Berufsvorbereitung Mit der Surwolder Johannesburg auf den ersten Arbeitsmarkt

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Mahlzeit! Einen Teller Möhreneintopf mit Bockwürstchen nimmt der Bäckereimeister der Johannesburg, Ludger Hüve, zur Mittagspause in der Kantine von Melanie Siemens (links) und Franka Dahm entgegen. Foto: Gerd SchadeMahlzeit! Einen Teller Möhreneintopf mit Bockwürstchen nimmt der Bäckereimeister der Johannesburg, Ludger Hüve, zur Mittagspause in der Kantine von Melanie Siemens (links) und Franka Dahm entgegen. Foto: Gerd Schade

Surwold. Breit gefächerte Erziehungshilfen und Jugendsozialarbeit bietet die Johannesburg in Surwold. In einer sechsteiligen Serie gibt unsere Redaktion in dieser Woche Einblicke in die Lebensumwelt der „Burg“ mit Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten. Teil drei befasst sich mit der Vorbereitung auf den Berufseinstieg – ein Angebot, das bewusst niedrigschwellig gehalten ist.

Sie kommen aus einem Umkreis von etwa 50 Kilometern aus Förderschulen, sind Schulabbrecher oder -verweigerer: In der Johannesburg in Surwold können junge Menschen nach dem Ende ihrer allgemeinen Schulpflicht im Rahmen der Jugendhilfe zu jeder Zeit in ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) einsteigen. Ziele sind berufliche Orientierung und Reife, die im Idealfall in ein Erwerbsleben auf dem ersten Arbeitsmarkt mündet. Das Angebot ist bewusst niedrigschwellig angelegt, wie die Sozialpädagogen Thomas Heyen, Martina Harde und Gerd Thomes erklären.

Eltern müssen mitspielen

Oftmals ginge es zunächst um grundlegende Dinge wie Pünktlichkeit, einen festen Tagesablauf, strukturiertes Arbeiten und Kompetenztraining auf emotionaler und sozialer Ebene. Die Hilfe wird über das Jugendamt finanziert und erfolgt in enger Absprache mit den Eltern. „Sie müssen mitspielen. Sonst kann es nicht funktionieren“, sagt Harde. Begleitet werden die Jugendlichen sowohl schulisch als auch in der beruflichen Orientierung – mit möglichst viel Praxis beim Kennenlernen verschiedener Berufsfelder.

Durch sozialpädagogische beziehungsweise therapeutische Begleitung sollen die Teilnehmer zudem Gelegenheit bekommen, ihre persönlichen Probleme zu bearbeiten. „Wir haben es auch mit kognitiv schwachen und psychisch beeinträchtigten Schülern zu tun“, gibt Abteilungsleiter Heyen zu bedenken. Die berufsvorbereitenden Projekte sind teilstationär, d. h. die Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen sind montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr und freitags bis 13 Uhr in der Einrichtung.

Zugriff auf Werkstätten

Zur Mittagszeit sind Melanie Siemens und Franka Dahm in der Kantine tätig. Die beiden 18-Jährigen aus dem Fachbereich Hauswirtschaft löffeln den Kollegen Möhreneintopf mit Bockwurst auf den Teller. Während Siemens eine Ausbildung zur Fachpraktikerin begonnen hat, absolviert Dahm eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme.

„Wir können auf alle Werkstätten zugreifen“, sagt Gruppenleiter Thomes. Durch das praktische Ausprobieren verschiedener Berufsfelder in den eigenen Werkstätten können die jungen Menschen erfahren, für welche Tätigkeiten sie sich interessieren und welche Berufe für sie körperlich und vom Lernvermögen her geeignet sind. In der Regel lernten die Teilnehmer drei bis vier Werkstätten kennen, so Thomes. Haben sie sich für ein Berufsfeld entschieden, werden sie gezielt auf die dazugehörige Ausbildung vorbereitet.

Bandbreite ist größer geworden

Sichergestellt ist Abteilungsleiter Heyen zufolge, „dass keiner ohne Anschlussmaßnahme aus der Berufsvorbereitung geht“. Zum berufsvorbereitenden Bildungsangebot der Johannesburg gehört eine eigene, gleichsam sozial- wie sonderpädagogisch orientierte Berufsbildende Schule mit Berufseinstiegsklassen, über die der Hauptschulabschluss erworben werden kann und eine Berufsfachschule.

Wie Gerd Thomes auf Nachfrage erklärt, war die Jugendhilfe in der Johannesburg früher stärker und allgemein auf Verhaltensauffälligkeit ausgelegt. Heute sei die Bandbreite größer geworden – auch, weil Diagnosen ausdifferenzierter erstellt würden, wie Thomas Heyen ergänzt.

Nach Einschätzung der Sonderpädagogen haben sie es bei ihrer Klientel verstärkt mit psychischen Erkrankungen, geringer Belastbarkeit, abnehmender Lernbereitschaft, Lernbehinderung und körperlichen Einschränkungen zu tun. „Sie kommen nicht mehr nur mit einem Problem, sondern mit einem Paket“, meint Heyen. Als mögliche Ursachen nennen die Sozialpädagogen eine massive Zunahme der Medienpräsenz und oftmals zerrüttete Familienverhältnisse.

Ganze Systeme im Blick

Die gestiegenen Herausforderungen erfordern nach Ansicht der Pädagogen die Zusammenarbeit mit einer Vielzahl anderer Dienste. „Wir müssen das ganze System im Blick haben und viele Leute mit ins Boot holen. Dadurch werden wir immer mehr zur Schnittstelle“, sagt Thomes.

Martina Harde zufolge fühlen sich die jungen Leute in der Berufsvorbereitung der Johannesburg schnell gut aufgehoben. „Oft hatten sie in der Schule über Jahre keine Erfolgserlebnisse. Wir arbeiten daran, ihnen ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben. Das verlangt viel Beziehungsarbeit“, erklärt Harde. Dazu gehören auch Sozialprojekte wie Geocaching, Kanufahren oder Klettern in der Freizeit. „Das fördert auch die Beziehungsarbeit untereinander“, so Harde. Die Teilnahme an den Projekten ist aber freiwillig. Niedrigschwellig eben.


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