zuletzt aktualisiert vor

„P 31“ bleibt der älteste Weg der Welt

Meine Nachrichten

Um das Thema Neuenkirchen-Vörden Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Grabungstechniker Hans Schwarz bei der Arbeit im Moor. Er ist beschäftigt beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Fotos: Wolfgang HugeGrabungstechniker Hans Schwarz bei der Arbeit im Moor. Er ist beschäftigt beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Fotos: Wolfgang Huge

Erneut hat ein Ausgrabungsteam des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalspflege (NDL) einen Bohlenweg aus der Steinzeit freigelegt. Es sind die ältesten künstlichen Verkehrswege der Menschheit, die unmittelbar an der Kreisgrenze in Campemoor ausgegraben werden.

Bereits seit 1991 laufen die Untersuchungen, die die Bohlenwege im Moor in einer Notgrabung dokumentieren sollen. Denn wenn sie erfasst sind, wird das um sie herum liegende Moor abgebaut, und die Spuren werden für immer verschwinden. In Campemoor liegt der älteste Weg, der bislang gefunden wurde. Er verlief durch einen Wald und existierte zwischen 4835 und 4715 vor Christus. Ganz in der Nähe dieser Fundstelle wurden bislang fünf Wege und zwei Stege freigelegt. Und auch der neueste Fund ist über 6000 Jahre alt und stammt etwa aus dem Jahr 4100 vor Christus.

Allerdings handelt es sich bei den Funden in Campemoor nicht um breite Straßen, sondern eher um schmalere Wege, die den vernässten Randmoorbereich überbrückten und auf die Hochmoorfläche führten. Als der erste Weg entstand, gab es hier mehrere Sandinseln, die aus dem Moor herausragten und durch die Wege verbunden wurden.

Auf einer dieser Inseln wurde auch ein Lagerplatz der Steinzeitmenschen entdeckt. Hier haben die Steinzeitmenschen offenbar ihr Vieh auf kleine Sandinseln im Moor geführt, die als natürliche Weideflächen genutzt wurden. Oder sie haben sich darauf zurückgezogen, wenn sie bedroht wurden. Spuren von festen Wohnsitzen jedenfalls wurden bislang nicht gefunden, anders als in der Dümmerregion, wo steinzeitliche Siedlungen bereits 1937 nachgewiesen wurden. Es ist nicht viel, was wir von den Menschen wissen, die diese Bohlenwege gebaut und benutzt haben. Den Funden nach scheinen sie die gleichen Tongefäße benutzt zu haben wie die Menschen in den Dümmersiedlungen. Sie haben sich unter anderem von gerösteten Haselnüssen ernährt, Äxte aus Stein benutzt, und sie kannten Rinder als Haustiere.

Eine ähnliche Anlage wurde in den 50er und 60er Jahren beim Handtorfstich in Campemoor beobachtet, aber nicht wissenschaftlich untersucht. Im Schweger Moor war bereits 1938 ein Bohlenweg in unmittelbarer Nähe der Hannoverschen Kolonisations- und Moorerschließungsgesellschaft (Hakumag) gefunden worden. Diese Funde erfreuten sich jedoch nur kurzer Aufmerksamkeit und gerieten schnell wieder in Vergessenheit, bis Ende der 80er Jahre das Moor in Campemoor erneut, diesmal jedoch maschinell abgebaut wurde. Die Fundstelle wurde nochmals freigelegt und nur wenige Meter entfernt ein zweiter Weg entdeckt.

1992 erste Untersuchung

Beide wurden im Herbst 1991 dem Staatlichen Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Oldenburg gemeldet und von dort aus in den Zuständigkeitsbereich des Instituts für Denkmalpflege (IfD) gestellt. Im Sommer 1992 fanden dann erste archäologische Untersuchungen statt. Ohne die Meldung vom Torfwerk hätte die archäologische Erforschung der Bohlenwege nie stattfinden können. „Die hätten ja auch sagen können: Interessiert uns nicht, hält uns nur bei der Arbeit auf, weg damit“, erläutert Hans Schwarz von NLD die Situation vor Ort mit einem Lob auf die Zusammenarbeit mit dem Torfwerk Klasmann-Deilmann, das den Torfabbau betreibt.

In der Dümmerregion konnten bislang etwa 250 Siedlungsplätze nachgewiesen werden. Hunderte Quadratkilometer Hochmoor im Dreieck Diepholz, Lohne und Vechta liefern eine einzigartige Kulturlandschaft, deren archäologischen Funde uns so manchen Hinweis geben auf prähistorische Lebensformen auch im Wittlager Land.

Wahrscheinlich waren es auch die Menschen aus den Moorniederungen, die zum einen ihre festen Siedlungen am Geestrand nahe Damme oder am Dümmerufer hatten. Zum anderen dürften sie jedoch auch als Erbauer der Megalithgräber im Wittlager Raum infrage gekommen sein, die aus den Jahren zwischen 3500 vor Christus und 2800 vor Christus stammen – so die Datierung einzelner Steingräber in Schwagstorf und Darpvenne.

Für den Historiker interessant ist die Tatsache, dass die verschiedenen Bohlenwege in Campemoor aus ganz unterschiedlichen Zeiten stammen. Während der älteste Weg in Campemoor um 4800 vor Christus angelegt wurde, entstammt der erst kürzlich freigelegte Weg den Jahren um 4100 vor Christus. Die Altersbestimmung eines 2004 erforschten Bohlenwegs datiert auf die Jahre zwischen 2900 und 2882 vor Christus, während zwei weitere Wege nach dem Alter ihres Holzes um 3700 vor Christus gebaut worden sein müssen. Vorgeschichtliche Bohlenwege aus der Weser-Ems-Region im nordwestlichen Niedersachsen sind nichts Ungewöhnliches. Bisher wurden hier über 300 solche Wegreste gefunden. Die vom Moor überwachsenen hölzernen Wegebauten aus der Steinzeit und der Bronzezeit erhielten sich aufgrund der guten Konservierungseigenschaften ihrer Lagestätten.

Kiefernhölzer aufgelegt

Die ausgegrabenen Wege verlaufen in einer Nord-Süd-Richtung, teilweise neben- und übereinander. Über längs gelegte Birken- und Eichenbretter wurden auf dem Laufweg Kiefernhölzer quer gelegt, die einen Durchmesser von rund zehn Zentimetern hatten. Seitlich begrenzt wurden die Wege von Bäumen eines großen Kiefernwaldes, durch den sich die Menschen damals zwängen mussten, um auf die Sandinseln zu gelangen.

Wo sich keine natürlichen Seitenbegrenzungen fanden, da wurden angespitzte Eichenpfosten 30 bis 40 Zentimeter tief in den Sand getrieben, um den Wegen seitlichen Halt zu verschaffen. Neben breiten Wegen finden sich auch schmale Pfade von knapp einem Meter Breite. Ein solcher Fußweg, der auf Eichenpfählen stand, lässt sich mit entsprechenden Untersuchungsverfahren exakt auf das Jahr 3798 vor Christus datieren. Was die Steinzeitmenschen im Moor wollten, ist nicht ganz klar. Möglicherweise haben sie Vieh auf die Inseln getrieben, das dort eine natürliche Weidefläche fand, von der die Tiere nicht entfliehen konnten. Dafür spricht ein am Wegesrand gefundenes Rinderhorn.

Vor 8000 Jahren bildete sich das Moor in der Dümmerniederung. Wie die Funde zeigen, versuchten die steinzeitlichen Menschen schon früh, dieses Hindernis zu überwinden, indem sie Pfahl- und Bohlenwege durch das Moor bauten. Moorgebiete üben von jeher eine besondere Faszination aus; stets sind Mythen und Legenden mit diesen Naturräumen verbunden. Ihre Bezwingung und Nutzung stellte die Menschen schon immer vor große Herausforderungen. Der unter der Nummer „P 31“ geführte Weg ist der bislang älteste entdeckte Verkehrsweg der Welt, der eine stattliche Breite von bis zu 5,5 Metern aufweist. Auch wenn sich sein Alter zweifelsfrei bestätigt hat, bleiben viele Geheimnisse um seine Erbauer. So wissen wir nicht, zu welchem genauen Zweck unsere neolithischen Vorfahren diese langen und breiten (Bohlen-)Pfahlwege anlegten. Das Rad war – zumindest nach bisherigen Erkenntnissen – noch nicht erfunden.

Original im Museum

Wer mehr über die Ausgrabungen und die Bohlenwege erfahren möchte, dem sei ein Besuch am Vereinshaus in Campemoor empfohlen. Dort befinden sich zwei große Informationstafeln und eine Rekonstruktion des Bohlenwegs aus dem Moor. Wer ein Stück vom Original des ältesten Verkehrsweges der Menschheit sehen möchte, kann dies im Industriemuseum Lohne, das sich auch dem Thema Moorarchäologie widmet und dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet hat.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN