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Karl Becker verurteilt Esterwegen 1946: Funksprüche beweisen Massenmord

Von Horst Heinrich Bechtluft | 12.06.2016, 12:02 Uhr

Vor 70 Jahren, am 6. Juni 1946, traf Karl Becker im Lager Esterwegen ein. Wir kennen nicht die Eindrücke und Gedanken, welche der 36-jährige Wachtmeister der deutschen „Ordnungspolizei“ beim Durchschreiten des Lagertors hatte. Dies geschah unter strenger Bewachung durch bewaffnete britische Soldaten.

Immerhin durfte er eine Woche später eine Postkarte an seine Frau abschicken. „Durch Lagerwechsel Entlassung verzögert“, schrieb der Mann. Tatsächlich dauerte es noch fast zehn Jahre, bis Karl Becker seine Familie wiedersah.

Das Nazi-Hoheitszeichen am Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager (bis 1936) und NS-Strafgefangenenlager (bis April 1945) beim Dorf Esterwegen war abgeschlagen worden. Es war allerdings in Umrissen noch deutlich zu erkennen. Für die Emsländer in der Umgebung, soweit diese im Jahr nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht überhaupt Kontakte zum Lager hatten, war Karl Becker einer von 2000 „Internierten“ dort draußen am Rande des Moores. Bei der Beurteilung der Lage dieser Menschen war schnell von „Siegerjustiz“ die Rede.

SS-Sicherheitsdienst

Polizeihauptwachtmeister Becker schien auf den ersten Blick ein minder belasteter Fall zu sein. Er gehörte weder der Partei NSDAP noch irgendeiner ihrer Gliederungen an. Bei Kriegsausbruch 1939 hatte sich der gelernte Textilverkäufer in Berlin-Spandau mit 30 Jahren als „Ungedienter“ zum Reserve-Polizeibataillon 9 gemeldet. Das ließ einen eher ruhigen Kriegseinsatz hinter der Front erwarten. Sogar die Übernahme ins Beamtenverhältnis versprach das Werbeplakat mit dem Hinweis auf eine „Lebensstellung“ als Polizist. Ab 1942 war sein Bataillon im von den Deutschen besetzten Norwegen zur Grenzsicherung eingesetzt.

Entscheidend für Karl Beckers Aufenthalt im Lager Esterwegen war jedoch der Blick auf einen ganz anderen Einsatz vor der Norwegenzeit: Beim Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion ab Ende Juni 1941 bis Dezember 1941 war das Berliner Polizeibataillon 9 den vier „Einsatzgruppen“ des SS-Sicherheitsdienstes (SD) zugeteilt. Deren Auftrag war, wie wir heute wissen, nicht eine ordentliche Verwaltung von militärisch besetzten Territorien. Die Einsatzgruppen sollten in erster Linie die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung in den eroberten Ostgebieten vorantreiben. Was später mit dem Namen von Vernichtungslagern wie Auschwitz verbunden ist, geschah ab Juli 1941 unter dem Deckmantel von kriegsbedingtem Geschehen hinter der Ostfront: Zu Zehntausenden wurden Menschen als „Partisanen“ und „Saboteure“ erschossen und in Massengräbern verscharrt. Die Allermeisten von ihnen waren Juden.

Nur eine Erschießung

Becker gehörte mit seiner Kompanie der Einsatzgruppe A an, die in den baltischen Republiken der damaligen Sowjetunion wütete. Er behauptete 1959 bei einer Vernehmung, nur bei einer einzigen Erschießung dabei gewesen zu sein, und zwar im Ort Mitau in Lettland. Die Ordnungspolizisten hätten „nur“ das Gelände der Exekution abgesperrt; die Erschießungen seien durch SD-Männer erfolgt. Ein Ermittlungsverfahren gegen Karl Becker wurde im Januar 1960 von der Staatsanwaltschaft in Westberlin mit der Begründung „Befehlsnotstand“ eingestellt.

Staatsgeheimnis

Warum aber landete Karl Becker im Juni 1946 zusammen mit 240 Angehörigen seines Bataillons als vermutlicher Kriegsverbrecher im Lager Esterwegen? Die Antwort war für viele Jahrzehnte ein streng gehütetes Staatsgeheimnis in Großbritannien: Die Offiziere der NS-Polizei bei den Einsatzgruppen hatten sich und ihre Männer selbst ans Messer geliefert! Sie schickten nachlässig verschlüsselte „Ereignismeldungen“ per Funk nach Berlin. Diese Funksprüche wurden in den Monaten Juli bis September 1941vom britischen Geheimdienst mitgelesen. So wussten die Engländer sofort bei Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion haargenau von den Morden hinter der Ostfront und deren Opfern. Denn die „Erfolgsmeldungen“ sprachen von „getöteten Juden“, deren Anzahl und den Orten des Geschehens.

Auch wenn die ehemaligen Angehörigen des Polizeibataillons 9 ab 1942 in Norwegen zum Polizeiregiment 27 gehörten (später umbenannt in „SS-Polizeiregiment 27“), blieben sie als an nachgewiesenen Kriegsverbrechen in der Sowjetunion Beteiligte unter strikter Beobachtung britischer Dienststellen. Andere Angehörige des Polizeiregiments waren 1946 längst zu Hause; die in Esterwegen festgesetzten Männer erwartete ein ungewisses Schicksal. In der Nacht zum 17. Januar 1947 wurden sie im Lager auf Lastwagen verfrachtet, zu einer nahegelegenen Bahnstation (vermutlich Oldenburg) gefahren und mit dem Zug direkt nach Helmstedt transportiert. An der Grenze ihrer Besatzungszone übernahmen sowjetische Dienststellen die Häftlinge von den Briten und brachten sie in das Speziallager 7 Sachsenhausen.

Speziallager Bautzen

Die allermeisten der aus dem Lager Esterwegen nach Sachsenhauses gekommenen „Norweger“ (so nannten sich die Bataillonsangehörigen selbst), wurden vom Sowjetischen Militärtribunal (SMT) zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Die Todesstrafe war in der Sowjetunion kurz zuvor abgeschafft worden. Das Urteil traf auch Karl Becker. Entgegen immer wieder umlaufenden Gerüchten, die Verurteilten kämen nach Sibirien, wurden die Männer vom Polizeibataillon 9 im August 1947 in das Speziallager Bautzen I verlegt. Dort erhielt Karl Becker im Juni 1955 die Mitteilung, dass sein Strafmaß auf 12 Jahre vermindert worden sei. Am 20. Januar 1956 wurde er „infolge Gnadenerweis“ entlassen.