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Gesprächstermin mit Minister Wiedervernässung macht den Torfabbau in Campemoor zur Suche nach „Land, das keiner hat“

Von Johannes Kapitza | 15.09.2011, 18:13 Uhr

Der industrielle Torfabbau in Campemoor ist „so alt wie ich bin“, sagt Rainer Duffe. 50 Jahre sind das inzwischen. Mehr und mehr macht sich der Landwirt Sorgen, dass die Flächen für die Abtorfung knapper werden – mit negativen Folgen für die örtliche Landwirtschaft und die Wohnqualität. Im Oktober will er in Hannover mit dem niedersächsischen Landwirtschaftsminister Gert Lindemann die Situation erörtern.

Bis vor einigen Jahren habe der Torfabbau nur im Außenbereich stattgefunden, berichtet Duffe. Mittlerweile werden auch immer mehr landwirtschaftliche Flächen aufgekauft und abgetorft. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die Betriebe auch „in den besiedelten Raum hereingehen“. Das wäre an sich „gar nicht mal so schlimm“, sagt Duffe - wenn es nicht eine Vorschrift gäbe, dass die Bereiche nach dem Abtorfen im Sinne des Naturschutzes wiedervernässt werden müssten. Denn das hat zweierlei zur Folge: weniger Platz für die Landwirtschaft und dafür mehr Mücken nahe der Wohnsiedlung, befürchtet Duffe.

Er wolle die Entwicklung nicht aufhalten, sagt der Landwirt. Aber: Von seinem Besitz „werden wir so nichts verkaufen“. Denn wenn er Land für die Abtorfung verkaufen würde, wäre es danach für die landwirtschaftliche Nutzung verloren. In der Genehmigung zum Torf-Abbau schreibt der Landkreis Vechta nämlich die Wiedervernässung vor.

Eckhart Mumm verweist auf das zugrunde liegende Landesraumordnungsprogramm, in dem das Campemoor als „Vorranggebiet für die Rohstoffgewinnung Torf“ vorgesehen ist. Der Landkreis als Genehmigungsbehörde und die Gemeinde Neuenkirchen-Vörden müssen dieser Planung des Landes folgen und die Bestimmungen des Naturschutzrechtes einhalten, die auf den Vorgaben des Bundes beruhen, sagt der Inhaber eines Planungsbüros aus Wildeshausen, das Torfwerke betreut.

„Bei dem Bodenabbau handelt es sich um einen Eingriff in den Naturhaushalt, der laut Bundesnaturschutzgesetz zu kompensieren ist“, erklärt eine Sprecherin des Landkreises Vechta. Dieser Ausgleich müsse „möglichst funktionsbezogen“ als Renaturierung erfolgen. „Da das Wasser für die Entwicklung eines Moores Grundvoraussetzung ist, kann eine Renaturierung des Moores nur durch Wiedervernässung erreicht werden“, heißt es beim Landkreis. Dort verweist man zusätzlich auf die Vorschriften des niedersächsischen Moorschutzprogrammes, „das zum Schutz des Moores die Wiedervernässung vorsieht“. Die rechtlich geforderten Ausgleichsmaßnahmen können nicht nur auf den abgetorften Flächen, sondern auch andernorts erfolgen – wenn denn die entsprechenden Areale vorhanden wären. Aus Mumms Sicht ist diese Option aber schlichtweg die Suche nach „Land, das keiner hat“.

14 aktive Landwirte seien sie in der Bauerschaft, die auf einem „hohen Qualitätsniveau“ produzierten, sagt Duffe. Vor allem denjenigen, die auf eine hofnahe Futtermittelversorgung angewiesen seien, würde durch den Torfabbau auf Dauer „die Grundlage entzogen. Für die fängt es an, existenzgefährdend zu werden.“ 650 Hektar werden Duffe zufolge landwirtschaftlich genutzt. Auf 250 bis 300 Hektar torfen vier Firmen ab, weitere 50 Hektar befinden sich in der Wiedervernässung. Zuletzt hätten die Torfwerke nur Gelände von ehemaligen Betrieben erworben, „die die Flächen nicht mehr selbst bewirtschaften und keine emotionale Bindung zu dem Land haben“, sagt Duffe.

Seine Kunden hätten „durchweg Bedarf nach neuen Flächen“, sagt Planer Mumm. Ein Großteil des Torfs fließe in Substrate für den Erwerbsgartenbau, der beispielsweise vom Gemüse- und Blumenanbau in Treibhäusern lebt. Für diese Branche sei der Torfabbau zurzeit „unersetzlich“. Die Betriebe in Campemoor stehen nach eigener Auskunft noch nicht unter Druck, kennen aber die vertrackte Lage. „Wir hätten kein Problem damit, die Flächen nach der Abtorfung wieder an Landwirte zu geben. Das würden wir gerne tun“, sagt Peter Ehrenborg, Geschäftsführer der Firma Wietinghausen. Man sei an einer Lösung im Miteinander mit den Landwirten interessiert, heißt es von einem Kollegen aus der Branche: Torfwerke und Landwirte brauchen irgendwann das Land gleichermaßen. Die Hochmoore abtorfen und den Randbereich für die Landwirtschaft wieder herrichten. „Da hätten alle was davon“, sagt ein Verantwortlicher eines Torfbetriebes.

Die Flächenknappheit ist ein großes, aber nicht das einzige Problem, das Duffe und die Mitglieder des Campemoorer Initiativkreises beim Landwirtschaftsminister ansprechen wollen. Durch die Wiedervernässung stelle sich eine umfassende Tierwelt ein, sagt Duffe. In anderen Moorgebieten finde sich keine Wohnbesiedlung wie in Campemoor.

Wie nah an den Wohnhäusern Torf abgebaut werden darf, ist in einem Siedlungsstrukturkonzept der Gemeinde Neuenkirchen-Vörden festgelegt, wie Bauamtsleiter Jürgen Rolfsen erklärt. Seit mehreren Jahren seien darin die „abbaufähigen Flächen“ für die Torfwirtschaft niedergeschrieben, um die Hofstellen zu schützen und ihnen gleichzeitig Raum für die eigene Entwicklung zu sichern. Mindestabstände vom Torfabbau zu den Hofstellen seien dabei nicht einheitlich in Metern anzugeben, was der Struktur der Ortschaft mit einerseits teilweise vereinzelten und andererseits nahe beieinander liegenden Höfen geschuldet sei, erklärt Rolfsen.

Wenn im Außenbereich der Bauerschaft wiedervernässt werde, „dann muss ich da nicht hin, sondern kann mich freiwillig dort bewegen“, sagt Duffe. Den Nutzen der Naherholung will er gar nicht verschweigen. „Wenn das Wollgras blüht, sieht das Moor wunderbar aus.“ Aber falls der Torfabbau eines Tages näher an die Wohnbebauung heranrücke, müssten 260 Menschen „salopp gesagt im Sumpf leben“. Den Sonntagskaffee auf der Terrasse „können Sie mit Mücken und Stechfliegen im Umkreis von einigen Hundert Metern vergessen“, sagt Duffe.

Konkrete Ansätze erwartet sich der Landwirt von dem Gespräch mit dem Landwirtschaftsminister am 13. Oktober in Hannover nicht. „Das wäre Wunschdenken.“ Der Minister werde sich „nicht zu einer Aussage hinreißen lassen“, ahnt Duffe. Aber versuchen kann man es ja mal.