Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

Diskussion im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum Kritik am Literaturnobelpreis für Peter Handke gerechtfertigt?

Von Matthias Liedtke | 12.11.2019, 15:53 Uhr

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück verhandelten der Journalist Stefan Lüddemann, der Philosoph Arnim Regenbogen und die Historikerin Karin Jabs-Kiesler am Beispiel des umstrittenen Literaturnobelpreises für Peter Handke die Frage des Verhältnises zwischen Werk und Autor und zwischen Kunst und Moral.

Als am Ende Moderatorin Lioba Meyer das Publikum dazu bewegen wollte, per Handzeichen darüber abzustimmen, ob der Autor Peter Handke nun den Literaturnobelpreis verdient habe oder nicht, wurde das mehrheitlich boykottiert. Und zwar völlig zurecht, denn darauf ließ sich die vorangegangene, äußerst differenzierte Diskussion nun wahrlich nicht herunterbrechen.

Mit poetischer Sprache überfordert?

Ein Philosoph, ein Journalist und eine Historikerin hatten sich im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum zusammengefunden, um anhand des aktuellen Falles darüber zu befinden, ob Werk und Künstler voneinander zu trennen seien und wie es allgemein um die moralische Verantwortung der Kunst stehe. Dabei wurde allerdings auch die Grundlage an der konkreten Kritik an Handke in Zweifel gezogen, denn dieser habe das Massaker von Srebenica im Bosnienkrieg 1995 nie geleugnet, sondern ganz im Gegenteil als das „schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.

Handkes Parteinahme für Serbien sei neben einer ganz privaten, individuellen „Heimatsuche“ auch dem Entschluss geschuldet gewesen, auf die Seite derer zu gehen, die er „medial verfemt“ sah, ordnete NOZ-Kulturjournalist Stefan Lüddemann Handkes umstrittene „Winterliche Reise“ als „groß angelegte“ Medien- und Sprachkritik ein, die dem Autor schon seit jeher ein Anliegen gewesen sei. Auf der anderen Seite gab Lüddemann zu bedenken, dass Poesie hier möglicherweise auch an ihre Grenzen gestoßen ist, weil sie anders als eine journalistische Reportage keinen Anspruch auf „Faktenvollständigkeit“ erheben könne.

Plädoyer für Sachlichkeit

Die Historikerin und ehemalige Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler erinnerte sich an die „Einseitigkeit der Berichterstattung“ des Westens während der Balkankriege und mahnte, sich auch mit der Vorgeschichte der Serben, die im Zweiten Weltkrieg selbst Opfer von Greueltaten gewesen seien, zu beschäftigen, um Handkes mutiges, von „menschlichem Gerechtigkeitsempfinden“ getriebenes „Eintreten für Serbien nachvollziehen“ zu können. Die gegenwärtige Aufregung um die Auszeichnung seines Werkes konnte sie sich ebenso wenig erklären wie der Philosoph Arnim Regenbogen, der dafür plädierte, „sachlich zu bleiben statt sich in Polemiken zu erregen“. Moralisch zu bewerten sei nicht das literarische Werk, sondern allenfalls das „konkrete Verhalten“ des Autors zu politischen Fragen, ohne ihn aber dabei als Person „verächtlich zu machen“, sagte Regenbogen.

Künstler liefern Diskussionsstoff

Von der Vorstellung, dass Schriftsteller moralische Instanzen seien, müsse man im heutigen digitalen Zeitalter Abstand nehmen, betonte Lüddemann: Auch und gerade Handke sei ein gutes Beispiel dafür, dass von Künstlern vielmehr eine „ständige und beständige Zumutung“ ausgehe, man ihre teils widersprüchlichen Positionen „aushalten“ und argumentativ damit umgehen müsse. Sie liefern den Stoff, aus dem Debatten sind. Und auch das Podium in der Friedensstadt hat gezeigt, dass das Nobelpreiskomitee mit seiner umstrittenen Entscheidung eine solche losgetreten hat, die weit über den Ausgezeichneten und sein Werk hinaus Fragen stellt und einen Beitrag zur Aufarbeitung der jüngeren europäischen Geschichte leisten kann.