Mehrsprachigkeit als nächster „Kraftakt“ Gedenken in Esterwegen soll noch erlebbarer werden

Meine Nachrichten

Um das Thema Nordhümmling Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Esterwegen. Die Gedenkstätte Esterwegen und Einzelschicksale der Gefangenen in den 15 einstigen Emslandlagern sollen für Besucher noch erlebbarer werden. Bei einem Besuch von Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) kündigte Landrat Reinhard Winter (CDU) an, dass die Dauerausstellungen künftig mehrsprachig gestaltet werden sollen.

Damit verbunden ist Winter zufolge die Erschließung des Gedenkstättengeländes durch i-Guides. Dadurch sollen die Erzählungen ausgewählter Häftlingsbiografien mit den freigelegten Baurelikten aus der Lagerzeit verortet werden. „Der Einsatz moderner Kommunikationstechnik ist dabei ein Mittel, gerade junge Leute in ihrer Welt zu erreichen“, so Winter, der Andretta zusammen mit der Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, Andrea Kaltofen, durch den Gedenkort führte. Das Erweitern auf Mehrsprachigkeit in dem europäischen Gedenkort – in den Emslandlagern waren Häftlingsgruppen aus vielen Ländern Europas inhaftiert – werde nach dem Herausgeben des Ausstellungsbegleitbandes „Hölle im Moor“ der nächste Kraftakt.

Sichtlich beeindruckt

Andretta zeigt sich aber schon jetzt sichtlich beeindruckt von der Gedenkstättenarbeit. Mehrfach würdigt sie während ihres gut zweistündigen Aufenthaltes die „gemeinsame Geschlossenheit“ und das „Herzblut“, mit dem die Gedenkstätte „auch gegen viele Widerstände“ aufgebaut worden sei und betrieben werde. Die höchste Repräsentantin des Landes ist auf Sommerreise durch niedersächsische Gedenkstätten. Sie wolle damit ganz bewusst ein Zeichen für das Bewahren der Erinnerungskultur für nachfolgende Generationen setzen, betont Andretta. „Der wieder erstarkende Antisemitismus mahnt, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten und neu zu vermitteln“, betont die Landtagspräsidentin. Im Kampf gegen Rassismus, Hetze und das gegenwärtig verstärkt neu aufkeimende „Gift der NS-Zeit“, durch das Beschimpfungen wie „Du Jude!“ zunehmend wieder salonfähig würden, seien alle gefordert. Als eine der größten Herausforderungen darüber hinaus nennt Andretta den Kampf gegen die Gleichgültigkeit.

Weniger Zeitzeugen

Die Landtagspräsidentin will nach eigenem Bekunden wissen, wie Erinnerungskultur bei in Zukunft immer weniger Zeitzeugen aussehen kann und sie auch von nachfolgenden Generationen angenommen und weitergegeben wird. Zur Verstärkung der pädagogischen Gedenkstättenarbeit bringt Andretta die Abordnung von Lehrkräften ins Spiel, wohl wissend, dass aufgrund des Pädagogenmangels an den Schulen derzeit kaum welche abkömmlich sind.

Jährlich 25.000 Besucher

Ihre Sommerreise führte die Landtagspräsidentin unter anderem nach Moringen, Bergen-Belsen und zum ehemaligen Gestapokeller in Osnabrück-Hasbergen. Bei ihrem Besuch der für 5,8 Millionen Euro errichteten und im Herbst 2011 eröffneten Gedenkstätte Esterwegen, die jährlich rund 25.000 Besucher zählt, machte auch Landrat Winter deutlich, dass Zweiter Weltkrieg und NS-Diktatur zwar mehr als 70 Jahre zurückliegen, ihre Schatten aber bis heute reichten. Frieden und Zusammenarbeit seien keineswegs in Stein gemeißelt. „Selbst der europäische Gedanke ist ein fragiles Gebilde und in vielen europäischen Ländern fallen Populismus und Ausgrenzung in diesen Jahren auf fruchtbaren Boden“, sagte Winter. Überdies belegten Studien, dass Antisemitismus in Deutschland keineswegs ein abgeschlossenes Kapitel der Historie darstellt. „ Judenfeindlichkeit und negative Stereotypen ziehen sich durch fast alle Bereiche der deutschen Gesellschaft.“ Deshalb sei die Erinnerungsarbeit immer wieder aufs Neue und vielleicht sogar mehr noch als in den Vorjahren notwendig.

Mahnmal gegen Menschenfeindlichkeit

„Wir verstehen die Gedenkstätte als Mahnmal gegen Terror von rechts, gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen Gewalt und Verfolgung von Andersdenkenden und ethnischen Gruppen. Sie ist aber kein Museum“, betonte Winter. Die als „Lernort“ ausgerufene Gedenkstätte solle nach Möglichkeit von jedem Schüler im Emsland mindestens einmal besucht werden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN