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Magersucht kein Tabuthema Mutter aus Neuenkirchen-Vörden spricht im Fernsehen über Essstörung ihrer Tochter und Selbsthilfegruppe

Von Sigrid Schüler-Juckenack

In einer Selbsthilfegruppe für Eltern essgestörter Kinder engagieren sich Sabine Heine (links) aus Neuenkirchen-Vörden und Gisela Mithöfer. Foto: Sigrid Schüler-JuckenackIn einer Selbsthilfegruppe für Eltern essgestörter Kinder engagieren sich Sabine Heine (links) aus Neuenkirchen-Vörden und Gisela Mithöfer. Foto: Sigrid Schüler-Juckenack

Neuenkirchen-Vörden. „Ich hätte nie im Leben gedacht, dass uns das betreffen könnte.“ So wie Gisela Mithöfer aus Holdorf geht es vielen, die mit dem Problem einer Essstörung in der eigenen Familie konfrontiert werden. Gemeinsam mit Sabine Heine aus Neuenkirchen-Vörden und anderen betroffenen Eltern hat sie in einer Selbsthilfegruppe in Vechta Hilfe bei der Bewältigung der Krankheit gefunden.

Oft sind es Mädchen, die an einer Essstörung erkranken, und wenn sie die ersten Symptome zeigen, immer seltener an den gemeinsamen Mahlzeiten der Familie teilnehmen und dünner werden, dann möchten die Eltern ihrem Kind nur zu gern glauben, wenn es auf die Frage „Isst du auch genug?“ mit einem überzeugten „Ja“ antwortet. Sabine Heine und Gisela Mithöfer ging es nicht anders. Als der Verdacht zur Gewissheit wurde, dass etwas nicht stimmt und die Tochter magersüchtig ist, reagierten auch sie zunächst wie so viele Eltern.

„Man versucht, das Kind zum Essen zu bewegen, und man ist froh, wenn es wenigstens etwas zu sich nimmt, auch wenn es nur kalorienarme Produkte sind“, berichten die beiden. Allerdings mussten sie erfahren, dass diese Art der Fürsorge nichts bringt, denn die Essstörung bleibt, und das Kind verliert weiter an Gewicht.

„Ich glaube, dass viele Familien betroffen sind oder befürchten, betroffen zu sein“, erklärt Sabine Heine dazu. Aber nach wie vor trauen sie sich nicht an die Öffentlichkeit, denn das Thema Essstörung ist schambehaftet. „Viele Eltern fragen sich, wo habe ich versagt? Was habe ich falsch gemacht?“, erklärt sie die Zurückhaltung der Eltern.

Dieses Denken gelte es aber zu überwinden, meint sie, denn jeder sei nun mal das Produkt seiner eigenen Geschichte. Falsche Scham und Schuldgefühle helfen da keinem – am allerwenigsten dem betroffenen Kind.

Aktiv zu werden und sich Hilfe zu suchen, nicht nur für die betroffene Tochter, sondern für sich selbst, war für Sabine Heine der richtige Weg. „Als klar war, dass meine Tochter krank ist, habe ich gemerkt, dass ich das nicht alleine verarbeiten kann.“ Also machte sie sich auf die Suche nach Menschen mit gleicher oder ähnlicher Erfahrung, auf die Suche nach einer Selbsthilfegruppe.

Die war aber gar nicht einfach zu finden. Über verschiedene Zwischenstationen bekam die Frau aus Neuenkirchen-Vörden in Steinfurt den Hinweis auf eine Anlaufstelle in Bremen. Dort war schließlich eine Selbsthilfegruppe bekannt, die sich in Vechta trifft. Auch Gisela Mithöfer ist Mitglied dieser Gruppe, deren Einzugsbereich groß ist. Die Frauen, die dort Hilfe suchen, kommen aus dem Großraum Osnabrück bis Cloppenburg. „Wir werden bei den Gesprächen von einer Familientherapeutin betreut“, berichtet Sabine Heine.

In der Selbsthilfegruppe habe sie vor allem eins gelernt: Die Essstörung ihrer Tochter nicht zu ihrem eigenen Problem zu machen. Sabine Heine stellt fest: „Das hat mit Loslassen zu tun. Wir Frauen und Mütter dürfen unser eigenes Wohlbefinden nicht am Gewicht der Töchter festmachen.“

Gisela Mithöfer fügt hinzu: „Es entlastet die Kinder, wenn sie merken, dass sie nicht für das Wohlbefinden der Mütter verantwortlich sind.“ Aber, das geben beide unumwunden zu: Loslassen fällt schwer – vor allem, wenn die Kinder keine Hilfe von Experten annehmen wollen.

Die Töchter von Gisela Mithöfer und Sabine Heine sind auf einem guten Weg, denn beide haben sich Hilfe gesucht. Der Weg zur Überwindung der Essstörung ist indes noch lang, das wissen alle Beteiligten. Sabine Heines großes Anliegen ist es, betroffenen Eltern Mut zu machen. „Man muss mit diesem Problem nicht für sich allein bleiben, man darf damit nach außen gehen und sich Hilfe suchen“, lautet ihre Botschaft an betroffene Familien.

Gemeinsam mit einer weiteren Teilnehmerin war Heine vor Kurzem beim NDR in Hamburg, wo eine Fernsehsendung aufgezeichnet wurde. Die Sendung „Offen gesagt“, an der Sabine Heine beteiligt ist, wird am Sonntag, 4. März, um 15 Uhr im NDR ausgestrahlt.

Die Selbsthilfegruppe „Elternkreis essgestörter Töchter und Söhne, Vechta“ trifft sich im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde in der Marienstraße in Vechta jeden ersten und dritten Montag eines Monats um 19.30 Uhr.