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Wettstreit der Weltanschauungen Szenische Lesung nach Thomas Manns „Zauberberg“ im Lortzinghaus

Von Matthias Liedtke | 04.11.2019, 14:37 Uhr

Unterschiedliche Positionen im Lortzinghaus der Osnabrücker Freimaurerloge Zum Goldenen Rade: Nach Motiven von Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" wurde dort eine "psychodramatische Lesung" aufgeführt - mit erstaunlich aktuellen Bezügen.

Am Ende fällt ein Schuss. Zuvor sind es aber viele Worte, mit denen Ludovico Settembrini und Leo Naphta einen metaphysischen Kampf ausfechten, bei dem zwei ganz unterschiedliche Weltanschauungen aufeinanderprallen. Der eine vertritt dabei den freien und hehren Geist des aufgeklärten, weltlichen und weltbürgerlichen Humanismus und des weltverbessernden und menschheitsvereinigenden Wissenschafts- und Fortschrittsglaubens; der andere hält dem eine fromme religiöse Ethik entgegen, die dies verbietet.

Es handelt sich um zwei Protagonisten aus Thomas Manns Jahrhundertroman „Der Zauberberg“, die Bodo Dannhöfer und Alexander Trettin im Osnabrücker Lortzinghaus gegeneinander lesen und spielen. Eingeführt und moderiert werden die ausgesuchten Szenen von Robert Brand als Klinikleiter Hofrat Behrens. Ingenieur Hans Castorp, um dessen Gunst die beiden Antipoden streiten und werben, wird verkörpert von Evangelos Tzavaras. Nicht zufällig hat die Osnabrücker Freimaurerloge Zum Goldenen Rade zu diesem Abend in ihrem Hause eingeladen. Denn die Figur des weltläufigen, „Dottore“ Settembrini zeichnet Mann als einen ihrer Bundesbrüder.

Aufklärung in eigener Sache

Als Castorp diesem einmal angestiftet durch den gottgläubigen „Professore“ Naphta diesbezüglich auf den Zahn fühlt, wird die „psychodramatische Lesung“ auch zur Aufklärung in eigener Sache. Dem Vorurteil, dass es sich beim Freimaurerbund um eine geheimniskrämerische, in sich abgeschlossene Gemeinschaft handelt, hält Settembrini entgegen, dass gerade die offene Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Weltsichten der Freimaurerei eigen ist. Insofern ist der Text für diesen Ort gut gewählt. Der ideologische Wettstreit der beiden in wechselseitig befruchtender Feindschaft einander zugewandten Intellektuellen wird im Lortzinghaus auch mit Musik unterlegt. Einmal greift Castorp sogar zur Geige, ein anderes Mal stimmt das gesamte Ensemble gemeinsam mit dem Publikum das „Haus am See“ von Peter Fox an oder Naphta räsoniert im Sprechgesang über den Tod als Befreiung von Krankheit.

Auf einer Leinwand werden nicht nur Fotografien des Schauplatzes des Romans im schweizerischen Davos gezeigt, sondern etwa auch Fotos der Wirtschaftskrise im Vorfeld des Ersten Weltkrieges mit solchen der jüngsten Finanzkrise konfrontiert. So gelingt es den Freimaurern aus Celle, die dieses Vier-Personen-Stück konzipiert haben, einen Bogen zu schlagen von der Zeit Thomas Manns in eine Gegenwart, in der Europa tödlich erkrankt ist und humanistische Vernunft und romantisierende Weltflucht aufeinanderprallen – und so zu zeigen, dass die Themen, die im „Zauberberg“ verhandelt werden, auch nach fast 100 Jahren kaum etwas an Aktualität eingebüßt haben.