Ein Artikel der Redaktion

Von Gebetsraum bis Flüchtlingsunterkunft Das ist aus unseren ehemaligen Kinderzimmern geworden

Von Karsten Frei | 27.03.2019, 21:20 Uhr

Wenn das Kind das elterliche Heim irgendwann verlässt, hinterlässt das nicht nur im Herzen der Eltern, sondern auch räumlich eine Lücke – was tun mit dem nun leeren Kinderzimmern? Einige NOZ-Redakteure haben in ihren Elternhäusern nachgesehen, was aus ihren Kinderzimmern geworden ist.

Zurück in Kinderhand

Frank Wiebrock: Mein altes Kinderzimmer … ist wieder ein Kinderzimmer. Gut 45 Jahre, nachdem meine Schwester und ich unser Kinderreich zugunsten eigener „Jugendzimmer“ geräumt haben, hat sich die nächste Kindergeneration das Zimmer zurückerobert. Nun residiert meine Nichte Franka in dem heute irgendwie viel kleiner wirkenden Zimmer mit Dachschräge.

Damals kam es mir jedenfalls riesengroß vor. Mehr als genug Platz für zwei Betten, zwei Nachtschränke mit Regalen darüber und einem Kleiderschrank mit beachtlichen Fassungsvermögen, der es noch fast in mein Studentenzimmer geschafft hätte. Und Platz genug auf dem Boden für die Lego-Eisenbahn, die Matchbox-Autos und natürlich des damals fast unvermeidliche „Fort Laramie“ samt Dutzenden Cowboys und Indianern. Apropos Cowboys und Indianer: Die zierten die Tapeten an der Schräge über dem Bett, bei meiner Schwester gegenüber waren es das Sandmännchen – was manches erklärt, aber eine andere Geschichte ist.

Zwei Anbauten und mindestens einen Mieter später, der dort sein Wohnzimmer hatte sind die Kinder zurück im alten Siedlungshauszimmer. Statt grauen Linoleum unter einem Teppich liegt jetzt Laminat dort und eine Tür ist verschwunden. Das Bett steht aber an genau dem Platz, an dem damals mein Bett stand. Und der Blick aus dem Fenster ist aber immer noch der gleiche: Auf das Nachbarhaus, die Nachbargärten, wo Beete und Obstbäume längst Garagen und Rasenflächen gewichen sind, auf das Hüttenwerk und auf den nahen Spielplatz.

Wo ist eigentlich mein Fort Laramie geblieben? Vielleicht liegt es ja noch irgendwo auf dem Dachboden, dem Teil, der noch nicht ausgebaut wurde. Oder im Keller? Zeit für eine kleine Expedition…

Meditieren, wo früher Chaos herrschte

Leonie Plaar: Buddahstatuen und Meditationskissen: ein Zimmer im Elternhaus habe ich nicht mehr. Meine Eltern fanden bereits vor Jahren zum Buddhismus. Für die täglichen Verbeugungen, ähnlichen täglichen Gebeten in anderen Glaubensrichtungen, hat sich mein Vater stattdessen einen Raum eingerichtet.

Die Figuren auf dem Schrank stammen aus aller Welt, die runden Kissen auf dem Boden sind für einen angenehmeren Sitz beim Meditieren gemacht. Ansonsten ist der Raum schlicht gehalten, um Ablenkungen zu vermeiden.

Sei hier Gast...

Nina Strakeljahn: Mein ehemaliges Kinderzimmer ist heute ein Gästezimmer, in dem aber meistens ich übernachte, wenn ich meine Eltern besuche. Erst vor ein paar Jahren haben wir es umgestaltet. Die Schränke stammen noch aus meinem alten Jugendzimmer, sind aber neu angeordnet worden.

Früher stand an der Stelle einmal mein Kaufmannsladen, für den ich auch selber aus Salzteig eigene Produkte hergestellt habe. Außerdem hatte ich eine große Sammlung an Stofftieren, die auf meinem Sofa Platz fanden. Als Jugendliche habe ich dann meinen ersten Fernseher bekommen, der einmal dort stand, wo jetzt das Schlafsofa ist. Von einem gemütlichen Sessel habe ich meine Lieblingsserien geguckt. Mein Bett stand gegenüber. Wenn ich heute zu meinen Eltern fahre, übernachte ich noch immer gerne in meinem Zimmer.

Ein Raum für das Gebet

Karsten Frei: Mein „heiliger Rückzugsort“ als Kind kommt in seinem heutigen Stil dieser Bezeichnung viel näher: Meine Mutter hat sich mittlerweile darin ein Gebetszimmer eingerichtet, in das sie sich zurückziehen kann, um himmlische Fürsprache für mein oder das Wohl anderer Menschen zu halten.

Als ich nach dem Abitur auszog, habe ich die meisten Möbel als Grundlage für mein erstes eigenes WG-Zimmer mitgenommen. Wo heute Heiligenfiguren stehen, stand früher eine Couch, von der aus ich mit meinen Freunden häufig in die Glotze starrte. Weil meine Noten bis zur elften Klasse nicht gerade glänzend waren, gestaltete mein damals esoterisch angehauchtes Ich zu Beginn meines zwölften Schuljahres das Zimmer nach Feng-Shui-Maßgaben grundlegend um. Spiegel und Pflanzen leiteten die Energie an nur noch wenigen Möbeln vorbei zu meinem Schreibtisch um. Ob es das nun richtig geleitete Qi oder doch mein erwachender Ehrgeiz war: Mein Notenschnitt verbesserte sich danach erheblich.

Heute leben hier Flüchtlinge

Volker Pörschke: Da steht es noch, das alte Bruchsteinhaus im Hof des Angelaklosters in Haste. Das Haus, das mein Vater mit viel Eigenleistung und Unterstützung Anfang der 80er umgebaut hat. Vom ehemaligen Schweinestall der Ursulinen zum Haus des Hausmeisters, meinem Elternhaus. Ich drücke die Klingel rechts neben der gedrechselten Haustür aus Holz mit der großen Fensterfront aus getöntem Zierglas, durch das man jeden Besucher schemenhaft erkennen konnte. Ein älterer Herr öffnet.

Ursulinen zum Haus des Hausmeisters, meinem Elternhaus. Ich drücke die Klingel rechts neben der gedrechselten Haustür aus Holz mit der großen Fensterfront aus getöntem Zierglas, durch das man jeden Besucher schemenhaft erkennen konnte. Ein älterer Herr öffnet.

Die beigen Fliesen im Flur sind mir sofort vertraut. Genau wie die steile Eichenholztreppe, die nach oben führt. Ein echtes Meisterstück der Handwerkskunst, das ich als Kind auf dem Po runtergerutscht bin – mal mehr und manches Mal auch weniger freiwillig. Ob über dem beim Versteckspielen verräterisch knarrenden Holzfußboden noch der braune Teppich liegt, wie in fast jedem Zimmer da oben – auch in meinem Kinderzimmer? Knapp elf Jahre habe ich es mir mit meinem Zwillingsbruder geteilt. Es bot genug Platz für zwei Betten und eine große Lego-Landschaft in der ein Zug seine Runden um Polizeistation und Feuerwehrhauptquartier drehte, vorbei an der Pirateninsel mit Gouverneurs Kogge und Kastell von 1989. Der grüne Stofflampenschirm mit den bunten Autos darauf, der von der mit Kiefernholz vertäfelten Decke hing ist längst verschwunden. Genau wie die Hallo-Spencer-Tapete machte er einer moderneren Ausstattung Platz.

Nach unserem Auszug vor rund 25 Jahren wurde das Haus verschieden genutzt. Zuletzt hatte das Kloster hier drei Ordensschwestern untergebracht, die vorher in einer WG in der Stadt wohnten. Näher am Mutterhaus und trotzdem eigenständig mit viel Platz. Vor Jahren hat das Bistum das Haus übernommen. Heute ist eine syrische Flüchtlingsfamilie hier untergebracht. Der Mann lächelt etwas verlegen. Ganz verstanden hat er meinen Wunsch nicht. Doch seine beiden Söhne, die gut Deutsch sprechen und verstehen, kommen erst später von der Arbeit wieder. Zu spät für mich. Also gehe ich ohne Foto, aber mit der Hoffnung, dass mein altes Zimmer, das für mich zum Inbegriff einer unbeschwerten Kindheit geworden ist, auch ihnen zur Heimat werden möge.

Wo Besucher träumen können

Kathrin Pohlmann: In meinem früheren Kinderzimmer passte alles farblich zusammen und war aufeinander abgestimmt: das Rot von Schreibtisch, Lampe und Schreibtischstuhl. Der neue Einbauschrank sollte sich in die rote Riege eingliedern. Der Tischler nahm Maße und Farbe und baute den Schrank in meinem Zimmer ein. Doch irgendwie gefiel mir dieses Rot nach ein paar Wochen nicht mehr. Pinsel und ein Farbenensemble aus Pink, Grün, Gelb und Rosa musste her.

Ich wollte eigentlich auch lieber in der Südsee leben – also Hibiskusblüten! Für Palmen und Strand reichte die Energie irgendwie nicht mehr und das Rosa wurde auch knapp. Meine Eltern nahmen mir das nicht übel. Sie glaubten an meine künstlerische Ader – ein Grund, warum der massakrierte Gartenzwerg wohl noch hängt. Jetzt ist der Südseetraum ein Gästezimmer. Und wer weiß, von welchen Stränden die Gäste so träumen.

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