Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle Die Krankheit hinter dem Tumor: Junger Fußballer mit seltenem Syndrom



Osnabrück. Als ein 14-Jähriger das Marienhospital Osnabrück wegen körperlicher Erschöpfung aufsucht, finden die behandelnden Ärzte schnell die Ursache für die Beschwerden. Doch dann entdecken sie noch etwas anderes.

Der Fall liegt rund zehn Jahre zurück. Ein 14-jähriger Junge kommt in die Sprechstunde der damaligen Klinik für Kinderheilkunde am Marienhospital und sagt: „Ich kann nicht mehr.“

Der Junge ist sportlich, spielt in der Jugend des VfL Osnabrück. Doch zuletzt sei er gar nicht mehr mitgekommen. „Er hatte Herzrasen und war schnell erschöpft“, erinnert sich Prof. Christoph Nies, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Marienhospital Osnabrück.

Der Blutdruck des Jungen sei zu hoch gewesen. Bei einer näheren Untersuchung des 14-Jährigen entdeckt Dr. Burkhard Rodeck, damals Chefarzt der Klinik für Kinderheilkunde, ein Phäochromozytom – ein hormonproduzierender Tumor des Nebennierenmarkes – und kontaktiert seinen Kollegen Christoph Nies aus der Chirurgie.

Tumor wird entfernt

In der Klinik werden Blut und Urin untersucht und so die vermehrte Hormonproduktion nachgewiesen. Phäochromozytome bilden Stresshormone wie Adrenalin oder Noradrenalin und schleusen sie in die Blutbahn ein. Kopfschmerzen, Herzklopfen und Schweißattacken sind die Folge. „Bei Belastung kann das bedrohlich sein“, sagt Nies. Deshalb muss der Tumor operativ entfernt werden.

Nun ist dieser Tumor an sich schon selten. „Wir haben hier am MHO so drei bis vier Fälle pro Jahr“, so Nies. Das ist aber nicht alles.

Etwa 30 Prozent der Fälle seien genetisch bedingt, so dass bei dem Jungen in verschiedenen Genen nach einem möglichen Gendefekt gesucht werden musste. In dem Alter, in dem der Junge erkrankte, ist das von-Hippel-Lindau-Syndrom die häufigste Ursache eines Phäochromozytoms. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Neugeborenes an dieser Erkrankung leidet, liegt gerade einmal bei 1:35.000. Einer dieser seltenen Fälle: der 14-jährige Junge. Durch das Syndrom können verschiedene andere Erkrankungen auftreten, erläutert der Chirurg. Diese Keimbahnmutation kann zu Gefäßmissbildungen an der Netzhaut und im Zentralnervensystem führen, Zystenbildungen an Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse verursachen und auch bösartige Nierentumoren bedingen.

Nicht heilbar

Heilen kann man die Krankheit nicht – nur die Folgen lassen sich behandeln. Da das von-Hippel-Lindau-Syndrom so viele verschiedene Organe betreffen kann, müssen sich die Patienten regelmäßig aufwendig untersuchen lassen. Die Schwere und Art der Veränderungen lassen sich dabei nicht vorhersehen.

Und der damals 14-jährige Junge? „Dem geht es gut“, weiß Christoph Nies. „Er hat auch wieder Fußball gespielt, zusammen mit meinem Sohn. Inzwischen studiert er und ist ein junger, gut aussehender Mann geworden.“ Nur einmal im Jahr, da muss er sich komplett durchchecken lassen. Immer mit dem Wissen, dass dabei eine schwerwiegende Erkrankung entdeckt werden könnte.


Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle

In der Serie „Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle“ erinnern sich Mediziner aus Osnabrück an Patienten, die sie vor besonders schwere und herausfordernde Aufgaben gestellt haben.

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