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Künstler im Schnelldurchgang Neues Präsentationsformat „7 Minutes Studio“ debütiert in der Kunsthalle

Von Matthias Liedtke | 09.07.2019, 15:07 Uhr

Im ersten "7 Minutes Studio" in der Osnabrücker Kunsthalle hatten fünf Künstler aus der erweiterten Region jeweils sieben Minuten lang Zeit, sich selbst und ihr Werk zu präsentieren und Einblicke in ihre Arbeitsweisen zu gewähren.

Mit einem beherzten Schlag auf die Klangschale unterbricht Yasmin Behrens den Vortrag von Sibylle Jazra. Die eine ist freie Mitarbeiterin der Osnabrücker Kunsthalle, die andere eine freischaffende, von der Hasestadt an die Spree nach Berlin umgesiedelte Künstlerin. Nur ganze sieben Minuten hatte sie Zeit, um den zahlreichen Gästen im Forum einen Überblick über ihr Werk zu vermitteln und Einblicke in ihre Arbeitsweisen und -prozesse zu gewähren.

In dieser Hinsicht ist das Format gnadenlos, das die Osnabrücker „Hase 29“-Gesellschaft für zeitgenössische Kunst vom jährlich stattfindenden Kongress der Internationalen Kuratorentagung (IKT) abgeguckt hat, der im kommenden Jahr in der Friedensstadt und in Herford zu Gast sein wird. Als Kuratorin des dortigen Museums Marta begleitete Friederike Fast am Montagabend die Premiere des Osnabrücker „7 Minutes Studio“, der in diesem Monat noch fünf weitere Veranstaltungen dieser Art folgen werden. Sie verschaffen Künstlern aus der erweiterten Region die Möglichkeit, in einem streng vorgegebenen Zeitrahmen sich selbst und ihre Arbeit in Wort und Bild zu präsentieren.

Soziale Experimente

Das erste Portfolio, das in dieser neuen Reihe zu sehen war, erstellte der Performancekünstler Zauri Matikashvili aus Münster. Bei seinen guerillaartigen Aktionen schleicht er sich mal als Wärter in ein Museum ein, befragt dortige Reinigungskräfte, richtet einen privaten Museums-Pop-Up-Shop ein spendet in Bettlerpose Geld, verbringt 25 Stunden in einem Hamburger Tunnel, um den Lebensraum von Obdachlosen zu erforschen, oder besucht historische Orte „mit dunkler Vergangenheit“, die zu einem „Anziehungspunkt für Neonazis“ geworden sind. Neben der ganz persönlichen Motivation will er damit auch herausfinden und zeigen, „wie Gesellschaften funktionieren“, verrät der Künstler in der anschließenden Diskussionsrunde, für die ebenfalls jeweils nur sieben Minuten vorgesehen sind.

Diese an „Speed-Dating“ erinnernde Form wäre eigentlich auch ein Thema für die Osnabrücker Künstlerin Monika Witte, die sich philosophisch-künstlerisch mit Raum und Zeit beschäftigt. Vor allem der Mensch und dessen Beziehung zum Raum durchzieht ihre Werke. Mit Malerei hat sie angefangen, ihr Spektrum aber inzwischen mit Foto-, Video- und Aktionskunst erweitert. Um am eigenen Leibe ihr Verhältnis zum Raum wahrzunehmen und zu gestalten, hat sie sich eine Woche lang in die Stadtgalerie eingenistet und diese Performance, in die auch Passanten eingebunden wurden, filmisch dokumentiert.

Kunst im öffentlichen Raum

Partizipatorisch versteht auch der Münsteraner Samuel Treindl seine Objektkunst. Von ihm waren bereits Skulpturen in der Osnabrücker Altstadt und ein Floß auf der Hase zu sehen. Mit gesellschaftskritischem Humor baut er hier eine „Forschungsstätte für anarchistische Produktion“, dort eine „Luxusbaustelle“ und veranstaltet wieder woanders eine „Monumentbesetzung“, um ein Denkmal im öffentlichen Raum um eine „soziale Funktion zu erweitern“, wie er sagt. Sicherheitsauflagen betrachtet er bei seinen temporären Interventionen nicht als Hindernis, sondern integriert sie mitunter spielerisch in sein Konzept.

Auch Sibylle Jazra arbeitet mit Objekten, installiert ihre Kunst aber in Museen. Stühle, auf denen man nicht sitzen kann und die scheinbar miteinander kommunizieren, sind dort ebenso zu sehen wie wild bemalte Verkehrsschilder, die Skulptur „Schickeria“ mit grell bemaltem Kunstleder und falschem Schmuck oder sinnbildliche Schutzschirme, die unter dem Eindruck von Trumps „Immigration Ban“ entstanden sind, wie die Künstlerin verrät.

Koffer als Symbol

Von aktueller Migrationspolitik inspiriert sind auch die „Koffer to grow“, aus denen Susanne Heitmann symbolisch etwas Neues erwachsen lässt. Der Arbeitsschwerpunkt der in Osnabrück und Berlin lebende Künstlerin ist aber die Malerei. Ihre Werke zeigen Menschen in bestimmten Lebensmomenten und Schwebezuständen – im Alltag, auf Reisen, oft allein, nachdenklich und auf sich selbst zurückgeworfen. „Vergängliches sichtbar machen“, möchte die Osnabrückerin. Und schafft das auch in Form von Bildern eines benutzten Teebeutels – bis auch ihre sieben Minuten vorbei sind.

Mehr Informationen:

Weitere Termine

Die nächsten Termine der Reihe „7 Minutes Studio“: Mittwoch, 10., Dienstag, 16., Donnerstag, 18, Mittwoch, 24. und Freitag, 26. Juli, jeweils von 19 bis 21 Uhr im Forum der Kunsthalle Osnabrück. Eintritt frei.