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Meinungen gehen auseinander Braucht der Landkreis Osnabrück ein neues Frauenhaus im Südkreis?

Von Lea Becker | 27.02.2020, 06:23 Uhr

Im vergangenen Jahr wurde der Verein "Frauenhaus Osnabrücker Land" gegründet, um neben dem Frauenhaus in Bersenbrück ein weiteres im Landkreis zu errichten. Die SPD/UWG-Gruppe fordert nun, Planungskosten für eben dieses Haus im Haushalt bereitzustellen. Doch braucht der Kreis überhaupt ein zweites Frauenhaus? Die Meinungen dazu sind unterschiedlich.

Als Begründung für ihre Forderung hatte die SPD/UWG-Gruppe in einer Pressemitteilung Anfang des Monats die Vorsitzende des Vereins "Frauenhaus Osnabrücker Land", Sarah Tameling, zitiert. Nach wie vor fänden hilfesuchende Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, nicht immer Platz im Frauenhaus. Daher sollen nun 10.000 Euro Planungskosten für ein weiteres Frauenhaus im Haushalt bereit gestellt werden.

Anja Fels, Leiterin des Fachdienstes Soziales, hatte während der Sitzung des Ausschusses für Soziales, Senioren und Gleichstellung des Landkreises Osnabrücks Ende Januar allerdings andere Zahlen präsentiert. Die Situation sei nicht dramatisch. Nach den aktuellen Rückmeldungen gäbe es keine Hinweise, dass Frauen keinen Platz im Frauenhaus in Bersenbrück, das vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) betrieben wird, finden würden. "Bei uns im Landkreis ist kein weiteres Haus erforderlich", hatte Fels betont. Seit der Erweiterung im Oktober hat das Frauenhaus Bersenbrück acht Plätze. Eine erneute Aufstockung um bis zu acht Plätze ist laut Fels bereits in Planung.

Kreisrat Selle sieht keinen Bedarf

Anne Christ-Schneider (SPD) bestärkt auf Anfrage unserer Redaktion, dass "der Bedarf an Plätzen für Frauen, die Gewalt erfahren haben, ungebrochen" ist. Sie stützt diese Ansicht auf Gespräche mit den Verantwortlichen des Frauenhauses Bersenbrück sowie Osnabrück, von der Südkreisinitiative und der Frauenberatungsstelle in Osnabrück. "Dass die SkF in Bersenbrück ihre Plätze im Frauenhaus aufstocken wird, zeigt doch ebenfalls die Notwendigkeit zusätzlicher Plätze", sagt Christ-Schneider. Zudem sei ein Frauenhaus nicht immer in unmittelbarer Nähe zum Wohnort der betroffenen Frau sinnvoll. "Daher halten wir ein zusätzliches Frauenhaus im Südkreis für dringend erforderlich."

Kreisrat Matthias Selle widerspricht dieser Forderung."Warum sollten wir ein weiteres Haus fördern, wenn die Ergebnisse zeigen, dass es nicht erforderlich ist?" Das sei wirtschaftlich nicht sinnvoll. Zwar konnten 68 Personen (59 Frauen, neun Kinder) im vergangenen Jahr im Bersenbrücker Frauenhaus nicht aufgenommen werden, allerdings nur bis zur Erweiterung im Oktober. "Seitdem konnten alle aufgenommen werden." Zudem zeigen erste Tendenzen eines Ampel-Pilotprojekts vom Land Niedersachsen zur Bedarfsanalyse, dass in der Region keine weitere Einrichtung erforderlich sei. Erste offizielle Ergebnisse werden im Sommer erwartet. Gleichwohl findet Selle ein Hilfesystem für betroffene Frauen notwendig.

Gemeinsame Lösung für Stadt und Landkreis

Auch die CDU-Kreistagsfraktion sieht keinen Handlungsbedarf. „Die Experten in diesem Bereich raten wie von der Verwaltung vorgetragen von einem weiteren Frauenhaus im Südkreis ab. Die CDU-Fraktion sieht keinen Anlass, sich gegen die Empfehlung der Fachleute zu stellen und folgt insoweit der Verwaltung", teilen die Vorsitzenden Johannes Eicholz und Johannes Koop mit.

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Der Verein "Frauenhaus Osnabrücker Land" hält ein zweites Frauenhaus hingegen weiterhin für "dringend notwendig". Nach Aussage der Vorsitzenden Tameling betreffe das Problem aber sowohl Stadt als auch Landkreis. "Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden", fordert Tameling. Denn die Zahlen zu den abgewiesenen Frauen seien erschreckend. Dass der SkF die Lage im Griff habe, sei widersprüchlich. "Warum wird dann dort immer erweitert?" Das Frauenhaus Bersenbrück war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Frauen zu oft Opfer von Gewalt

Auch Esther Bierbaum vom autonomen Frauenhaus Osnabrück ist "erschrocken" über die Aussage, dass keine weitere Einrichtung nötig sei. "Seit Jahren müssen wir so viele abweisen, wir brauchen dringend noch ein Frauenhaus", sagt Bierbaum. Allein im vergangenen Jahr hätten sie 196 Frauen und 160 Kindern keinen Platz anbieten können. Sie verstehe die ganze Diskussion überhaupt nicht, weil laut Istanbuler Konvention ein weiteres Frauenhaus "zwingend notwendig" ist. In der Konvention wird empfohlen, pro 10.000 Einwohner einen Familienplatz bereit zu stellen. Heruntergerechnet auf Stadt und Landkreis Osnabrück wären das rund 98 Plätze – statt der bisherigen 38.

Felizitas Exner, sozialpolitische Sprecherin der Grünen Kreistagsfraktion, sieht ebenfalls Bedarf für ein weiteres Frauenhaus im Landkreis. "Die bislang von der Verwaltung vorgetragenen Zahlen werden nicht geteilt", teilte sie auf Anfrage mit und verwies ebenfalls auf die Istanbuler Konvention. Zudem habe die Vergangenheit gezeigt, dass "Frauen weiterhin zu häufig Opfer von Gewalt bis hin zu tödlichen Attacken von aktuellen oder ehemaligen Beziehungspartnern" werden. Polizeiliche Maßnahmen würden nicht greifen und Frauenverbände sowie Beratungsstellen könnten bedrohten Frauen keine unmittelbare Hilfe anbieten. Deshalb unterstütze die Grünen-Fraktion die Südkreisinitiative in ihrem Bestreben, Frauen vor Gewalt zu schützen. "Wir werden das Thema weiterhin eng begleiten und gegebenenfalls auch benötigte Finanzmittel bereitstellen", sagt Exner.