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Mit Folk die Altstadt gefüllt Viel Andrang beim Festival im Heger-Tor-Viertel

Von Matthias Liedtke | 12.08.2019, 01:52 Uhr

Eine große Bandbreite an handgemachter internationaler Folkmusik präsentierte das diesjährige "Folk im Viertel"-Festival in der Osnabrücker Altstadt. Für die Höhepunkte sorgten Musik aus der Mongolei und der Ukraine.

Wenn das Wetter mitspielt, wird es zumindest einmal im Jahr richtig voll im Viertel zwischen Heger Tor, Marktplatz und Kunsthalle. So war es am Samstagabend, als das „Umsonst und draußen“-Musikfestivalformat „Folk im Viertel“ einmal mehr dafür sorgte, dass es an gewissen Punkten kein Durchkommen mehr gab.

Orientalische Klänge und Gesänge

Rund um den VG-Platz an der Großen Gildewart etwa bildete sich eine große Menschenmenge, die gebannt der wohl exotischsten Darbietung an diesem Abend lauschte. Mit Musikern aus dem Iran und der Mongolei bestückt ist das Quartett Sedaa, dessen Name in persischer Sprache Stimme bedeutet. Der Grund dafür war schnell ausgemacht, als zu mal fröhlichen und mal melancholischen, stets aber filigran und virtuos gemalten Klangbildern außergewöhnliche Gesänge zu vernehmen waren – allen voran der traditionelle mongolische Kehlgesang, der es ermöglicht, zwei Töne zugleich zu singen.

Sie hätten ihre „inneren Schwerter gegen Instrumente getauscht“, sagten die vier Musiker in Anspielung auf ihre Herkunft. Und auch die waren alles andere als gewöhnlich. Da wurde ein mächtiges und länderverbindendes orientalisches Saiteninstrument namens Yochin gezupft, das im Deutschen als Hackbrett tituliert wird – oder eine demgegenüber nur zweisaitige mongolische Pferdekopfgeige gestrichen, die ihren Namen dem beliebtesten Tier dieser Region verdankt. Pferden huldigten Sedaa auch thematisch mit kraftvoll galoppierenden Liedern. Am Ende konnten sie ihr Publikum gar zum Mitsingen des vereinfacht arrangierten Refrains einer über 1000 Jahre alten Lobeshymne animieren.

Von Ost nach West

Gleich gegenüber im Innenhof des Hauses der Jugend kamen Tanzwütige auf ihre Kosten. Denn die achtköpfige Batiar Gang begeisterte dort mit einer wilden, extrem energiegeladenen Mischung aus Klezmer-, Polka-, Punk- und Ska-Elementen, servierte zu ihrem „gepfefferten Balkan-Borschtsch“ aber auch traditionelle Musik aus der Ukraine, der Heimat von Sängerin und Violinistin Melanka. Der Titel „Go East“ stand programmatisch für eine das Publikum mitreißende musikalische Reise, die weit über Leipzig hinausging, wo die Batiar Gang beheimatet ist. Vor allem mit einem furios aufspielenden Bläserquartett verbreitete sie jede Menge gute Laune. Wer da nicht zumindest mitwippte, war selber schuld.

Entspannten Folkpop aus dem Westen konnte man im Schatten des Heger Tores vernehmen, wo Fox and Bones aus Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon in Dreierbesetzung und zweistimmig mit mal poppig leichtem und mal Blues-angehauchtem Folk es vermochten, viele Zuhörer um sich zu versammeln und zu überzeugen. Die durften am Ende sogar mitmachen, indem sie Worte zurufen sollten, die dann spontan in Songs integriert wurden.

Von pomadig bis konventionell

Folksongs in Singer/Songwriter-Manier und allein mit Akustikgitarre präsentierte Robert Carl Blank in der Krahnstraße, während eine Ecke weiter in der Marienstraße Sören Mrotzek nicht nur vom Textblatt abgelesene Cover-Songs spielte, sondern auch eigene wie das rührselig schmachtende „Mit Dir“. Die Zwei-Mann-Kapelle bespielte als origineller Walking Act den Marktplatz und am Biergarten vor der Dominikanerkirche kredenzte das Trio Bamautzky pomadige Liebes- und Protestlieder, die unter anderem konstatierten, dass „früher alles besser“ war.

Hinter dem Rathaus erläuterte der noch kurzfristig in das Programm aufgenommene Obertonsänger Frank Heinkel anschaulich mehr oder minder exotische Instrumente wie das australische Didgeridoo oder die afrikanische Ngoni. Mit Akkordeon und Akustikgitarre spielte schließlich das Duo The Neckbellies vor der Lagerhalle eher konventionelle Folkmusik – und sorgte so für einen Vorgeschmack auf das ausnahmsweise drinnen im Saal stattfindende Abschlusskonzert.

Nicht nur wegen des Schottenrocks in authentischer und professioneller Manier fiddelte dort das Quartett The Assassenachs mit Gitarrist und Bandleader Steve Dewar aus Edinburgh, Bodhrán-Spieler Greig Coutts und der niederländischen Flötistin Annemarie de Bie schottische und irische Klassiker bis hin zum wohl unvermeidlichen „Whiskey In The Jar“. Ein denkbar vorhersehbares Ende einer „Folk im Viertel“-Ausgabe, die aber in diesem Jahr weit über diese Tradition hinaus den Facettenreichtum des Genres gezeigt hat.