Ahmadiyya-Gemeinde kontert Vorwürfe Osnabrücker Muslime wegen Neujahrsputz in der Kritik

4 von über 70 freiwilligen Müllsammlern aus der muslimischen Ahmadiyya-Jugend Osnabrück: Gemeinsam machten sie am Neujahrsmorgen die von Silvesterpartys verschmutzte Innenstadt sauber. Doch nicht allen Bürgern gefällt das. Foto: Ahmadiyya Gemeinde Osnabrück/Usama Mehmood4 von über 70 freiwilligen Müllsammlern aus der muslimischen Ahmadiyya-Jugend Osnabrück: Gemeinsam machten sie am Neujahrsmorgen die von Silvesterpartys verschmutzte Innenstadt sauber. Doch nicht allen Bürgern gefällt das. Foto: Ahmadiyya Gemeinde Osnabrück/Usama Mehmood

Osnabrück. Seit 20 Jahren räumt die muslimische Ahmadiyya-Jugend am Neujahrsmorgen freiwillig in Osnabrück den Silvestermüll weg. Aber noch nie musste sie deswegen so viel Kritik einstecken wie in diesem Jahr. Von der „Werbeaktion“ einer „Sekte“ ist in Leserkommentaren auf noz.de die Rede. Die Gemeinde weist solche Vorwürfe zurück.

Über 70 junge Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde sammelten am Montag zu früher Stunde ein, was Tausende Osnabrücker bei ihrer nächtlichen Silvesterfeier auf den Straßen an Dreck und Abfall hinterlassen hatten. 30 Mülltonnen machten die freiwilligen Helfer bei ihrem Streifzug durch die Innenstadt voll. Anschließend posierten sie gemeinsam mit Müllwerkern des Osnabrücker Servicebetriebs (OSB) für ein Gruppenfoto vor dem Rathaus. Dabei wurden Banner hochgehalten mit der Aufschrift „Liebe für alle, Hass für keinen“ oder auch „Die Liebe zum Land ist ein Teil des Glaubens“. Denn die muslimische Ahmadiyya-Jugend versteht ihren seit 20 Jahren bundesweit durchgeführten Neujahrsputz nach eigenen Angaben als „Zeichen für bürgerschaftliches Engagement und Verbundenheit zum Heimatort“.

Gute Tat mit Tradition – oder nicht?

Eine gute Tat mit Tradition also – doch bei manchen Osnabrückern kam das diesmal gar nicht gut an. In dutzendfach geäußerten Leserkommentaren zu unserem Bericht auf noz.de wird das Reinemachen mitunter als „ge- und bestellte Aktion“ schlechtgemacht, das Bild als „aufgesetzt“ und „entlarvend“ abqualifiziert. Einer warnt sogar: „Nicht irgendwelche Moslems machen sauber, sondern Mitglieder der fragwürdigen Ahmadiyya-Sekte.“ Hinter dem Neujahrsputz stecke „eine Werbeaktion“.

Reformistisch, offen und friedliebend

Die Betroffenen weisen solche Vorwürfe zurück. „Ahmadiyya ist keine Sekte, sondern eine muslimische Reformgemeinde, die in mehr als 200 Ländern der Welt verbreitet ist und mehrere Zehnmillionen Mitglieder hat“, erklärt Atta Rehman von der Ahmadiyya-Gemeinde Osnabrück. In Deutschland gehöre die 1889 in Indien gegründete Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) – so die offizielle Bezeichnung – zu den ältesten islamischen Organisationen und mit mehr als 40.000 Mitgliedern auch zu den größten. Als erste islamische Gemeinde sei sie sogar als Körperschaft des ö̈ffentlichen Rechts anerkannt, nimmt also hoheitliche Aufgaben unter staatlicher Aufsicht wahr. In Hessen etwa gibt Ahmadiyya an öffentlichen Schulen islamischen Religionsunterricht.

Identifikation mit Deutschland und dem Islam

Inhaltlich steht die AMJ nach eigenen Angaben für Frieden, Integration und Toleranz sowie für die Trennung von Staat und Religion. Zur besonderen Rolle der Ahmadiyya-Jugend, ihrerseits mit über 12.000 Aktiven einer der ältesten und größten muslimischen Jugendverbände Deutschlands, stellt Malik Ahmed als Osnabrücker Ahmadiyya-Gemeindevize und Jugendgruppenleiter fest: „Wir identifizieren uns mit Deutschland, aber auch mit unserem Glauben. Mit Aktionen wie dem Neujahrsputz zeigen wir den Bürgern, dass Muslimsein und Deutschsein keinen Konflikt bedeutet.“

Von anderen Muslimen nicht akzeptiert

Gleichwohl hat die offen, liberal, aber wertekonservativ erscheinende AMJ ein großes Akzeptanzproblem bei anderen muslimischen Gruppierungen. Grund: Ahmadiyya-Gründer Mirza Ghulam Ahmad verstand sich nicht nur als Erneuerer des Islams, sondern auch als Erscheinung des Propheten Mohammeds persönlich. Für viele Muslime eine Gotteslästerung. Sie halten Mohammed für den letzten Propheten, nach dem es keine neuen Offenbarungen mehr geben kann.

Gute Kontakte zur Stadt

Für die Stadt Osnabrück sind solche Streitereien unter Gläubigen unerheblich. „Es gibt keine Probleme zwischen uns und der Ahmadiyya-Gemeinde“, sagt Sprecher Sven Jürgensen und beschreibt gute Kontakte. Insbesondere am Neujahrsputz der AMJ-Jugend könne die Stadt überhaupt nichts Schlechtes finden. Im Gegenteil: „Wir freuen uns sehr darüber und halten das für vorbildliches bürgerschaftliches Engagement. Der religiöse Hintergrund interessiert uns nicht.“

Lob und Anerkennung

Und auch viele Leserkommentare auf noz.de enthalten durchaus Lob und Anerkennung: „Wie in jedem Jahr eine tolle Aktion“, applaudiert jemand. Ein anderer meint: „Lassen Sie sich nicht beirren, eine gute Sache bleibt eine gute Sache! Auch wenn es Ihnen von einigen nicht als gutes Werk abgekauft wird.“ Und an weiterer Stelle heißt es: „Ich danke allen Beteiligten für ihren Dienst an der Allgemeinheit, noch dazu weil ich davon ausgehe, dass sie ausschließlich Dreck entfernt haben, den sie nicht selbst zu verantworten haben.“ Dazu der besondere Tipp: „Das große Banner ,Liebe für alle, Hass für keinen‘ sollten sich einige Kommentatoren mal über die Tastatur heften.“


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