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Gedenken ans Kriegsende im Emsland Der stille Schrei der Gefangenen in Esterwegen

Von Gerd Schade | 24.04.2015, 21:44 Uhr

Mehr als 200 Menschen haben am Freitagabend in der Gedenkstätte Esterwegen feierlich des Kriegsendes im Emsland vor 70 Jahren gedacht. Mit aufwühlenden Worten erinnerte der Belgier Hendrik Verheyen, ein ehemaliger Häftling des einstigen Strafgefangenenlagers Esterwegen, an die Gräueltaten der Nationalsozialisten, die er am eigenen Leib erlebte und überlebte.

Über dem ehemaligen Lagergelände entfaltet die Aprilsonne auch in der beginnenden Abendstunde noch ihre frühsommerliche Kraft. In den Reihen der Zuhörenden, darunter die Holocaust-Überlebende Erna de Vries aus Lathen, ist es mucksmäuschenstill.

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Mit langsamen, aber sicheren Schritten tritt Hendrik Verheyen ans Rednerpult. „In meiner Nase hängt bisweilen noch der Gestank der Baracken“, sagt der 90-Jährige aus Antwerpen. Manchmal dringe auch noch „der eisige Wind über das flache Emsland“ an sein Ohr. In diesen Momenten spüre er das Nicht-mehr-Mensch-gewesen-Sein ganz deutlich.

Ein Rest Kartoffelsalat

Mit bewegenden Worten, aber keineswegs verbittert, macht Verheyen deutlich, dass sein Überleben pures Glück und voller Zufälle war. „Nicht jeder hat einen deutschen Arbeitsaufseher wie Hermann Müller von Langenbielau gekannt, der ein wahrer Freund war in üblen Tagen und mich einen Rest seines Kartoffelsalates genießen ließ. Sein eckiges Gesicht und seine freundlichen Augen werde ich niemals vergessen“, sagt Verheyen, der schon anlässlich der Eröffnung der Gedenkstätte im Oktober 2011 von seinen Erinnerungen an das dunkelste Kapitel der emsländischen Heimatgeschichte berichtet hatte.

Hendrik Verheyen war als 18-Jähriger einer von rund 2700 überwiegend belgischen, aber auch französischen Zivilisten, die in den Kriegsjahren 1943 und 1944 von der deutschen Besatzungsmacht wegen des bloßen Verdachts des Widerstandes in ihren Heimatländern verhaftet wurden. Diese sogenannten „Nacht-und-Nebel-Gefangenen“ wurden in Esterwegen, und nach dessen Überfüllung auch im Strafgefangenenlager Börgermoor, inhaftiert. Viele wurden zum Tode verurteilt, andere trotz Freispruchs in Konzentrationslager verschleppt, wo die meisten umkamen.

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Der Tag seiner Befreiung war für Verheyen nach eigenen Worten kein Tag der Freude. „Ich habe damals nicht gejubelt, gesungen und getanzt. Fast jeder Mensch, der den Krieg überlebt hat, hat Verwandte und Freunde verloren.“ Die Vielzahl der Gedenkfeiern an das Kriegsende in diesen Tagen führen Verheyen und andere Überlebende zurück in eine „wahnsinnige Zeit“. Sie wecken Erinnerungen an SS-Wächter, „die bellen wie Hunde, heulen wie Wölfe und lachen wie Hyänen“. Die Gefangenen hingegen schrien still, sagt Verheyen.

Weiter erforschen

Der Vorsitzende der Stiftungsrates der Gedenkstätte Esterwegen , Bernd Faulenbach, weist in seiner Gedenkrede darauf hin, dass sich die Vorgänge in den einzelnen Emslandlagern im März und April 1945 bisher haben nur teilweise rekonstruieren lassen. „Hier ist noch weitere Forschungsarbeit zu leisten“, fordert Faulenbach. Mit Blick auf die Nachkriegsjahre hält er fest, dass den meisten Deutschen zunächst auch ein Unrechtsbewusstsein gefehlt habe. Und heute? „Für unsere Demokratie sind wir alle verantwortlich“, sagt Faulenbach. Das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren „fordert uns auf, unserer Verantwortung gerecht zu werden. Befreiung ist durch Erinnerung und Engagement möglich.“

Landtagspräsident Bernd Busemann mahnt angesichts immer weniger Zeitzeugen zu einer umfassenden Erinnerungskultur. „Auch unsere Enkel und Urenkel werden Antworten brauchen“, erklärt der CDU-Politiker aus Dörpen. Landrat Reinhard Winter erinnert daran, dass Esterwegen zwar kein Vernichtungslager war. „Aber hier nahmen Entwicklungen ihren Anfang, die später so furchtbar eskaliert und zur fast völligen Vernichtung des europäischen Judentums geführt haben.“ Er ruft dazu auf, zu mahnen und für ein „Nie wieder“ einzustehen.

Als die Redner später an der Gedenkwand Kränze niederlegen, blinzelt die Sonne nur noch knapp über die rostrote Wand hinweg auf die einstige „Hölle am Waldesrand“.