Gedenken an Opfer des Holocausts Erna de Vries spricht in der Gedenkstätte in Esterwegen

Vor zahlreichen Zuhörern berichtete die Holocaust-Überlebende Erna de Vries aus Lathen in der Gedenkstätte Esterwegen über ihr Schicksal. Foto: Jennifer KemkerVor zahlreichen Zuhörern berichtete die Holocaust-Überlebende Erna de Vries aus Lathen in der Gedenkstätte Esterwegen über ihr Schicksal. Foto: Jennifer Kemker

Esterwegen. Im Gedenken an die Opfer des Holocausts hat die Überlebende Erna de Vries aus Lathen anlässlich des Internationalen Gedenktages (27. Januar) am Sonntag in der Gedenkstätte Esterwegen über ihr Schicksal berichtet.

Unter dem Titel „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“ sprach die 93-Jährige vor mehreren Hundert Zuhörern über das, was ihr und ihrer Mutter angetan worden ist. „Sie benutzten das Wort Jude als Schimpfwort“, sagt de Vries über ihre Kindheit und ihre Zeit in der Schule. Zunächst habe sie immer gute Leistungen gebracht. Irgendwann seien ihre Noten abgerutscht und sie sei in eine jüdische Sonderklasse gekommen. „Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt“, sagte de Vries.

Haus unter Wasser gesetzt

Nach der Pogromnacht im November 1938 sei ihr Haus verwüstet worden. „Meine Mutter war voller Angst und ich wusste nicht, was ich machen sollte“, so de Vries. „Es wurden Schläuche ins Haus geleitet und alles unter Wasser gesetzt.“

„Ab 1941 mussten wir den Stern sichtbar auf unserer Kleidung tragen, damit jeder sehen konnte, dass wir Juden sind“, sagte sie. Zwei Jahre später sollte ihre Mutter dann deportiert werden. „Ich wollte meine Mutter aber nicht alleine gehen lassen und flehte die Beamten an, auch mich mitzunehmen“, so die 93-Jährige. Auf dem Weg nach Saarbrücken ins Gestapo-Gefängnis habe sich der Beamte umentschieden und sie zusammen mit ihrer Mutter in eine Zelle gesteckt. „Bei meinem Verhör habe ich dann mitbekommen, dass meine Mutter nach Auschwitz gebracht werden sollte.“ Und wieder bestand die Überlebende darauf, mit ihrer Mutter zu gehen. „Dass es damals aber anders für mich kam, konnte keiner ahnen“, erklärte de Vries.

Nach sieben Tagen in Auschwitz angekommen

Zusammen mit 85 weiteren Häftlingen kamen Mutter und Tochter nach sieben Tagen in einem Gefängnistransporter in Auschwitz an. „Die Fenster waren mit Holz verschlagen. Die Tür war so eingerastet, dass noch etwas Luft reinkommen konnte.“ In Birkenau wurden die Häftlinge nach ihren Worten in die sogenannte Sauna gebracht. Dort mussten sie sich ausziehen und wurden an allen behaarten Körperstellen rasiert und gereinigt.

Bei der Selektion wurde de Vries aufgrund ihrer Wunden am Bein aussortiert und dem Todesblock zugewiesen. „Ein Arzt beurteilte, wer arbeitsfähig war und wer nicht“, erzählte sie. „Am nächsten Tag wurden wir wie Sklaven zu Lastwagen getrieben und Panik brach unter den Frauen aus.“ In dieser Situation habe sie nur einen Wunsch gehabt: „Ich wollte nur noch einmal die Sonne sehen.“

Von der Mutter verabschiedet

Weil sie als jüdischer Mischling ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht werden sollte, wurde sie nach ihren Angaben von der Hinrichtung verschont. „Du hast mehr Glück als Verstand“, sagte einer der Beamten zu ihr. Dennoch habe sie es geschafft, sich von ihrer Mutter zu verabschieden, die sie nie wieder sehen sollte. „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, sagte sie beim Abschied zu ihrer Tochter.


0 Kommentare