Fast jeder Zweite über 60 Jahre alt Dem nördlichen Emsland droht ein Mangel an Zahnärzten

Von Hermann Hinrichs


Esterwegen. Im nördlichen Emsland könnte es schon in wenigen Jahren zu einer gravierenden Unterversorgung in der Zahnmedizin kommen. Aktuelle Zahlen weisen aus, dass in den kommenden sieben Jahren fast jeder zweite der 70 hier tätigen Zahnmediziner in den Ruhestand wechseln wird – und junge Ärzte sind kaum aufs Land zu locken.

Zahnarzt Wilhelm Schrand aus Esterwegen ist Vorsitzender der Bezirksstelle Ostfriesland der Zahnärztekammer Niedersachsen (ZKN) und zugleich Vorsitzender der Bezirksgruppe Ostfriesland im Freien Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ), der politischen Interessenvertretung der Zahnärzte. Aus dieser Funktion heraus warnen er und FVDZ-Landespressesprecher Dr. Ulrich Keck aus Leer vor einer gravierenden Unterversorgung in der Zahnmedizin, die sich deutlich abzeichnet.

Das nördliche Emsland steht dabei im Vergleich zu den anderen ostfriesischen Kreisstellen besonders schlecht da. Von den 70 Zahnmedizinern zwischen Papenburg und Klein Berßen sind 32 und damit fast die Hälfte über 60 Jahre alt und somit absehbar im Ruhestand. Weitere 17 sind zwischen 50 und 60 Jahre alt und 21 unter 50 Jahre. Das bedeutet laut Wilhelm Schrand, dass hier allein in den kommenden sieben Jahren nahezu jeder zweite Zahnarzt in den Ruhestand wechseln wird.

Unterversorgung zeichnet sich bereits jetzt ab

„Wir merken schon jetzt in gewissen Bereichen, dass sich eine Unterversorgung abzeichnet“, stellt Schrand im Gespräch mit unserer Redaktion fest. Beispielhaft nennt der den Bereich Lathen, wo in der vergangenen Zeit gleich mehrere Zahnärzte aufgehört haben oder auf Zeit ausgeschieden sind. An und für sich wäre das nicht weiter schlimm, wenn da nicht die oftmals ungeklärte Nachfolge wäre: „Es gibt viele ältere Kollegen, die einen Nachfolger suchen, aber nicht finden können“, lenken Schrand und Ulrich Keck den Blick auf das eigentliche Problem.

Warum ist das so? Für Keck liegen die Gründe auf der Hand: Junge Zahnärzte müssten sich beim Start hoch verschulden und dazu auch noch Eigenkapital nachweisen und zudem ein Leistungsbudget einhalten, ohne dabei ein ,Privat‘-Klientel zu haben, wie es in der Stadt der Fall wäre. „Das Risiko ist weiter hoch. Deswegen lässt sich hier kaum einer nieder“, sind sich die beiden Standespolitiker Schrand und Keck sicher.

Dabei hat Ulrich Keck das Problem schon am eigenen Leibe erfahren. Seit März 2015 ist er im Ruhestand. Seine Praxis in Weener konnte er allerdings nicht an einen jüngeren Zahnmediziner übergeben – der war einfach nicht zu finden. Kein Einzelfall, wie Keck und Schrand versichern. Damit würde zugleich auch ein Teil des früher von älteren Zahnärzten fest eingeplanten Verkaufserlöses für die Altersvorsorge wegfallen.

Zunehmende Regelungsdichte

Ein weiterer Aspekt kann indes dazu beitragen, dass sich die Zahl der Zahnmediziner noch schneller verringert als alleine durch die Altersstruktur absehbar: die zunehmende Regelungsdichte. Laut Zahnarzt Wilhelm Schrand standen die Jahre 2015 und 2016 im Zeichen der Versorgung von Flüchtlingen, 2017 wurde durch das Thema Hygienegesetz dominiert und nun stehe die Umsetzung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung an. „Unser Denken dreht sich nur noch um Datenschutz. Wir würden gerne wieder über Medizin reden“, beschreibt Bezirksgruppenvorsitzender Schrand die aktuelle Situation. Gerade ältere Kollegen würden eher dazu neigen, ihre Praxen zu schließen, als sich noch einmal auf die Umsetzung womöglich auch kostenträchtiger Neuerungen einzulassen.

Ökonomische Unabhängigkeit muss möglich sein

Was lässt sich aber tun, um junge Ärzte auf das Land zu holen? Für Wilhelm Schrand und Ulrich Keck ist eines von vorneherein klar: „Als Landarzt wird man nie so viel verdienen wie ein Stadtarzt.“ Doch das Praktizieren auf dem Land habe auch seine Vorzüge. Hier sei man geachtet. Gleichzeitig müsse aber dafür gesorgt werden, dass „ökonomische Unabhängigkeit“ möglich sei, um Risiken zu verringern und besonders die „ideale Behandlung der Patienten“ zu garantieren. Dazu müssten das Budget und der Medikamentenregress abgeschafft werden. Als ebenso bedeutsam sehen sie die Verlässlichkeit der Politik an. „Wir brauchen vertrauensbildende Maßnahmen“, so Schrand und Keck.