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Als Oscar-Kandidat eingereicht Wenn Benni austickt: Cinema Arthouse Osnabrück zeigt den Film "Systemsprenger"

Von Cornelia Achenbach | 19.08.2019, 11:15 Uhr

"Schwierige" Kinder kennt jeder. Doch Benni ist nicht einfach schwierig. Sie brüllt, sie flucht, sie schlägt alles kurz und klein, wird gewalttätig. Mit gerade mal neun Jahren war sie schon in Pflegefamilien, Wohngruppen, Kinderkliniken und immer auch wieder mal kurz dort, wo sie eigentlich sein möchte: bei ihrer Mutter. Das Cinema Arthouse Osnabrück zeigt den berührenden Film "Systemsprenger" am 19. September in einer Sondervorstellung.

"Systemsprenger" ist keine Doku, "Systemsprenger" ist ein Spielfilm mit Helena Zengel als herausragender Hauptdarstellerin. "Ein Dokumentarfilm stand für mich nie zur Debatte. Ich wollte ein wildes, energiegeladenes audiovisuelles Kinoerlebnis erschaffen, das keinen Anspruch auf Realitätswidergabe erhebt. Denn die Realität ist viel schlimmer", sagt Regisseurin Nora Fingscheidt, die fünf Jahre lang an dem Drehbuch für den Film gearbeitet hat.

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"Systemsprenger" von Regisseurin Nora Fingscheidt könnte im kommenden Jahr für Deutschland den Auslands-Oscar holen. Der Spielfilm wurde am 21. August 2019 in München als deutscher Kandidat für die Kategorie "Bester nicht-englischsprachiger Film" gekürt. Die Oscar-Akademie wählt im Januar 2020 fünf der ausländischen Bewerber-Filme aus, die offiziell für den Oscar in der Auslands-Kategorie nominiert werden.

Und doch war es die Arbeit an einem Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen, die sie auf die Idee zu dem Film brachte. Bei dem Dreh habe sie zum ersten Mal den inoffiziellen, in der Jugendhilfe jedoch gängigen Begriff "Systemsprenger" gehört. Als diese galt eine 14-jährige Bewohnerin, die in die Wohngruppe einzog, nachdem sie keine andere Institution mehr aufnehmen wollte.

Ähnlich geht es Benni, die eigentlich Bernadette heißt: Sonderschule, Wohngruppe, Pflegefamilie – überall eckt die Neunjährige an. In ihrer Wut entwickelt sie enorme Kräfte, kann oft nur von mehreren Erwachsen gebändigt werden, muss auf einer Liege fixiert werden, Time out oder ab in die Klinik.

Bereits in den ersten Minuten des Films wird erklärt, dass Benni unter einem frühkindlichen Trauma leidet, dass ihr als Baby Gewalt angetan wurde, dass es aber derzeit keinen Traumatherapieplatz gebe. Das Verständnis seitens der Behörden ist da, die Ohnmacht dennoch groß. (Weiterlesen: "Systemsprenger" geht ins Oscar-Rennen)

Die Sehnsucht nach einer heilen Familie

Es ist für den Zuschauer schwer, mitansehen zu müssen, wie sich Benni immer wieder selbst im Weg steht, wie sie sich Chancen verbaut, zugleich aber auch immer wieder selbst Enttäuschungen erleben muss und mühsam aufgebautes Vertrauen mit einem Schlag zerstört wird. Dabei hat Benni nur einen Wunsch: eine heile Familie. Doch die kann ihre Mutter, die noch weitere Kinder hat, ihr nicht bieten; sie ist überfordert mit dem temperamentvollen Kind, habe regelrecht Angst vor ihr. Immer wieder versäumt sie Termine beim Jugendamt, und auch ihren neuen Lebensgefährten will Benni nicht akzeptieren.

Auch zu ihrer einstigen Pflegemutter, die gut mit Benni zurecht kam, kann sie nicht zurückkehren: In ihrer Wut, bei der sie im Film wortwörtlich rot sieht, geht sie auf ein anderes Pflegekind los und verletzt es so schwer, dass es im Krankenhaus behandelt werden muss.

Vertrauen knüpft Benni dafür zu ihrem Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch), der es mit einem anderen Ansatz versuchen will: drei Wochen Wald. Eine einsame Hütte, kein Fernseher, keine anderen Menschen. Mit der Folge, dass Benni eines nachts zu ihm ins Bett schlüpft, sich an ihn kuschelt und er sie brüsk von sich stößt. Das Mädchen ist ihm zu nah gekommen, es will ihn "Papa" nennen. Und auch er selbst hat seine professionelle Distanz verloren, wie er der Jugendamtsmitarbeiterin Bafanfé (Gabriela Maria Schmeide) berichtet, der ebenfalls viel an dem Mädchen liegt, das in so vielen Momenten still, liebevoll, geradezu zärtlich sein kann. Das lustige Lieder erfindet und Tiere und kleine Kinder liebt, das so gerne Schlittschuh läuft und im Auto laut Musik hört. Und am Ende ist es Benni, die die Frau vom Jugendamt trösten muss, als diese weinend zusammenbricht, weil sie selbst nicht mehr weiß, was aus der Neunjährigen werden soll.

Der Film "Systemsprenger" wurde bei der Berlinale mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Das Cinema Arthouse Osnabrück zeigt ihn am Donnerstag, 19. September, um 17 Uhr in einer Sondervorstellung. Anschließend soll es unter Leitung von Wolfgang Ruthemeier vom Jugendamt Osnabrück eine Podiumsdiskussion mit der Produzentin Frauke Kolbmüller und einer Fachkraft aus der Kinder- und Jugendhilfe geben.