Serie zum Osnabrücker Wissensforum Kulturwandel: Duzen Sie noch, oder siezt du wieder?

Von Alexander Bergs (Gastautor)

Alexander Bergs ist Professor für Sprachwissenschaft des Englischen. Foto: Gert WestdörpAlexander Bergs ist Professor für Sprachwissenschaft des Englischen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Kulturwandel. Duzen Sie noch, oder siezt du wieder?

„You can say you to me!“ So soll sich Helmut Kohl an Ronald Reagan gewandt haben. Dabei gibt es keine Entsprechung im Englischen für die deutsche Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“. Das Englische hat vor rund 400 Jahren die Unterscheidung zwischen „you“ (Sie/Ihr) und „thou“ (Du) aufgegeben. Es gibt also kein wirkliches „Du“ mehr und man siezt quasi alle Gesprächspartner.

Einflüssen und Wandel unterworfen

Im Niederländischen gibt es noch die Unterscheidung zwischen „jij“ (Du) und „u“ (Sie). Und der Fußballtrainer Louis van Gaal wurde 2010 damit zitiert, dass er sich von seinen Töchtern siezen lasse – wie in Thomas Manns Zeiten. Undenkbar im heutigen Deutsch, oder? Der Gebrauch von „Du“ und „Sie“ in den Sprachen, die diese Unterscheidung noch haben, ist in der Regel soziokulturellen Einflüssen und Wandel unterworfen. So auch im Deutschen. Es begann mit „Du“ und erst im neunten Jahrhundert kam ein höfliches „Ihr“ hinzu. Diese Unterscheidung hielt sich viele Jahrhunderte; Goethe hatte noch „Ihr“ und „Euer“ als höfliche Anredepronomen im Repertoire. Heute bleibt davon nur „Euer Ehren“ – eine Übersetzung aus dem Englischen und vor deutschen Gerichten nicht üblich. (Weiterlesen: Roboter als Star des Abends beim 10. Osnabrücker Wissensforum)

Und vor gut 400 Jahren finden wir auch noch das „Erzen“ („Erkläre er mir das mal!“). Etwa aus der gleichen Zeit stammt unser heutiges „Sie“. Es steht für eine professionelle Distanz, je nach Situation auch für Respekt und wird in vielen Kontexten immer noch erwartet. 1977 wurde eine Nürnberger Marktfrau für hartnäckiges Duzen eines Polizisten zu einer Geldstrafe von über 2.000 Mark verurteilt.

Vertrautheit und Nähe

Dabei muss das „Du“ gar nicht negativ und respektlos sein – auch wenn es manchmal so gemeint sein kann. In vielen Kontexten soll es vielmehr Vertrautheit, Gelassenheit; Nähe, Solidarität und Hierarchielosigkeit vermitteln. Ob dies auch gelingt, wenn in großen Firmen das „Du“ zur Pflicht gemacht wird, bleibt fraglich: Welcher Angestellte würde dem Chef das „Du“ verweigern? Erst aus der bewussten Entscheidung für das „Du“ kann diese Vertrautheit und (zumindest verbale) Hierarchielosigkeit erwachsen.

Ausbreitung des „Du“

Wir finden eine grundsätzliche Ausbreitung des „Du“, vor allem bei jüngeren Sprechern und innerhalb der gleichen Altersgruppe. Gleichzeitig scheint sich eine gewisse Sättigung abzuzeichnen. Das „Sie“ bleibt in bestimmten Kontexten und Funktionen erhalten. Wer angemessen siezt, ist also keineswegs konservativ. Ebenso: Wer angemessen duzt, ist keineswegs ein respektloser Flegel. Das „Sie“ schützen zu wollen, ist zwar ehrenwert, aber ebenso unnötig wie aussichtslos. Anredeformen sind permanentem Wandel unterworfen. Und so wie wir die Veränderung bestimmter Haltungen beobachten, so wandeln sich auch die sprachlichen Signale hierfür. Ein ganz natürlicher und unaufhaltsamer Prozess. Und wer weiß: Vielleicht kommt sogar das „Erzen“ eines Tages wieder zurück.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.

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