Neues Forschungsprojekt Uni Osnabrück will wissen: Macht Religion radikal?

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Warum sich Jugendliche dem Islamismus zuwenden, wollen Forscher der Universitäten Osnabrück und Bielefeld jetzt gemeinsam untersuchen. Studienergebnisse werden in zwei Jahren erwartet. Foto: dpaWarum sich Jugendliche dem Islamismus zuwenden, wollen Forscher der Universitäten Osnabrück und Bielefeld jetzt gemeinsam untersuchen. Studienergebnisse werden in zwei Jahren erwartet. Foto: dpa

KNA/epd/dpa/pm Osnabrück. Ist der Islam die Ursache für die Radikalisierung vieler Jugendlicher? Oder werden religiöse Begründungen von Extremisten nur vorgeschoben? Ein Forschungsprojekt der Universitäten Osnabrück und Bielefeld will in den nächsten zwei Jahren mehr Klarheit schaffen.

Wissenschaftler der Universitäten Osnabrück und Bielefeld gehen der Frage nach, welchen Einfluss Religion und Religiosität auf die Radikalisierung junger Menschen hat. Das zweijährige Projekt des Forschungsnetzwerks Radikalisierung und Prävention (FNRP) wird mit 397.000 Euro vom Bundesfamilienministerium gefördert, wie die Universität Osnabrück am Donnerstag mitteilte. Ein besonderes Augenmerk gelte der Frage, ob junge Muslime aufgrund ihrer religiösen Orientierung empfänglich für radikale Botschaften sind, hieß es.

Radikalisierung nicht nach Schema F

„Radikalisierung verläuft nicht nach einem einfachen Schema oder wird durch einen Generalfaktor Religion erzeugt“, sagte der Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld, Andreas Zick. „Religion kann eine Bedeutung haben, aber die muss erst einmal wissenschaftlich sorgfältig bestimmt werden.“ Neben der Religion könnten beispielsweise auch Konfliktlagen und Gruppenprozesse Einfluss nehmen, ergänzte Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie (IIT) der Universität Osnabrück.

Die Forscher wollen bisher gängige Erklärungsmodelle hinterfragen und unter anderem den Fragen nachgehen, ob Moscheegemeinden mit ihrer Bildungsarbeit Radikalisierungsprozesse unterbinden können. Die Ergebnisse können ihren Angaben nach Impulse für laufende Präventionsprogramme liefern.

Chat-Protokolle auswerten

Das Team um Zick und Kiefer hatte Mitte 2017 bereits eine Studie zur Radikalisierung jugendlicher Dschihadisten vorlegt. Dabei werteten sie Chat-Protokolle einer Gruppe junger Muslime aus, aus der heraus später ein terroristischer Anschlag verübt wurde.

Diesmal sei die Ausgangsfrage eine andere, betonte Kiefer: „Haben wir es mit einer Islamisierung der Radikalität zu tun, oder gibt es eine sukzessive Radikalisierung der islamischen Milieus?“ Für das Forschungsvorhaben wollen die Wissenschaftler erneut Gespräche und Diskussionsforen im Internet analysieren, aber auch Erfahrungen von Experten aus der Präventionsarbeit auswerten.

Pseudo-Begründung für Gewalttaten

Die beiden Thesen werden laut Kiefer beispielhaft vertreten von den französischen Forschern Gilles Kepel und Olivier Roy. Kepel vertrete die These, der Islam habe sich seit geraumer Zeit radikalisiert. Tödliche Anschläge in Frankreich und Belgien, etwa auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“, das Konzerthaus Bataclan oder den Flughafen in Brüssel, hätten ihren Ursprung in radikalen muslimischen Milieus.

Der Politikwissenschaftler Roy steht für die These, es habe eine Islamisierung der Radikalität stattgefunden, der Islam liefere also nur eine Pseudo-Begründung für Gewalttaten. Als Beleg gelte ihm die Lebensführung der Attentäter, die oft von Drogenkonsum und Kriminalität geprägt sei, sagte Kiefer. Den Islam hätten sie erst spät entdeckt, und sich ihn auf eine krude und einfältige Art angeeignet. „Wir können Belege für beide Ansätze finden“, stellte Kiefer dazu fest. Die Frage, warum ein Jugendlicher sich dem Islamismus zuwende, hänge sicher von vielen Faktoren ab. „Wir sprechen von einem multifaktoriell beeinflussten Prozess.“ Zu berücksichtigen sei die persönliche Situation, Erfahrungen und Erlebnisse, die ihn subjektiv geprägt hätten.

Empfehlungen zur Vorbeugung

Die Studie wolle auch der Frage nachgehen, ob eine bessere religiöse Bildung gegen Radikalisierungen immun machen könne, erklärte Kiefer. Es sei ja ein Argument für die Einführung des islamischen Religionsunterrichts an den Schulen gewesen, dass dieser einen reflektierten Umgang mit den historischen Quellen der Religion ermögliche. Auch wollen die Forscher genauer wissen, bis zu welchem Punkt die radikalisierten Jugendlichen noch für Argumente Andersdenkender offen seien. Kiefer: „Wir hoffen, dass wir für die präventive Praxis Empfehlungen aussprechen können.“

Trotz der Zerschlagung des Netzwerks des Hasspredigers Abu Walaa vor gut einem Jahr und der Anklage des mutmaßlichen Deutschland-Chefs der IS-Terrormiliz wächst die radikale Salafistenszene weiter. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen vermelden die Behörden eine steigende Zahl von Islamisten. Auch Osnabrück gilt als Islamisten-Brennpunkt.


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