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Transsexualität in Osnabrück „Schon immer Frau, schon immer Mann“

Von Annika Papenbrock, Annika Papenbrock | 29.02.2016, 22:14 Uhr

Mit dem falschen Geschlecht geboren zu sein ist ein Gefühl, mit dem geschätzt 10.000 Menschen in Deutschland leben. Zu ihnen gehören Lotty Maria Wergin und Frank Gommert. Mit ihrer Vereinigung Transsexueller Menschen organisieren sie jetzt Fortbildungen für Ärzte und Betroffene in

Sich in seinem eigenen Körper nicht richtig wohlzufühlen, das kennen viele. Die Hose sitzt zu eng oder die Gesichtszüge sind zu rund, fast jeder hat Merkmale, die er an sich selbst nicht mag. Wer etwas dagegen unternehmen möchte, kann eine Diät machen oder es mit Kosmetik versuchen. Doch was ist, wenn sich das eigene Geschlecht nicht richtig anfühlt? Wenn man aussieht wie eine Frau, aber eigentlich keine ist? Es ist ein Thema, das meist hinter verschlossener Tür besprochen wird, zudem ein Thema, das viele Menschen ignorieren. „Betroffene leiden oft sehr unter ihrem Umfeld“, weiß Professor Wolfgang Weig, Facharzt für Psychotherapie im Marienhospital Osnabrück. Doch die sogenannte Geschlechtsidentitätsabweichung ist keine Krankheit. „Das kann nicht therapiert oder behandelt werden“, sagt Weig.

Das Spektrum „Transgender“ ist breit, und genaue Definitionen sind kaum möglich. Das Bild, das sich in der Gesellschaft eingeprägt hat, entspreche oft nicht der Realität, sagt Lotty Maria Wergin, „Transvestiten und Transsexuelle sind zwei völlig verschiedene Dinge“. – „Die einen spielen nur eine Rolle, sie verkleiden sich nur. Bei den anderen passen die Geschlechtsmerkmale nicht zum Denken.“ Gemeinsam mit Frank Grommert hat sie in Melle die Vereinigung Transsexueller Menschen gegründet. „Wir wollen aufklären und informieren“, sagt Wergin. (Weiterlesen: Duo aus Buer gründet Vereinigung für Transsexuelle )

 

Aus Lothar wird Lotty

Beide haben im Grunde die gleiche Geschichte hinter sich. Beide hatten nicht das Geschlecht, mit dem sie geboren wurden. „Ich bin eine Frau, der Rest war einfach nur ein körperliches Problem“, erinnert sich Wergin. Begonnen hat es sehr früh. Sie spürte, dass sie nicht wie die anderen Jungs war. „Ich liebte es, Strümpfe anzuprobieren, Kleider zu tragen“, erzählt die 64-Jährige. Doch ihr Leben als Frau begann spät, erst vor drei Jahren begann Wergin die Behandlungen. „Ich habe mich zu sehr in der Arbeit verkrochen, ich habe es einfach verdrängt“, weiß die Rentnerin heute.

Lange vor der Behandlung kleidete sie sich bereits als Frau. „Mit Trombosestrümpfen fing alles an“, erinnert sie sich. Aufgrund von Sehnenproblemen verordnete der Arzt damals etwas höhere Absätze. Doch bei ein paar Zentimetern ist es nicht geblieben: „Ich habe mir dann sofort Schuhe mit zehn Zentimetern Absatz gekauft. Wie bei vielen Frauen hat auch bei mir alles mit Schuhen angefangen“, erzählt Wergin und lacht.

Nach den Strümpfen und Schuhen folgten Röcke – und letztendlich künstliche Brüste. Doch nur ihre äußere Erscheinung zu verändern, reichte ihr nicht. „Das schlimmste Gefühl war es, abends den BH auszuziehen, und die Brüste fielen ab“, erinnert sich Wergin, „ein Gefühl, was man als Frau eigentlich nicht hat“. In ihr reifte der Entschluss, endgültig zur Frau zu werden, eine Hormonbehandlung zu machen, das Geschlecht anzupassen und den Namen zu ändern. Aus Lothar wurde Lotty.

 

Krankenkassen machen es Betroffenen nicht leicht

Auch Frank Gommert, Mitbegründer des Vereins für Transsexuelle Menschen, hat einen langen Weg hinter sich. Seit 2012 ist er laut Personalausweis ein Mann. Doch als gesetzlich Versicherter wurden ihm viele Steine in den Weg gelegt, um auch physisch ein Mann zu sein. „Erst nach sechs Monaten Begleittherapie darf eine Hormonbehandlung begonnen werden. Das muss man erst mal wissen“, erzählt Gommert.

Dass es die Behörden und Krankenkassen den Betroffenen oft nicht leicht machten, weiß auch Wolfgang Weig: „Manche Krankenkassen sehen es als Aufgabe an, möglichst vieler solcher Fälle nicht zu genehmigen. Die Betroffenen sind den medizinischen Diensten der Kassen vollkommen ausgeliefert“, kritisiert der Mediziner. Auch die medizinische und psychotherapeutische Versorgung in der Region sei dünn. Weig ist nur einer von zwei Ärzten, die sich in Osnabrück und Umgebung mit Sexualtherapie befassen. Genau deswegen möchten Wergin und Gommert Unterstützung anbieten. „Denn nicht wenige haben es noch schwerer. Die Bürokratie ist eigentlich das Schlimmste“, sagt Gommert.

 

„Ich bin immer noch die Mama“

Frank Gommert merkte zum ersten Mal im Alter von vier Jahren, dass etwas nicht ganz stimmt: „Ich war überzeugt, dass da noch was wachsen muss. Denn ich war kein Mädchen.“ Seine Mutter sagte ihm, er solle sich damit abfinden. Er sei nun einmal als Mädchen geboren worden. 20 Jahre konnte Gommert unterdrücken, dass er eigentlich keine Frau war. In der Zwischenzeit hatte er geheiratet und einen Sohn zur Welt gebracht. Nachdem die Ehe scheiterte, stellte er sich seiner Angst und meldete sich in einem Forum an. Dort lernte er Lotty Wergin kennen. Die beiden fassten den Mut, den Weg gemeinsam zu meistern. „Die Personenstandsänderung haben wir zusammen gemacht“, erinnert sich Wergin.

Für Gommerts inzwischen 24-jährigen Sohn kam die Geschlechtsumwandlung nicht überraschend. „Ich habe immer schon die Sachen mit meinem Sohn gemacht, die eigentlich nur die Väter machen“, erzählt er. Etwas Angst habe der Sohn dennoch gehabt. „Er fragte mich, ob er jetzt seine Mama verliert. Doch er darf mich immer noch Mama nennen, so lange, bis es ihm peinlich ist“, erzählt Frank Gommert und lacht.

 

Therapeuten trauen sich oft keine Begleittherapie zu

Der Weg bis zur Geschlechtsumwandlung war bei beiden relativ einfach. Doch Frank Gommert hatte nach den Operationen mit Problemen zu kämpfen: „Bei meinen Operationen ist einiges schief gegangen, vollkommen abgeschlossen wird das Ganze also nie sein.“ Schwierig war auch die Nachsorge. „Mein Hausarzt durfte viele Dinge einfach nicht verschreiben, und der Chirurg hatte keine Ahnung“, erinnert er sich.

„Viele Ärzte haben die Bereitschaft, sich mit dem Thema Transsexualität auseinanderzusetzen, doch viele haben keine Ahnung davon und wissen auch nicht, wo sie Informationen herbekommen“, sagt Wergin. Auch Therapeuten trauten sich oft keine Begleittherapie zu, denn es müssten Berichte für Krankenkasse und Gericht geschrieben werden. In Zukunft soll es dafür ein Netzwerk geben. „Wir wollen den Ärzten eine Plattform bieten, sich untereinander austauschen zu können, mit anderen Ärzten und mit Betroffenen“, sagt Wergin zu ihrem bundesweit agierenden Verein.

Das familiäre Umfeld ist für viele Betroffene das größte Hindernis, sich ihrer Transsexualität zu stellen. Wergin erinnert sich noch gut daran, wie ihr Vater meinte, „ich könnte als Vogelscheuche durchgehen in meinen Frauenkleidern“. Doch seitdem sie als Frau das Leben meistere, falle ihr auf, dass „mir die meisten Menschen viel freundlicher entgegentreten“. Anderen Betroffen können die beiden nur raten, „sich nicht zu verstecken und sich Zeit zu lassen“, sagt Wergin. Doch Gommert sagt auch: „Keiner muss sich outen, man lebt als Mann oder Frau. Man ist einfach, wie man ist.“

 

„Runder Tisch“ in Osnabrücker Lagerhalle

Um Ärzten die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Thema Transsexualität auseinanderzusetzen, bietet der Verein in diesem Jahr mehrere Veranstaltungen an. Dabei kommen Ärzte und Betroffene zu einem „Runden Tisch“ zusammen, um sich auszutauschen und fortzubilden. Ziel ist es, unerfahrenen Ärzten und Therapeuten Informationen zu bieten und somit die Versorgung für Betroffene zu verbessern.

Der erste dieser „Runden Tische“ findet am Mittwoch, 2. März, von 15 bis 18 Uhr in der Osnabrücker Lagerhalle (Raum 102) statt. Weitere Veranstaltungen sind für Juni und August geplant. Aufgrund der begrenzten Platzzahl ist eine Anmeldung erforderlich per E-Mail an vorstand@transsexuellev.de .