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Eine letzte Feuerprobe Bewerber-Casting an der Oberschule Neuenkirchen

Von Ulrike Havermeyer | 27.07.2014, 10:57 Uhr

Die eine studiert akribisch die Anzahl der Fehltage auf dem Zeugnis. Der andere legt Wert auf eine schlüssige Selbstdarstellung seines Gegenübers. So unterschiedlich potenzielle Arbeitgeber sind, nach so unterschiedlichen Kriterien gehen sie auch bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter vor. Dennoch gilt es in einem Bewerbungsgespräch, unverzichtbare Standards zu beachten.

Beim Casting an der Oberschule in Neuenkirchen / konnten die Neuntklässler jetzt hautnah erleben, wie aufregend sich eine solche Unterhaltung unter realen Bedingungen – mit echten „Chefinnen“ und „Chefs“ – anfühlt. Eine letzte Feuerprobe, bevor es für die Jugendlichen in einigen Monaten tatsächlich um den ersten Ausbildungsplatz geht – und zudem viele wertvolle Tipps der Arbeitgeber, wie die zukünftigen Azubis ihren großen Auftritt hier und da noch perfektionieren können.

„Vielleicht erzählen Sie erst einmal etwas über sich“, fordert Verwaltungschefin Hildegard Schwertmann-Nicolay die Kandidatin auf und lächelt ihr ermunternd zu: „Was hat Sie dazu bewogen, sich bei uns zu bewerben?“ Die Samtgemeinde-Bürgermeisterin ist eine von acht „Personalverantwortlichen“ aus der wirklichen Welt, die beim obligatorischen Bewerbungstraining der Oberschule in die Rolle des Entscheiders schlüpfen. „Es ist wirklich toll, wie viele der ortsansässigen Unternehmen und Einrichtungen sich an unserem Projekt beteiligen“, freut sich Sozialpädagogin Karin Beyreuther, die die Schüler in den vergangenen Wochen auf die Gespräche vorbereitet hat. Ob Reiseunternehmen oder Altenheim, Tischlerei oder Kfz-Werkstatt, Gemeindeverwaltung, Sanitär- oder Bauhandwerk: Den Neuenkirchenern liegt offensichtlich daran, ihrem Nachwuchs den oftmals gar nicht so leicht zu bewältigenden Weg ins Berufsleben zu ebnen.

Wie läuft es ab, das perfekte Bewerbungsgespräch? Welche Antworten wollen künftige Chefs hören? Wie sieht die optimale Vorbereitung aus? Nachdem sich an diesem Morgen 15 Schülerinnen und Schüler den Jurorenteams, bestehend aus jeweils zwei Arbeitgebern, gestellt und sich anschließend in einer großen Runde ausgetauscht haben, sind zumindest drei Dinge klar: Jeder Bewerber ist anders. Jeder Chef ist anders. Und jedes Gespräch verläuft anders – Überraschungen und Unwägbarkeiten sind also mithin nicht auszuschließen.

Dennoch gibt es einzelne Aspekte, die bei jedem möglichen Arbeitgeber gut ankommen: Ein Anwärter, der überzeugend vermitteln kann, warum er oder sie sich ausgerechnet für diesen Beruf und für dieses Unternehmen entschieden hat, dürfte schon mal die ersten Pluspunkte auf dem Bewerberkonto verbuchen. Bleibt allerdings das Problem, wie sich eine solche Überzeugung ausdrücken lässt. „Vielen Jugendlichen fällt es schwer, sich als Person selbst zu vermarkten“, bemerkt Kfz-Meister Helmut Rüther. Glaubhaft herüberzubringen, dass der gewählte Beruf der geeignete und die eigene Person auch genau die richtige dafür sei, setze voraus, dass der Jugendliche sich vorher über die anstehenden Tätigkeiten und das Unternehmen gründlich informiert habe. Und im günstigsten Fall sogar ein Praktikum in diesem Bereich nachweisen könne.

„Wissen Sie, welche Schwierigkeiten in diesem Beruf auf Sie zukommen könnten – und haben Sie sich überlegt, wie Sie darauf reagieren wollen?“ lautet eine häufig gestellte Frage. Oder: „Was beabsichtigen Sie zu unternehmen, um Ihre Schwäche“ – beispielsweise im Fach Deutsch – „zu beheben?“ Ein vages: „Demnächst vielleicht etwas mehr lesen“ überzeugt da nicht wirklich. Je konkreter und ehrlicher die Antwort, desto eher sind die meisten Arbeitgeber bereit, auch Kandidaten mit nicht vollends makellosem Zeugnis eine Chance zu geben. „Ich bekomme seit zwei Wochen Nachhilfe und lese seit einiger Zeit regelmäßig die Tageszeitung“ führt da schon eher zu einem zufriedenen Nicken auf der anderen Seite des Schreibtisches.

Das Fazit von Neuntklässlerin Christine: „Am Anfang war ich sehr schüchtern“, beschreibt sie. „Aber die offene Gesprächsatmosphäre hat mir geholfen, meine Unsicherheit zu überwinden – das war eine sehr gute Erfahrung.“ Sie atmet erleichtert auf: „Jetzt freue ich mich tatsächlich schon ein bisschen auf mein erstes echtes Bewerbungsgespräch.“