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Keine Bombenräumung in Osnabrück Stadt gibt Entwarnung: Evakuierung am Sonntag abgesagt

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Osnabrück. Die für den morgigen Sonntag geplante Evakuierungsaktion in Osnabrück ist am Samstagvormittag abgesagt worden. Es wurde kein Bombenblindgänger gefunden.

Um 10.50 Uhr gab die Stadt Osnabrück auf ihrem Facebook-Account bekannt: „Aktueller Stand der Bombenentschärfung: Evakuierung abgesagt! Kein Blindgänger gefunden!“

Vorausgegangen waren aufwendige Sondierungsarbeiten unter der dreigleisigen Bahnbrücke über die Straße „An der Petersburg“ in der südlichen Innenstadt.

Da der Bahnverkehr so wenig wie möglich beeinträchtigt werden sollte, konnten die Experten mit ihren Arbeiten erst am frühen Samstagmorgen beginnen. „Leider geht das erst auf den letzten Drücker“, betonte Jürgen Wiethäuper, Leiter des Ordnungsamts der Stadt Osnabrück. Auch er hätte sich einen längeren Zeitraum zwischen der Sondierung und dem möglichen Evakuierungstermin gewünscht. Dies sei jedoch nicht machbar gewesen: „Das war jetzt für die Bahn das Höchste der Gefühle.“

Demontage von Gleisen

Um Mitternacht hatte ein Bautrupp der Bahn damit begonnen, zwei der drei Gleise in der Nähe der Brücke abzubauen. Denn die Verdachtsstelle lag zwischen zwei Gleisen circa drei Meter unter den Schienen.

Derweil hielt sich Sprengmeister Hans Mohr vom Kampfmittelräumdienst mit seinem Team bereit. Solange die Bahnschienen noch über der Fundstelle lagen, konnten auch die erfahrenen Experten nicht sagen, ob in der Erde ein gefährlicher Blindgänger oder doch nur harmloser Schrott liegt.

„Wenn wir Hinweise auf einen Einschlagkanal oder das abgerissene Leitwerk der Bombe im Boden finden, haben wir es höchstwahrscheinlich mit einem Blindgänger zu tun“, hatte Wiethäuper im Vorfeld gesagt.

Doch zu einem solchen Fund kam es am Samstag nicht. Stattdessen waren es zwei Gegenstände, die die verdächtige Messung ausgelöst haben könnten: Ein Stück Eisenleitung und ein sogenanntes Schlackenest. „Die Schlacke war wahrscheinlich ein Abfallprodukt von Klöckner, und man hat sie nach dem Krieg im Bahndamm verbaut“, so Wiethäuper. Denn die Schlacke sei damals „natürlich kostengünstiges Baumaterial“ gewesen. „Bei solch einem Untergrund wie hier weiß man nie, was verbaut wurde und was dort noch liegt. Das ist wie eine Wundertüte.“

Alte Leitung aus Gußeisen

Zumindest an dieser Stelle der Stadt sind künftige böse Überraschungen aber ausgeschlossen. Sprengmeister Mohr und ein Sondierungsunternehmen hätten, nachdem die Schienen erst einmal entfernt gewesen waren, deutlich über die eigentliche Messtiefe hinaus gegraben und nichts Gefährliches gefunden, berichtete Wiethäuper. Was sie neben der Metallschlacke entdeckten, war – etwa 1,20 Meter unter dem Gleiskörper – eine alte gußeiserne Leitung mit 20 Zentimetern Durchmesser. So eine Installation aus lange vergangener Zeit sei „heute nirgendwo mehr verzeichnet“, wie Wiethäuper betonte.

Eine alte Leitung und Metallschlacke – war die ganze Aktion nicht möglicherweise etwas übertrieben? Mohrs Kollege, Sprengmeister Clemens Stolte, der ebenfalls in die Aktion eingebunden war, hatte unserer Redaktion im Vorfeld erklärt, warum der mutmaßliche Bombenfundort in jedem Fall gründlich untersucht werden musste, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten bereits Abertausende von Zügen über die Verdachtsstelle gefahren sind: Bomben würden mit der Zeit im Erdboden immer labiler. Wenn auch vielleicht keine akute Gefahr bestanden habe, so doch zumindest „zeitnaher Handlungsbedarf“.

Es muss gehandelt werden

Diese Notwendigkeit unterstrich auch Jürgen Wiethäuper. „Wenn wir einen Hinweis haben, können wir nicht die Hände in den Schoss legen und sagen: Das ist 70 Jahre gut gegangen, das geht auch weitere 70 Jahre gut.“ Wenn ein Baum umzustürzen drohe, sage man schließlich auch nicht: „Noch ist er ja nicht umgefallen…“

„Und wenn man einmal die Kraft so einer Bombe mitbekommen hat, die Erschütterung und die Druckwelle, das ist schon enorm, dann wird man über diesen Punkt anders denken“, fügte Wiethäuper hinzu. Immerhin gebe es schon bei der kontrollierten Sprengung von Blindgängern „trotz immenser Dämmung“ senkrechte, 70 bis 80 Meter hohe Materialfontänen.

Messungen sind keine Röntgenbilder

Aber hätten nicht schon die Messungen genaueren Aufschluss geben können? „Wir messen Störungen im Erdmagnetfeld“, umriss Wiethäuper das Verfahren. „Dann müssen wir die Messkurve interpretieren. Durch was für einen eisernen Körper könnten die Störungen ausgelöst worden sein?“ Die Größe und genaue Lage des Gegenstandes würde den Bombensuchern aber nicht angezeigt. „Das sind keine Röntgenbilder“, betonte der städtische Experte. „Wir hatten schon mal eine lehrbuchmäßige Kurve – und fanden anstelle eines Blindgängers einen Blitzableiter.“

Evakuierung fällt aus

Da sich der Bombenverdacht auch in diesem Fall nicht bestätigt hat, fällt auch die für Sonntag geplante Evakuierungsaktion aus. Bis 9 Uhr hätten 16.500 Menschen in den Stadtteilen Innenstadt, Gartlage, Schinkel, Fledder, Schölerberg, Kalkhügel und Wüste ihre Häuser verlassen müssen. Es wäre die größte Räumung in Osnabrück seit zwei Jahrzehnten gewesen.

Bahn fährt bald wieder störungsfrei

„Die Bahn wird die Gleisanlagen schnellstmöglich wieder instand setzen“, hieß es in einer Pressemitteilung der Stadt, die am späten Samstagvormittag verbreitet wurde. Wie Wiethäuper berichtete, muss dafür das entstandene Loch verfüllt und anschließend verdichtet werden. Dann muss Schotter aufgebracht werden, bevor schließlich die Gleise wieder aufgebaut und auch die Stromleitungen wieder hergerichtet werden können. Die Bahn kündigte ihrerseits an, dass es ab 23 Uhr am Samstagabend keine Einschränkungen im Zugverkehr mehr geben werde.

Die Brücke über die Straße „An der Petersburg“ war am Samstag Schauplatz von aufwendigen Sondierungsarbeiten. Foto: Michael Gründel

Allerdings könnten nicht alle Ersatzlösungen unmittelbar rückgängig gemacht werden. So werde die Notdienstambulanz am Sonntag von 8 bis 22 Uhr nicht wie gewohnt an der Bischofstraße 8, sondern im Notfallzentrum des Klinikums am Finkenhügel erreichbar sein. „Das ist logistisch nicht anders möglich“, betonte Wiethäuper.


Gefahrenpotential der Blindgänger steigt Jahr für Jahr

Bereits 2015 erklärte Thomas Bleicher, Dezernatsleiter Kampfmittelräumdienst des Landes Niedersachsen, auf Nachfrage unserer Redaktion, dass es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet von Bundesrepublik Deutschland und Österreich pro Jahr durchschnittlich eine Selbstdetonation einer Weltkriegsbombe gibt. Er fügte hinzu: „Wir gehen davon aus, dass das Gefahrenpotenzial ansteigt.“

Die Experten stellten zudem zunehmend fest, dass Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr transportfähig seien. „Vor zehn Jahren gab es pro Jahr circa 30 Sprengungen. Jetzt sind wir bei 200 Sprengungen pro Jahr“, berichtete Bleicher im Jahr 2015, und betonte, dass sich diese Zahl auf alle Kampfmittelfunde beziehe, also beispielsweise auch auf Handgranaten.

Im Umkehrschluss steige auch die Gefahr von Selbstdetonationen. Denn gerade Bomben mit einem chemischen Langzeitzünder könnten aus Altersschwäche jederzeit von selbst detonieren.

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