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Igor Levit im Interview „Ein irrsinnig erfüllendes Erlebnis“

Von Jan Kampmeier | 17.09.2019, 16:03 Uhr

Am Sonntag wird Starpianist Igor Levit mit den 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitrij Schostakowitsch im Osnabrücker Theater zu erleben sein. Ein intensives Erlebnis für Publikum und Pianist, über das wir mit dem Künstler selber sprachen.

Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87 werden selten aufgeführt, und ich habe noch nie gehört, dass ein Pianist alle 24 an einem Abend spielt. Tatjana Nikolajewa hat sie bei der Uraufführung auf zwei Abende verteilt. Haben Sie das schon vorher versucht?

Ja, ein paar mal, in Salzburg habe ich das am Stück gespielt, das ist sehr intensiv. Sehr! Aber es ist auch ein irrsinnig erfüllendes Erlebnis. Das macht einfach große Freude und ist für mich sehr besonders.

Wie reagiert das Publikum darauf?

Bis jetzt war das Publikum sehr konzentriert. Es ist schwer, einen Vergleich dafür zu finden, aber es ist, glaube ich, für alle als Gesamterlebnis ungeheuer überwältigend.

Für ein Werk von 1950 ist Schostakowitschs Tonsprache ja nicht gerade avantgardistisch. Wie könnte man sie beschreiben?

Sehr emotional und auch individualistisch. Es sind Stücke wie in einem Zwiegespräch. Er ist direkt, auf eine fast beethoveneske Art und Weise unmittelbar und einfach zutiefst menschlich.

Sie sehen eher eine Verbindung zu Beethoven als zu Bach, dessen Wohltemperiertes Klavier den Zyklus inspiriert hat?

Ach, das weiß ich nicht, es gibt beide Verbindungen. Im Sinne der emotionalen Unmittelbarkeit, der Direktheit und Schnelligkeit des Ausdrucks ist sicherlich die Nähe zu beiden Komponisten sehr groß.

Was können Sie zu den Fugen sagen, Schostakowitsch war ja vor diesem Werk nicht unbedingt als Fugenspezialist bekannt.

Die Fugen sind ein Ausdruck ungeheurer Freiheit in diesem Zyklus. Es gibt da alles, sogar so etwas wie Renaissance-Gesänge. Zum Beispiel die Nummer 16 in b-moll, das ist beinahe meine Lieblingsfuge.

Deren Thema ist ja sehr außergewöhnlich. Ich hätte fast gesagt, wenn irgendetwas nicht für eine Fuge taugt, dann dieses Thema…

Genau, aber deswegen ist es ja ein einzigartiges Stück! Und dann gibt es Tanzfugen, Lauffugen, Gewaltfugen, Einsamkeitsfugen, Liebesfugen, was Sie wollen. Das sind ungeheuer freie Stücke, und das als Fugen!

Bei all diesem Abwechslungsreichtum hat das Werk, wenn man es als Ganzes erlebt, aber auch etwas Meditatives, finden Sie nicht?

Ja, das hat es. Und erstaunlich ist – und deshalb glaube ich auch, dass es als Zyklus gespielt werden soll – dass man am Ende merkt: Es sind 23 individuelle Stücke, man hört 23 mal Zwiegespräche mit sich selbst, aus verschiedensten Richtungen. Und das eine mal, wo ein Wir-Gefühl entsteht, ist die letzte Fuge, wo alles zusammenkommt, wo sich das Spektrum weitet. Und das alleine ist überwältigend, wenn man es nach zweieinhalb Stunden erlebt.

Sie sind ja als sehr politischer Mensch bekannt. Ist das derzeit bei uns wichtigste Thema, die Klimakrise, auch ein Thema für Sie?

Das ist nicht nur ein Thema für mich, das ist eines der Themen.

Und werden Sie am Freitag demonstrieren gehen?

Aber gehen Sie davon aus!

Gerade haben sie Ihre Aufnahme aller Beethoven-Sonaten veröffentlicht. Nun gibt es davon ja wahrscheinlich schon etwa 13.000 Gesamtaufnahmen. Warum wollten Sie das machen, Sie spielen sonst ja gerne seltenes Repertoire.

Weil ich das konnte, weil ich die Chance bekam, weil ich das durfte, und weil ich das wollte. Das ist der ganze Grund. Natürlich gibt es viele, ja und? Ich möchte diese Erfahrung selbst machen und mit anderen teilen, ich lebe in meiner Zeit.

Ist Beethoven in jeder Zeit immer wieder anders?

Na hoffentlich! Wir hören andere Dinge und andere Geräusche, wir sind andere Menschen. Die Musikrezeption, das Verständnis, der Eindruck, das verändert sich alles.

Ich habe auf Ihrer Homepage gesehen, dass Sie noch am Donnerstag in der Elbphilharmonie an einem Abend fünf Beethoven-Sonaten spielen. Was ist die größere Herausforderung, fünf mal Beethoven oder 24 mal Schostakowitsch?

(lacht) Fünf Beethoven-Sonaten und 24 Präludien und Fugen von Schostakowitsch innerhalb von drei Tagen. Das ist die Herausforderung, auf die ich mich unglaublich freue.

Der Pianist Emil Gilels soll ja angeblich mal als Zugabe die „Appassionata“ gespielt haben. Wäre das nicht was?

Und Rudolf Serkin die Goldberg-Variationen. Warten Sie’s ab!

Das Konzert mit Igor Levit beginnt am Sonntag, 22. September, 17 Uhr im Theater am Domhof. Kartentelefon: 0541 7600076.

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