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Ulrich Gövert räumt sein Büro Blick zurück auf 28 Jahre im Neuenkirchener Rathaus

Von Christian Geers | 31.12.2015, 12:05 Uhr

Fast 28 Jahre hat Ulrich Gövert im Rathaus der Samtgemeinde Neuenkirchen gearbeitet: zuerst als Kämmerer und stellvertretenden Verwaltungschef, zuletzt als Fachbereichsleiter für Soziales, Ordnung und Bürgerservice. Immer im selben Büro im ersten Stock, immer am selben Schreibtisch. Drei Fünftel seiner Lebensarbeitszeit, hat der 65-jährige Eggermühlener ausgerechnet, hat er im Rathaus an der Alten Poststraße gearbeitet.

Es ist der vorletzte Arbeitstag. Das Büro von Ulrich Gövert wirkt karg und leer. Der Bildschirm steht noch auf dem Schreibtisch, im Aktenschrank liegen noch einige Ordner. Alles andere ist bereits ausgeräumt. Eine Kollegin hat ihm die letzten Vorgänge auf den Tisch gelegt. „Die muss ich noch abhaken“, sagt er. Das war’s dann. Für den nächsten Tag hat sich schon Maler angekündigt. Der soll das Büro streichen und herrichten. „Das hat sich so ergeben“, sagt Gövert. Offiziell scheidet er zwar erst Ende Januar 2016 aus dem Dienst. Aber dank Resturlaub und Überstunden braucht er im neuen Jahr nicht mehr ins Rathaus kommen.

Am 1. Mai 1988 kommt er als Kämmerer nach Neuenkirchen

„Ende gut, alles gut.“ Auf diese kurze Formel bringt der Fast-Pensionär seine Zeit in der Samtgemeinde Neuenkirchen. Die beginnt am 1. Mai 1988, als der damals 37-Jährige zum Kämmerer bestellt wird. Zuvor hat Gövert sieben Jahre als Verwaltungsleiter der Kreismusikschule Osnabrück gearbeitet. Das Einmaleins der Verwaltung erlernt er ab 1973 bei der Samtgemeinde Bersenbrück, wo er bis Ende 1980 als Angestellter tätig ist.

„Eigentlich wollte ich ja mal Lehrer werden“, blickt der 65-Jährige zurück. Aber auf Wunsch des Vaters lernt er zunächst „etwas Solides: Er wird Landmaschinenmechaniker, macht seine Lehre bei der Firma Segler in Quakenbrück. Das Handwerkliche liegt ihm, sein Gesellenstück hat bis heute einen Ehrenplatz im Schrank – und ringt dem Laien Bewunderung ab. „Das ist eine Kolbenbolzen-Ausdrückvorrichtung“, erklärt er das merkwürdig aussehende Bauteil aus Edelstahl. „Alles von Hand gemacht.“ Nach einem Arbeitsunfall, bei dem der Daumen der rechten Hand verletzt wird, orientiert sich der Eggermühlener um. Statt Blaumann und Werkbank wählt er Anzug und Büro, verbucht die Zeit im Handwerk aber als „sehr lehrreich“.

Eine Aufgabe mit Gestaltungsspielraum

Als Ulrich Gövert die Kämmerei der Samtgemeinde Neuenkirchen übernimmt, weiß er um den Gestaltungsspielraum dieses Amtes. Schnell merken Kollegen und Gemeinderäte, dass da jemand sitzt, der seinen Job mit Leib und Seele macht. „Kämmerer zu sein war meine Welt“, erinnert er sich. Schließlich bestehe dessen Können darin, „die Wünsche der politisch Handelnden in Zahlen auszudrücken“. Oder in Bildern. So versieht Ulrich Gövert die Deckblätter der Haushaltspläne gerne mal mit vielsagenden Fotos: Ein Mann, der den Gürtel enger schnallt, oder seine Hosentaschen nach außen krempelt – das sagt alles über den finanziellen Spielraum, wenn es gilt, zwischen Wünschenswertem, Notwendigem und Bezahlbaren abzuwägen.

Auch die Bürger lernen Gövert und Einstellung zum Beruf schätzen. Stets ein freundliches Wort auf den Lippen, immer mit einem Lächeln im Gesicht, hilfsbereit, kollegial, zuvorkommend. So begegnet er dem aufgebrachten Bürger, der eines Tages wutentbrannt ins Rathaus stürmt, sich vor seinem Schreibtisch aufbaut und sich über den vermeintlich falschen Steuerbescheid aufregt. Der Kämmerer, der als Kind vom Land selbstverständlich Plattdeutsch spricht, beruhigt den Mann und kann helfen. Der Job im Rathaus verlangt Fachwissen und Flexibilität, aber genauso unverzichtbar sind Menschenkenntnis, Lebenserfahrung und das Wissen, das Autorität auch durch glaubwürdiges und ehrliches Handeln entsteht. Sein Leitmotiv: soviel Verwaltung wie nötig, aber so wenig wie möglich. „Die Verwaltung ist für den Bürger da, nicht umgekehrt“, sagt der Eggermühlener. Er hält mehr davon, „die Stelle in den gesetzlichen Bestimmungen zu suchen, mit dem man den Bürger helfen kann und nicht den Paragrafen zu suchen, um den Antrag oder die Bitte abzulehnen“.

Interesse gilt der Heimatarbeit und dem Tourismus

Als ausgewiesenen Verwaltungsfachmann lernen ihn auch die Gemeinderäte in Merzen und Voltlage kennen. Gövert, der bis 2013 stellvertretender Verwaltungschef ist, führt in den Ratssitzungen penibel die Protokolle. In Voltlage ist er von 1996 bis 2011 Verwaltungsvertreter des Bürgermeisters. 2010 gibt er den Fachbereich Finanzen ab, leitet den größeren Bereich rund um Ordnung, Soziales, Bürgerservice. Hier bringt er das Modellprojekt „Wohnen mit Zukunft in der Samtgemeinde Neuenkirchen“ mit auf den Weg. Sein besonderes Interesse gilt der Heimatarbeit und dem Tourismus. Ulrich Gövert initiiert die Gastrogilde in der Samtgemeinde, in der sich Gastronomen zusammenschließen. Zusammen mit dem Merzener Heinz Gerbus bringt er den Wacholderhain in Merzen auf den Weg, „denn die Samtgemeinde war die touristische Sahelzone im Landkreis“. Das ist inzwischen anders geworden. Das zarte Pflänzchen Tourismus wächst und gedeiht.

Im Ruhestand will er „den einen Schreibtisch aber nicht mit dem anderen tauschen“. Gövert, der seit 2008 Präsident des Wiehengebirgsverbandes Weser-Ems und seit 2014 Vorsitzender des Landeswanderverbandes Niedersachsen ist, wird sich weiter der Verbandsarbeit widmen. Er will viel wandern und radeln, sich Zeit nehmen für die Familie. Seinen Enkeln hat er schon eine dreitägige Radtour versprochen – „mit Übernachtung im Zelt“.

Vogt Hoberg geht aber nicht in den Ruhestand

Und was passiert mit Vogt Hoberg? Ulrich Gövert muss schmunzeln. „Der geht nicht in den Ruhestand.“ Die historische Figur aus der Neuenkirchener Ortsgeschichte, in die er 1997 beim Erntedankfest erstmals schlüpft, wird auch künftig regelmäßig den Umzug beim Deutschen Wandertag anführen. Und vielleicht schaut der Herr mit dem markanten Federhut irgendwann auch wieder in Neuenkirchen vorbei.