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„Auch mal um die Kurve denken“ Konzernchef Tönnies rät emsländischen Landwirten, Luftwäscher in Ställe einzubauen

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<em>Der Geschäftsführer</em> der Unternehmensgruppe Tönnies Fleisch, Clemens Tönnies (Mitte), war Gastredner bei einem Fachgespräch des CDU-Kreisverbandes Aschendorf-Hümmling. Das Bild zeigt ihn zusammen mit dem Kreisvorsitzenden Günter Wigbers (rechts) und dem Leiter des CDU-Arbeitskreises Landwirtschaft, Umwelt und Energie, Hartmut Moorkamp (links). Foto: Hermann HinrichsDer Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Tönnies Fleisch, Clemens Tönnies (Mitte), war Gastredner bei einem Fachgespräch des CDU-Kreisverbandes Aschendorf-Hümmling. Das Bild zeigt ihn zusammen mit dem Kreisvorsitzenden Günter Wigbers (rechts) und dem Leiter des CDU-Arbeitskreises Landwirtschaft, Umwelt und Energie, Hartmut Moorkamp (links). Foto: Hermann Hinrichs

Surwold. Musik in den Ohren der Landwirte klingt anders: Clemens Tönnies, Geschäftsführer des Schlachtkonzerns Tönnies Fleisch, zu dem auch der Weidemark-Schlachthof in Sögel gehört, rief in Surwold mit seinen Vorschlägen bei so manchem der anwesenden Schweinemäster vielmehr Stirnrunzeln hervor.

Tönnies war auf Einladung des CDU-Kreisverbandes Aschendorf-Hümmling zu dem Fachgespräch auf den Hümmling gekommen, um über „Die Ernährung der Zukunft“ zu sprechen. Im Vordergrund seiner Ausführungen stand allerdings das Hier und Jetzt. Und das hat vor allem mit Märkten, Tierschutz und Emissionen zu tun.

Eindringlich empfahl Tönnies den Schweinemästern – seiner wichtigsten Lieferantenschaft –, Luftwäscher in die Ställe einzubauen. Das erhöhe die Akzeptanz in der Bevölkerung. „Es wird Ihnen hinterher auf die Füße fallen, wenn Sie nicht etwas gegen den Geruch machen.“ Das sei zwar eine Mehrbelastung, aber dennoch gut investiertes Geld.

Der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisvereins Aschendorf-Hümmling, Bernhard Schulte-Lohmöller, hatte da allerdings so seine Zweifel. Solange sich die Mehrkosten aus der Erhöhung von Standards nicht im Preis niederschlügen, seien Landwirte nicht in der Lage, beispielsweise einen Luftwäscher einzubauen. Der würde allein Mehrkosten von etwa fünf Euro pro Schwein bedeuten.

Konzernchef Tönnies stellte die Problematik nicht in Abrede. Er wusste aber auf die Frage Schulte-Lohmöllers, wie sich höhere Anforderungen an die Tierhaltung mit der Wettbewerbsfähigkeit in Einklang bringen lassen, auch kein Patentrezept. Tönnies riet stattdessen dazu, einen Ausgleich oder europaweit einheitliche Standards einzufordern. „Da müssen die Interessenverbände ran.“

Zum Thema Tierschutz und hier speziell beim Platzbedarf für das einzelne Mastschwein schlug Tönnies vor, Ausläufe zu bauen. Mit dieser Idee sei er zwar in seiner „landwirtschaftlichen Abteilung“ auf eine Reihe von Vorbehalten gestoßen, aber „es müssen Lösungen gefunden werden, sonst verlieren wir die Produktion. Dazu muss auch mal um die Kurve gedacht werden.“

Für gleich mehrere Nachfragen und einige Ungläubigkeit in der Zuhörerschaft sorgte auf Nachfrage die Zusage des Konzernchefs, dass seine Gruppe alle gemästeten Eber abnehme und das zum gleichen Preis wie die weiblichen Mastschweine. Allerdings mit der Einschränkung, dass der Anteil der Eber unter den angelieferten Tieren der natürlichen Geschlechterverteilung entsprechen müsse.

„Hört auf zu kastrieren“

Hintergrund dieses Themas ist, dass bisher in der Regel alle männlichen Ferkel kastriert werden. Das verhindert später den sogenannten Ebergeruch des Fleisches. Der kommt laut Tönnies aber nur bei vier bis sechs Prozent der angelieferten Eber tatsächlich vor. Die Kastration steht aus Tierschutzgründen seit Langem in der Kritik. Tönnies hatte eine einfache Formel zu diesem Aspekt der Schweinemast parat: „Hört endlich auf zu kastrieren, das ist doch Tierquälerei.“ Das sagte Tönnies allerdings wohl wissend, dass sein Konzern damit für Landwirte praktisch zum einzigen Abnehmer für Mastschweine würde.

„Das birgt das Risiko, an einen Monopolisten verkaufen zu müssen“, so die Einschätzung von Bernd Terhalle, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft (EZG) für Qualitätsvieh Hümmling, am gestrigen Dienstag auf Nachfrage. Denn damit gäbe es bis auf Tönnies keinen zuverlässigen Abnehmer für Eber. Der Schlachtkonzern VION sei beispielsweise dabei, sich aus der Eberschlachtung zurückzuziehen, Goldschmaus habe das bereits vollzogen, und viele kleinere Schlachtbetriebe könnten keine Eber schlachten, weil die Voraussetzungen dafür fehlten.


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