und dies nun ein so großes Problem darstelle, schreibt die Krankenkasse: „Durch ständige Änderungen in der Rechtsprechung ist eine Versorgung mit einem Handbike im Erwachsenenalter keine Leistung mehr der GKV, was jedoch durchaus in 2007 noch möglich gewesen ist.“ Anders als die nun angebotenen Hilfsmittel habe ein Handbike eine andere „Zielsetzung“: Es diene dem „Zurückliegen weiterer Wegstrecken, welches dem Fahrradfahren gleichzusetzen ist (Freizeitgestaltung).“

Auch das Argument, dass es für die Gesundheit des Versicherten gut sei, sich zu bewegen, wird zurückgewiesen: „Das Handbike wurde nicht für therapeutische Zielsetzungen konzipiert, hier wird vielmehr auf Heilmittelanwendungen oder Beübungen in Eigenregie verwiesen. Diese Therapien sind zudem nicht witterungsabhängig.“

Sache geht wohl vor Gericht

„Ich bin einfach frustriert und wütend und empfinde das Verhalten der TK als hochgradig willkürlich“, sagt Reimar Deibert. Es gehe alles nur nach Katalog, ob der Versicherte Kinder habe und seinen Vaterpflichten nachkommen wolle, wie er wohne oder wie sein Umfeld aussehe – all das spiele keine Rolle. Mehrfach habe er nun mit der Techniker in Kontakt gestanden, die Antworten, die er erhalte, klingen für ihn so, als habe er ein „Luxusproblem“, für das sich die Kasse nicht zuständig fühle und das er selbst zu klären habe.

Warum er es nicht selbst klärt, Geld spart und auf eigene Kosten ein neues Handbike anschaffe? „Wenn ich wüsste, dass es mit dieser einen Anschaffung getan ist – schön und gut. Aber mir geht es auch ums Prinzip. Ich zahle ja auch aus einem bestimmten Grund Beiträge.“ Gerne sei er bereit, auf sämtliche Ansprüche auf andere Hilfsmittel zu verzichten, wenn ihm nur dieses eine, nämlich das Handbike, bewilligt werde. Inzwischen ist der 36-Jährige jedoch davon überzeugt, dass die Sache vor Gericht gehen wird. „Ich will in dieser Situation auch endlich einmal Klarheit haben“, sagt er. Und vielleicht finde man ja mit juristischer Unterstützung doch noch einen Weg, sich einig zu werden.

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