Ein Mikrokosmos im Südoldenburgischen Wie 53 Nationen friedlich in Neuenkirchen-Vörden zusammenleben

Von Ilona Ebenthal

Als Team unterstützen Dina Mahdouani und Reiner Fuchs vom Amt für Familie, Soziales, Integration, Teilhabe ausländische Mitbürger. Fotos: Ilona EbenthalAls Team unterstützen Dina Mahdouani und Reiner Fuchs vom Amt für Familie, Soziales, Integration, Teilhabe ausländische Mitbürger. Fotos: Ilona Ebenthal

Neuenkirchen-Vörden. Eine kleine Gemeinde mit großem Zuzug ist Neuenkirchen-Vörden. Von 8814 Einwohnern (Stand 31. August 2019) haben 1289 Bürger eine ausländische Staatsangehörigkeit, darunter 260 Flüchtlinge. 53 Nationen sind in diesem Mikrokosmos vertreten. Was ändert sich für neu zugezogene Frauen und Männer?

Die Integrationsarbeit – kommunal und ehrenamtlich – ist beispielhaft (s. Info-Box unten). Dennoch ist vor allem für Männer der Neustart nicht leicht. Viele Flüchtlinge hatten „drüben einen Status und keine finanziellen Probleme“, berichtet Reiner Fuchs vom Sozialamt der Gemeinde. Dass in Deutschland vieles nicht nur gut durchorganisiert sei, sondern auch kontrolliert werde, hätten manche erst lernen müssen, zum Beispiel die Schulpflicht.

„Tacheles reden“ und „auch mal eine Ansage machen“ gehört für Dina Mahdouani zur Arbeit dazu. Sie ist vor rund fünf Jahren mit ihrem tunesischen Ehemann und drei Kindern zugezogen. Die Diplom-Pädagogin verstärkt seit Kurzem das Team des Sozialamts und kümmert sich um ausländische Mitbürger. „Ein sehr offenes Wesen anderen gegenüber“ bescheinigt sie den hiesigen Bürgern unisono. „Hier hat man erst einmal Bonuspunkte, bis man die verspielt hat, da gehört was dazu“, lacht sie. Komisch angeschaut zu werden, das hat sie in anderen Regionen schon häufig erlebt, denn die Deutsche ist vor mehr als zehn Jahren zum Islam konvertiert und trägt seither ein Kopftuch. Aber „das war nie ein Thema hier“, erzählt sie.

„In Neuenkirchen-Vörden nie fremd gefühlt“ hat sich auch die Integrationsbeauftragte Katharina Schulz. 1992 kam sie mit Familie aus Kasachstan nach Neuenkirchen und wurde 1996 erste Aussiedlerbeauftragte der Gemeinde. In der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen entdeckte sie damals deutliche Unterschiede. Hier habe jede Frau Hosen getragen und sei Auto gefahren. In ihrem Herkunftsort sei sie dagegen die einzige Frau mit Führerschein gewesen. Dass Frauen öffentlich rauchen oder Männer im Haushalt helfen würden, sei damals in Kasachstan undenkbar gewesen, erzählt sie. Heute sei das dort genau wie hier, weiß sie von Besuchen.

Zur Sache

Von 1996 bis heute: Daten zur Integration in Neuenkirchen-Vörden
1996: Erste Aussiedlerbeauftragte benannt.
1998: Raum für Freitagsgebet für Muslime
2000: Eröffnung Moschee und Gründung des Islamischen Kulturvereins
2008: Erstmals Integrationslotsen ausgebildet.
 2010: Erstmals Integrationsfrühstück für Frauen
 2012: Erster internationaler Kochabend
 2014: Erste Flüchtlinge aus Syrien; Preis des Landessozialministeriums für Integrationslotsen
 2015: Gemeinde benennt erste hauptamtliche Integrationsbeauftragte. Zwei Nähcafés, Fahrradwerkstatt, Möbelkammer, Sprachlernklassen an Grundschulen werden eröffnet. Preis des Bundesumweltministeriums für Kochprojekt
2016: Erstmals Familienpaten; Kooperation mit CA-Jugendklinik; Eröffnung eines Integrationszentrums
 2017: Fotoausstellung Migrantinnenporträts „Wege einer Frau“; Vorträge über Yesiden und Muslim-Gemeinde
2018: Projektstart „Hallo Nachbarn!“ – Neubürger laden ein

Bei ihren Schützlingen stellt Katharina Schulz inzwischen eine deutliche Veränderung fest. Durch die vielen Integrationsprojekte seien „alle viel offener geworden“. Ein Beispiel hat sie sofort parat: Beim großen Familienfest des Verbunds Oldenburger Münsterland halfen viele Frauen am Stand mit internationalen Leckereien, während sich deren Männer stundenlang um die Kinder kümmerten. Dass viele modernere Kleidung tragen und auch „das Lächeln“ der Frauen sind für die Integrationsbeauftragte ganz klare Zeichen einer positiven Veränderung.

Gleiches hat auch Sozialamtsleiter Martin Wiewerich festgestellt. Die Farben der Kleider seien von Schwarz und Grau zu Buntem gewechselt. Schmunzelnd erzählt er von der ersten Wohnungszuweisung für eine syrische Familie in 2014. Wie üblich habe er zuerst der Frau die Hand geben wollen, die jedoch nur ein erschrockenes Gesicht gemacht habe. Er habe dann erfahren, dass muslimische Frauen keinen fremden Mann berühren dürften. Inzwischen gehöre auch für Frauen das Händeschütteln dazu.

Viele kleine Freiheiten haben sich die Frauen erobert. Sie dürfen hier Fahrrad fahren und ohne Begleitung einkaufen, erzählt Katharina Schulz. Der Führerschein ist ein weiterer Schritt. Und zu den Spielabenden kommen inzwischen nicht mehr länger ausschließlich nur Männer. Es gebe zwar Einzelfälle, „wo man die Frau gar nicht sieht“, die Integrationsbeauftragte rät jedoch zur Geduld: „Das braucht alles Zeit und hat bei uns Aussiedlern auch lange gedauert.“

„Unsere Kultur wird sich etwas ändern“, ist sich Bürgermeister Ansgar Brockmann sicher. Man könne nicht erwarten, „dass jeder Zuwanderer unsere Gewohnheiten übernehme. „Wir werden ein paar Dinge aus anderen Kulturen übernehmen“, glaubt er außerdem und denkt dabei zum Beispiel an die Ernährungsgewohnheiten. Er sagt: „Dieser Anpassungsprozess braucht seine Zeit.“ Die kleine Kommune tut sehr viel, damit das gelingt.

Quelle: Gemeinde Neuenkirchen-Vörden


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN