Gedenkkundgebung Zeichen gegen Krieg, Faschismus und Rechtsextremismus in Esterwegen

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Esterwegen. Deutliche Zeichen gegen Krieg, Faschismus und Rechtsextremismus haben mehr als 100 Menschen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland am Wochenende bei einer Gedenkkundgebung auf der Begräbnisstätte Esterwegen an der B 401 gesetzt. Anlass war der 73. Jahrestag des Weltkriegsendes am 8. Mai 1945.

Nach und nach versammeln sich Männer und Frauen auf dem Vorplatz der Begräbnisstätte, wo die Strahlen der wärmenden Maisonne die grünen Baumkronen durchbrechen. Vögel zwitschern. Junge Leute tragen T-Shirts mit dem Konterfei der Revoluzzer-Legende Che Guevara oder mit der Aufschrift „Antifaschist für immer!“ Der sanfte Frühlingswind zerzaust ein Banner der marxistischen Linken. Über einem Busch gegenüber liegt eine Flagge mit einer Friedenstaube.

Erinnerung an einen „Moorsoldaten“

Ein ähnliches Banner ist vor und über dem Rednerpult gespannt, das die Mitglieder der Deutsch-Niederländischen Initiative 8. Mai aufgebaut haben. Sie organisieren die Gedenkkundgebung Jahr für Jahr. Sie erinnert an den 8. Mai 1945 „als Tag der Befreiung von Krieg und Faschismus, wobei neben dem ehrenden Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft auch aktuelle gesellschaftliche Fragen Gegenstand der Beiträge sein werden“, heißt es in der Einladung zur Kundgebung.

Als Martina Bötig, Grünen-Politikerin aus Köln ans Rednerpult tritt, zückt sie ein Schwarz-Weiß-Foto ihres Großvaters Albert Müller. Der Solinger war einer der „Moorsoldaten“, die unter der NS-Gewaltherrschaft im Lager Börgermoor gelitten haben.

Von den Schrecken des Ersten Weltkrieges geprägt, in dem er dem Deutschen Kaiserreich als Unteroffizier diente, schließt sich Müller nach 1918 den Kommunisten in seiner Heimatstadt an. Direkt, nachdem Adolf Hitler und seine NS-Schergen 1933 die Macht an sich rissen, wird Müller verhaftet. Was folgt, ist eine jahrelange Odyssee durch Gestapogefängnisse und Lager. Eines davon ist das in Börgermoor. Einer seiner Mithäftlinge dort ist der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, der das berühmte Moorsoldatenlied geschrieben hat.

Geschunden an Leib und Seele

Ihr Großvater sei über Jahre von den Nazis misshandelt worden, berichtet Bötig. „Er war geschunden an Körper und Seele.“ Müllers Enkelin macht deutlich, für wie wichtig sie die Erinnerung Gräuel der Nationalsozialisten hält. Überall im Dritten Reich hätten „die Folterkammern der Nazis“ gestanden. Sätze wie „Davon wusste ich nichts“ machen Bötig nach eigenem Bekunden bis heute „fassungslos und wütend“. Und wer das NS-Grauen in der Gegenwart wider besseres Wissen leugne oder verharmlose, „verhöhnt die Opfer erneut“, sagt Bötig.

Ihr Großvater verstirbt 1951 im Alter von nur 59 Jahren an den Folgen der Misshandlungen. Nach Kriegsende hatten die britischen Alliierten „den einfachen Arbeiter“ – Müller war Rasiermesserschleifer in Solingen – zum Bürgermeister der Klingenstadt gemacht.

Bötig hat ihren Großvater nie kennengelernt. Und doch sei sie für ihn eine moralische Instanz – verbunden mit der Maßgabe, alten und neuen Rechten und Ewiggestrigen beherzt und mit Haltung entgegenzutreten. „Denn der braune Schoß ist immer noch fruchtbar“, mahnt Bötig. Zu dessen Ausflüssen zählt die Kölnerin den Einzug der AfD in den Bundestag. „Damit sitzen Nazis in der Herzkammer unserer Demokratie.“

Scharfe Kritik an der Bundeswehr

Deutliche Worte findet auch der niederländische Antifaschist Ewout van der Hoog, der zusammen mit seinem Landsmann und Mitstreiter Hein van Kasbergen ans Rednerpult schreitet. Der Bundeswehr wirft van der Hoog eine Verwechslung von Opfern und Tätern vor, weil Vertreter der deutschen Streitkräfte jährlich auf einem Friedhof in den Niederlanden 24.000 Wehrmachtssoldaten und 6000 SS-Mitglieder ehren würde. „Es wäre besser, diesen Friedhof der Natur zurückzugeben“, sagt van der Hoog.

Einen weiten Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannt Cornelia Kerth . Die Hamburgerin ist Vorsitzende der VVN-BDA (Bund der deutschen Antifaschistinnen und Antifaschisten). „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Das wird an Orten wie diesen mehr als deutlich“, betont Kerth. Damals wie heute werde nicht allen Menschen nicht einmal das Recht auf Leben zugestanden – weder in Deutschland, noch europa- und weltweit. „Die Bereitschaft zu Ausgrenzung wächst“ und biete Parteien wie der AfD Chancen, sich zu entwickeln. Darunter litten Flüchtlinge und Migranten, Schwule und Lesben sowie Alte und Pflegebedürftige. „Dem setzen wir entschieden Widerstand entgegen“, ruft Kerth und erntet Applaus.

Für eine breite Friedensbewegung

Eindringlich mahnt die Hamburgerin zur Abrüstung und fordert Druck auf Regierungen, die sich dem UNO-Antrag zur Ächtung von Atomwaffen bisher nicht angeschlossen haben. „Wir brauchen eine breite Friedensbewegung, damit nicht wieder geschieht, was einst geschah“, sagt Kerth.

Überbrückt werden die Redebeiträge vom Chor „4meiProjekt“ aus Groningen. Gemeinsam mit den Besuchern singt er das Moorsoldatenlied. Unter den Teilnehmern werden rote Nelken verteilt. Sie werden später an den Gräbern niedergelegt. Am Gedenkstein des Friedensnobelpreisträgers und Esterweger KZ-Häftlings Carl von Ossietzky liegen bereits zwei frische Kränze. Einer ist vom Deutschen Gewerkschaftsbund und Verdi, der andere von den Studierenden der Carl-von-Ossietzky-Universität. Auf der Schärpe prangen die Worte: „Niemals vergeben, niemals vergessen!“


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