Hunderte Gäste anwesend Erna de Vries zieht Besucher in Esterwegen in den Bann

Von Marion Lammers

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Die Holocaust-Überlebende Erna de Vries (links) signierte zahlreichen Zuhörern ihr Buch, dass im Anschluss an ihren Vortrag innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Foto: Marion LammersDie Holocaust-Überlebende Erna de Vries (links) signierte zahlreichen Zuhörern ihr Buch, dass im Anschluss an ihren Vortrag innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Foto: Marion Lammers

mls Esterwegen. Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus war Erna de Vries in der Gedenkstätte Esterwegen zu Gast, um mehreren Hundert Besuchern von ihrem Schicksal zu berichten.

Rund zwei Stunden lang hörten die Besucher, darunter viele Jugendliche und Familien mit Kindern, dem ergreifenden und zugleich erschütternden Bericht von de Vries zu und stellten viele Fragen. Die Holocaust-Überlebende erfüllt seit 20 Jahren den letzten Wunsch ihrer Mutter, die das Konzentrationslager Auschwitz nicht überlebte: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ De Vries berichtet in Vorträgen über ihr Leben und ihr Schicksal, um gegen das Vergessen zu kämpfen. „Ich spreche für alle, die das Gleiche erlebt haben wie ich, aber das nicht überlebt haben“, erklärte die 94-Jährige.

1923 in Kaiserslautern geboren

De Vries wurde 1923 in Kaiserslautern als Erna Korn geboren als einzige Tochter eines Protestanten und einer Jüdin. Der Vater verstarb früh und die Mutter führte das Familienunternehmen zunächst alleine, bis sie mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten das Geschäft aufgeben musste und die Anfeindungen gegen die Juden begannen. Im Verlauf der Novemberpogrome im Jahr 1938 wurde auch das Haus der Familie Korn komplett verwüstet. Eine Nachbarin brachte der Familie etwas Heißes zu Essen und zu Trinken – trotz der Gefahr einer Denunziation. „Das werde ich nie vergessen. Es gab auch etwas Menschlichkeit in dem braunen Sumpf“, so de Vries.

1943 Deportation nach Auschwitz

1943 ließ sich die Zeitzeugin freiwillig zusammen mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportieren, obwohl sie wusste, was sie dort erwarten werde. „Ich wollte meine Mutter nicht alleine lassen“, betonte die 94-Jährige immer wieder. Nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau mussten sich die Gefangenen entkleiden, wurden an allen behaarten Stellen rasiert und desinfiziert. Nach wochenlanger harter Arbeit und unmenschlichen Lebensbedingungen hatten sich eitrige, schmerzhafte Entzündungen an ihren Beinen gebildet, so de Vries. Während der nächsten Selektion wurde sie deshalb dem Todesblock 25 zugeordnet. „Wir wussten genau, dass am nächsten Tag die Vergasung sein würde.“

Als die Häftlinge am nächsten Tag auf Wagen verladen werden sollten, brach Panik aus, die Frauen beteten, weinten und schrien. Auch de Vries verließen langsam die Kräfte: „Ich ließ mich einfach auf den Boden fallen.“ In dieser Situation hatte sie nur einen Wunsch: noch einmal die Sonne zu sehen. „Ich hatte schreckliche Angst, aber ich konnte zwischendurch kurz die Sonne sehen und wurde nicht panisch.“

Dem Tod nur knapp entgangen

In ihrer Versunkenheit hörte sie irgendwann die Stimme eines SS-Mannes, der ihre Nummer rief. Mit den Worten „Mensch, du hast mehr Glück als Verstand“ führte er sie ab, da sie als Halbjüdin zusammen mit 85 weiteren Gefangenen nach Ravensbrück gebracht werden sollte und somit knapp dem Tod in der Gaskammer entging. Trotz des Verbotes, sich im Lager frei zu bewegen, schaffte sie es, ihre Mutter noch einmal zu sehen. „Du wirst leben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“, sagte die Mutter zum Abschied.

Noch im Lager Ravensbrück erreichte sie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter am 28. November. Mit dem Näherrücken der russischen Soldaten wurde das Lager im April 1945 evakuiert. Mit einem der sogenannten „Todesmärsche“ war sie acht qualvolle Tage lang unterwegs. „Wer nicht weiter laufen konnte, wurde erschossen“, erinnerte sich die Zeitzeugon. Zwei Freundinnen trieben sie, weiter zu laufen, als sie zum ersten Mal aufgeben wollte. Nur kurze Zeit später trafen sie auf die ersten Amerikaner und erfuhren von der endgültigen Befreiung.

Viele Fragen im Anschluss

Im Anschluss an den Vortrag nutzten viele Zuhörer die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die Erna de Vries zum Teil sehr humorvoll beantwortete. So erklärte sie mit einem Augenzwinkern auf die Frage hin, wie es denn weiter ging, zunächst mit: „Dann müsste ich ja noch eine Stunde sprechen. Das wollen Sie bestimmt nicht und ich auch nicht.“ Dennoch sagte sie, dass sie nach einiger Zeit in Mecklenburg-Vorpommern den Heimweg antrat und über Verwandte, die sie in Köln wiederfand, auch ihren Mann kennenlernte und mit ihm in Lathen im Emsland landete.

Auf die Frage, ob sie je überlegt hatte, Deutschland zu verlassen, antwortete sie: „Wir hatten in Lathen bereits alles verkauft, um zu den Kindern nach Israel auszuwandern.“ Dort gab es bereits ein Grundstück und Pläne für den Neubau eines Hauses. Kurz vor der Abreise erkrankte jedoch ihr Mann. „Trotz der sechs Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern, in denen er seine erste Frau und ein Kind verlor, konnte er nicht von hier weg, es ging nicht“, erklärte de Vries.

Viele vor allem junge Zuhörer nutzten zum Schluss die Möglichkeit, das Buch von de Vries zu erwerben und dieses von ihr signieren zu lassen und sich bei ihr für den Vortrag zu bedanken.


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