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10 Jahre „Angehörige um Suizid“ Wut und Schuld und Trauer im Gefühlsmix

Von Thomas Achenbach | 03.06.2016, 08:26 Uhr

Wer einen Angehörigen durch einen Suizid verloren hat, nimmt weite Wege in Kauf – und Osnabrück kann ein lohnendes Ziel sein. Denn hier gibt es eine von wenigen Selbsthilfegruppen, die im bundesweiten Netzwerk „AGUS“ („Angehörige um Suizid“) zusammengeschlossen sind.

Aus Papenburg, Münster, Bielefeld, aber natürlich auch aus der Region kamen schon einige der bislang 84 Mitglieder. Zum zehnjährigen Geburtstag hat die regionale Gruppe jetzt einen Rückblick gewagt – und möchte noch einmal auf sich aufmerksam machen.

„Bitte sprechen Sie nicht von einem Selbstmord“. Das macht die Gruppenleiterin Christa Path im Gespräch mit anderen immer wieder klar. Denn ein Mord ist eine strafbare Handlung mit der niederen Absicht, jemandem sein Leben zu rauben. Wer einen Menschen einen Mörder nennt, macht ihn zum Verbrecher. Für manche Angehörige um Suizid ist das indes nur schwer zu ertragen , haben sie doch ohnehin einen Gefühlsstrudel in sich, der einen Menschen mitreißen und zu Boden ziehen kann. Auch Jahre nach dem Vorfall ist das oft noch so.

Kein Wunder also, dass bei einem Teil der aktuellen Mitglieder der Gruppe die erlebten Suizide schon Jahrzehnte zurückliegen. Da ist der heute 35-Jährige, der als Student zu der Gruppe dazustieß und der im Alter von 12 Jahren seinen Vater verloren hatte. Während seines Studiums nahm er sogar den weiten Fahrtweg aus dem niederländischen Groningen nach Osnabrück in Kauf. Für einen Donnerstagabend in der AGUS-Gruppe. Und da ist der heute 67-Jährige, der vor 28 Jahren seine Frau durch eine n Suizid verlor. Viele Jahrzehnte lang war es ihm gar nicht möglich, mit seinen Gefühlen irgendwohin gehen zu können – zu tabuisiert war das Thema Suizid, zu wenig Anlaufstellen gab es. In der Gruppe kann er jetzt nachholen, was er all die Jahre versäumte und vermisste.

Auch das gesellschaftliche Umfeld ist im Wandel. Seit sich der Fußballer Robert Enke im November 2009 suizidierte (und seit die Themen Depressionen, Ängste und Erschöpfung zunehmend an Stigma verlieren), trauen sich die Angehörigen immer öfter, in einem Gespräch mit anderen klar zu benennen, woran ihre Verwandten oder Partner gestorben sind – dass sie sich selbst das Leben genommen haben.

„Wenn die Menschen merken, dass ich als Betroffener mit diesem Thema und meinen Gefühlen sicher umgehen kann, ist das Gespräch auch viel einfacher“, sagt der 35-Jährige. Aber diese Sicherheit hat er noch nicht lange. Ganz im Gegenteil: Wer seine Angehörige durch einen Suizid verliert, leidet oftmals an einem krassen Verlust von Selbstbewusstsein, wie die 53-jährige Susanne Hilmer berichtet. Geholfen hat beiden die Selbsthilfegruppe.

Was für die Betroffenen wichtig ist: Verständnis, die Akzeptanz und das Gefühl, sich nicht verstellen zu müssen. So sein zu dürfen, wie man eben ist nach dem Suizid eines Angehörigen. Also: Am Boden zerstört, von Selbstzweifeln zerfressen („Bin ich es nicht wert, dass man meinetwegen auf dieser Welt bleibt?“), von Schuldgefühlen geplagt und von Trauer oder Wut oder beidem überschüttet. Dazu kommen noch die oft unbedachten Äußerungen von Mitmenschen, die zusätzliche Wunden reißen. Nachfragen wie beispielsweise „Hat das denn keiner von Euch gemerkt?“ oder „Ist es nicht langsam mal gut mit Deiner Trauer?“ erleben die Betroffenen als besonders schmerzlich .

Deswegen ist es der 68-jährigen Ansprechpartnerin Christa Path auch so wichtig, dass die Menschen länger in der Gruppe bleiben, selbst, wenn ihr eigener Leidensdruck abgenommen hat. „Selbsthilfe heißt ja auch, anderen Hilfe geben zu können“, sagt sie.

Alle 53 Minuten nimmt sich ein Mensch das Leben, sagt eine von der bundesweiten Initiative AGUS veröffentlichte Statistik. In Stadt und Landkreis Osnabrück sind es etwa 37 Menschen pro Jahr, hat die hiesige Selbsthilfegruppe von der Polizei erfahren.

Doch die Dunkelziffer ist hoch. Auch mancher Herzinfarkt und mancher Verkehrsunfall ist ein versteckter Suizid. Und nicht jeder Versuch, aus dem Leben zu scheiden, endet mit dem Tod. Alle fünf Minuten, vermuten die Experten der Initiative, wird eine Selbsttötung angefangen. Die Erfahrungen, die die Gruppenmitglieder in Gesprächen mit anderen machen, bestätigen das: Jeder kennt jemanden, der sich das Leben genommen oder es versucht hat – und sei es nur ein entfernter Bekannter über zwei Ecken.

Jeden ersten Donnerstag im Monat trifft sich die regionale Gruppe von 18–20 Uhr im Haus der Gesundheit in Osnabrück. Betreut wird die Gruppe vom Büro für Selbsthilfe , das wiederum sowohl für die Stadt Osnabrück als auch für den Landkreis Osnabrück zuständig ist, wie die Ansprechpartnerin Ursula Jahn-Detmer berichtet.

Was waren die wichtigsten Ereignisse der vergangenen zehn Jahre? Da waren die Ausstellung „Gegen die Mauer des Schweigens“ in der Katharinenkirche, die 2007 ein großes öffentliches Interesse für das Thema Suizid erzeugte. Und da war die Auszeichnung als „Selbsthilfegruppe des Jahres“ im selben Jahr.

Und die Zukunft? Bringt sicher noch viel Arbeit für die Ansprechpartnerin Christa Path. Denn wer sich für die Gruppe interessiert, wird gebeten, sich zuerst in einem Telefongespräch mit ihr zu informieren. Bis zu drei Gespräche am Tag kamen auf diese Weise schon zustande. Das war anstrengend, aber Christa Path hält es gerne aus. „Ich tue das für meinen Sohn“, sagt sie. Der hatte sich vor vielen Jahren suizidiert. Und doch ist die wichtigste Botschaft der Gruppe und ihrer Leiterin: „Es lohnt sich weiterzuleben. Das wollen wir vermitteln“.

Kontakt unter Telefon 05401/31792 oder unter Telefon 0541/501-3128.