Bedarf für Jugendhilfe bleibt hoch Johannesburg-Direktor: Eltern vermehrt mit Erziehung überfordert

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Surwold. Der Bedarf für Jugendhilfemaßnahmen an der Johannesburg in Surwold bleibt trotz des demografischen Wandels hoch, sagt Johannesburg-Direktor Franz-Josef Lensker. Im abschließenden Interview unserer sechsteiligen Serie über die Jugendhilfeeinrichtung erklärt er, dass immer häufiger psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen ursächlich für den Hilfebedarf sind und weshalb sich das Image der „Burg“ gewandelt hat.

Herr Lensker, was macht die Johannesburg aus?

Das Besondere am Konzept der Johannesburg ist die enge Zusammenarbeit der drei Bereiche Sozial-, Schul- und Berufspädagogik. Kinder und Jugendliche erleben in ihren Wohngruppen, Schulklassen und Werkstätten annehmende Erwachsene, die auf Augenhöhe zusammenwirken und den Alltag mit ihnen zusammen gestalten. Außergewöhnlich ist die Vielseitigkeit der Angebote in allen Bereichen, die zusätzlich durch Multiprofessionalität sticht, d. h. die Pädagogen und Ausbilder erhalten Unterstützung durch begleitende Dienste wie dem Psychologischen Dienst.

Aufgrund der äußerst geringen Mitarbeiterfluktuation erfahren die jungen Menschen zudem ein heute nicht mehr selbstverständliches Klima der Stabilität in ihren Beziehungen.

Wie hat sich die Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Wir beobachten in den letzten Jahren Veränderungen in der Johannesburg, die sich mit den grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklungen der Bundesrepublik ähneln: Trotz des demografischen Wandels, also einem zahlenmäßigen Rückgang von Kindern und Jugendlichen, bleibt der Bedarf für Jugendhilfemaßnahmen etwa gleich hoch. Besonders auffällig ist dabei, dass wir vermehrt jüngere, mehr weibliche und besonders schwierige junge Menschen angefragt bekommen und aufnehmen.

Immer häufiger sind dabei psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen der jungen Menschen ursächlich für den Hilfebedarf.

Eine Besonderheit war im Jahr 2015, bedingt durch die Flüchtlingswelle, die Aufnahme von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Hier hatten wir in der Spitze 60 Jugendliche, die in Wohngruppen und im betreuten Wohnen untergebracht waren.

Wie hat sich das Image der „Burg“ gewandelt?

Das Image der Johannesburg in der Region und darüber hinaus hat sich durch die konsequente Ausrichtung auf moderne Konzeptionen der Pädagogik positiv gewandelt. So ist Beteiligung der jungen Menschen und deren Eltern für uns eine Voraussetzung für eine gelingende Hilfe. Dadurch werden die sozialen Zusammenhänge neu schätzen gelernt. Auch die Öffnung der Einrichtung nach außen hat viel Positives bewirkt.

Die Johannesburg verfügt heute über neun Außenwohngruppen in den umliegenden Gemeinden. Weitere Gründe sind sicherlich die Einstellung gut ausgebildeter Mitarbeiter und die konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen des Jugendhilfe- und Ausbildungs- bzw. des Arbeitsmarktes. Die weitreichende Vernetzung in Politik, Wirtschaft und Bildung hat ebenfalls mit ihren Synergieeffekten für eine positive Wandlung des Images gewirkt.

Wie können Jugendliche, die im Heim aufwachsen, schulisch und beruflich so gefördert werden, dass eine Integration in den Arbeitsmarkt und damit in die Gesellschaft möglich wird?

Junge Menschen im Ausbildungsalter, die in der Johannesburg leben, trauen sich in der Regel selbst nicht sehr viel. Sie haben Schule und Ausbildung oft als einen Ort der Niederlage erlebt. Auf dieser Basis entwickeln unsere Schulen und Ausbildungswerkstätten passgenaue Konzepte für jeden Einzelnen, um ihn in seinen Kompetenzen zu stärken. Dabei ist die Ausrichtung stets in Richtung Regelsystem, d. h. schneller Zugang zu Außenbetrieben und den öffentlichen Schulen. Diese Prozesse benötigen allerdings Zeit, da Entwicklungen nicht linear verlaufen und Krisen beinhalten. Durch unsere sozial- und sonderpädagogisch gestützte Konzeption schaffen wir die positive Wendung der jungen Menschen und befähigen sie so zur Teilhabe in unsere Gesellschaft.

Die Schülerzahlen der Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung der Johannesburg steigen rasant. Woran liegt das?

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig. Wir beobachten auf der einen Seite einen Erziehungsnotstand, weil viele Eltern heute die Frage: „Wie erziehe ich mein Kind?“, nicht für sich beantworten können. Auch hat die gesellschaftliche Veränderung von Familie ihre Spuren hinterlassen. So erleben wir vermehrt Einelternfamilien, die mit der Erziehung ihres Kindes bzw. ihrer Kinder überfordert sind. Im Alltag zeigen sich diese Kinder oft emotional und materiell unterversorgt, nicht teamfähig, laut, aggressiv usw. Ist der Unterricht dann nicht mehr durch die Störungen möglich, so führt häufig der Weg zur Johannesburg.

Inwieweit die vielen inhaltlichen und organisatorischen Veränderungen durch das inklusive Schulgesetz hier eine Rolle spielen, lässt sich nicht eindeutig sagen. Auffallend ist allerdings die Zunahme der Anfragen für unsere Schulen seit Beginn der inklusiven Beschulung.

Das Ringen um Fachkräfte beschäftigt auch die Johannesburg. Aktuell suchen Sie Erzieher. Zudem geht in den kommenden Jahren die Hälfte der Lehrer der Johannesburg-Förderschule in den Ruhestand. Was muss passieren, dass die Stellen nachbesetzt werden – auch vor dem Hintergrund, dass Lehrkräfte an privaten Förderschulen weniger verdienen als im Staatsdienst?

Die Johannesburg bildet schon seit über 30 Jahren, sehr erfolgreich, berufsbegleitend in Kooperation mit Fachschulen in Meppen und Hamm den eigenen Erziehernachwuchs aus. Dieses Programm werden wir fortsetzen. Für den Schulbereich benötigen wir sonderpädagogisch qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer, die zurzeit auf dem Arbeitsmarkt gar nicht vorhanden sind. Wir stehen aktuell mit dem Kultusministerium und der Universität Oldenburg in Verhandlungen, die schon sehr weit gediehen sind. Unsere Idee ist: qualifizierte Sozialpädagogen und/oder fachfremde Hochschulabsolventen mit Erfahrungen im sonderpädagogischen Aufgabenfeld durch eine zweijährige Zusatzqualifizierung zu Lehrern zu qualifizieren. Das Konzept steht, bedarf jedoch noch der Zustimmung durch das Land Niedersachsen.

Um engagierte Lehrer zu halten, die im Staatsdienst mehr verdienen könnten, ist ein attraktives Arbeitsklima mit Entwicklungspotenzial notwendig. Dies konnten wir unseren Lehrern in der Vergangenheit bieten, sodass sie trotz der Gehaltsdifferenzen in der Johannesburg geblieben sind.

Was sind aktuell darüber hinaus die größten Herausforderungen?

Die Weiterentwicklung unserer Hilfen in Zeiten der demografischen Entwicklung, der Inklusion und Digitalisierung sind die großen Herausforderungen für die nächsten Jahre. Der Weg hin zu einer inklusiven Gesellschaft wird neue pädagogische Konzepte verlangen, die Digitalisierung wird alle Berufe grundlegend verändern und die Jugendhilfe wird durch eine zu erwartende gesetzliche Neuregelung auch unsere Strukturen verändern. Hier gilt es, wie in der Vergangenheit, nicht hinterherzulaufen, sondern mit an der Spitze der Entwicklung zu sein und diese durch innovative Ideen mitzugestalten.

Im Juni hat die Johannesburg ein Konzept für ein Wohnprojekt vorgestellt, dass Azubis ins Emsland locken soll – sozialpädagogische Betreuung inklusive. Wie groß sehen Sie den Bedarf und wie schätzen Sie die Chancen für eine Umsetzung des Projektes ein?

Das Konzept ist von der Johannesburg als ein Angebot für die Betriebe in der Region entwickelt worden, um einen Beitrag zur Lösung des Problems Auszubildendenmangel zu leisten. Hintergrund unserer Überlegungen sind die positiven Erfahrungen anderer Träger mit dem Angebot Jugendwohnen zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen gewesen.

Aus Gesprächen mit Betrieben und mit Blick auf die Statistiken lässt sich ein größerer Bedarf leicht nachweisen, der sich in den nächsten Jahren eher vergrößern wird. Als nächsten Schritt werden wir eine Machbarkeitskonferenz mit den maßgeblichen Akteuren – Verbände, Kammern, Landkreis – durchführen. Ich denke, danach wird entschieden.


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