Von der „Bruchbude“ zum Schmuckstück Ackerbürgerhaus Vörden öffnete vor 20 Jahren

Von Ilona Ebenthal

Vor 20 Jahren öffnete der Heimatverein Vörden das Ackerbürgerhaus.Vor 20 Jahren öffnete der Heimatverein Vörden das Ackerbürgerhaus.

Neuenkirchen-Vörden. Traum und Lebensziel für die einen, teurer Horror für die anderen: Am Leben in einem denkmalgeschützten Haus scheiden sich die Geister. Was macht den Reiz alter Häuser aus? In der Serie „Leben im Denkmal“ wollen wir uns mit dieser Frage beschäftigen. Heute besuchen wir das Ackerbürgerhaus in Vörden.

„Eine Bruchbude – weg damit“, das und mehr bekam der Heimatverein Vörden und dessen Vorsitzender Dieter Stahl manches Mal zu hören, als es 1997 ans Renovieren des Ackerbürgerhauses ging. In diesem Jahr kann das 20-jährige Jubiläum gefeiert werden.

Dieter Stahl hat an diesem sonnigen Nachmittag gerade den Rasen hinter dem Ackerbürgerhaus gemäht. Auch heute schauen seine Enkelkinder, der zweieinhalbjährige Marlon und die vierjährigen Zwillinge Laura und Luca vorbei. Marlon würde am liebsten den Rasenmäher übernehmen und ist kaum wegzulocken. Doch wir schauen uns das liebevoll hergerichtete und wie ein Museum anmutende Gebäude an.

Im Garten des Ackerbürgerhauses fühlen sich Dieter Stahls Enkel Luca (von links), Marlon und Laura auch sehr wohl.


Eine Riesenaufgabe war es damals, das alte Haus der Familie Müller in zweijähriger Bauphase zu einem Heimathaus zu gestalten. Und nur mit viel Muskelkraft durch die Mitglieder zu stemmen. An einigen Balken in der Diele sehen wir deutliche Brandspuren. 1933 sei der Dachstuhl abgebrannt, weiß Dieter Stahl. Er berichtet von abgehängten Wänden, von mit Draht umwickelten und verputzten Balken, die damals allesamt zuerst freigelegt werden mussten.

Fünf Wochen Kniearbeit

In der Diele kann hinter einer Glasscheibe noch der frühere Wandaufbau betrachtet werden. Das Ständerwerk und die Latten, mit Reet durchflochten und mit Lehm verschmiert. Den neuen Lehmputz haben Dieter Stahl und seine Mannen eigenhändig aufgebracht, wie sie sowieso fast alles selber restauriert haben. Der damals 75-jährige gelernte Steinsetzer Bernd Kramer habe die Kopfsteine vor der Herdstelle verlegt, in „fünf Wochen Kniearbeit“, erzählt der Vereinsvorsitzende. Für die neuen Grundmauern – „1,80 Meter in die Erde“ – wurde per Handarbeit gegraben. „Ob wir das heute noch alles so schaffen würden?“ fragt sich Dieter Stahl, der froh ist über das Dorferneuerungsprogramm und die gute Zusammenarbeit mit Landkreis und Gemeinde.

Bestickte Polsterstühle aus alten Zeiten verzieren diese Sitzecke neben dem Steinpflaster.


Mund zu Mund-Propaganda

Leben ist in diesem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude übrigens jede Menge. Jeden ersten Sonntag im Monat ist Tag der offenen Tür mit einem eigenen Café, ein stets gut besuchtes Angebot, für das die „Mund zu Mund-Propaganda“ ausreicht. Die „Plattdeutsche Runde“ trifft sich hier am ersten Donnerstag im Monat und lädt auch manchmal zum „Grützwurstessen“ oder zu anderen Traditionsveranstaltungen ein. Der Besuchsdienst für Senioren und Kranke versammelt sich hier ebenfalls monatlich und die Nachtwächtertouren starten und enden im Ackerbürgerhaus. Viele Betriebe nutzten das in der Vorweihnachtszeit, stellt Dieter Stahl fest. Fünf Anmeldungen für eine standesamtliche Trauung im Ackerbürgerhaus liegen in diesem Jahr bereits vor. Vor allem viele Gruppen melden sich das Jahr über an. Die letzte kam aus Rhauderfehn, berichtet der Vorsitzende. 


Ein perfektes Ambiente für die Kaffeetafel.


Jedes Teil eine Geschichte

Die Kaffeegäste können auf alten und dennoch bequemen Stühlen Platz nehmen. Manche kunstvoll bestickt, manche wurden von Gertrud Stahl neu bezogen. Jede Sitzecke individuell und urgemütlich ausstaffiert. Im Dachgeschoss hat der Heimatverein ein kleines Museum eingerichtet. Von der Schnippelmühle bis zum Fleischwolf, vom Schlatthut bis zur Schusterwerkstatt – hier gibt es so vieles aus alten Zeiten zu entdecken. Alles liebevoll restauriert und präsentiert. Das Modell vom Feldflugplatz Vörden oder die alten Lampen aus verschiedenen Vördener Gaststätten, die heute nicht mehr existieren. Zu jedem Teil kann Dieter Stahl eine Geschichte erzählen.

Ein Modell des Vördener Feldflugplatzes ist im Ackerbürgerhaus zu sehen.


Platz wird knapp

Vieles wurde und wird dem Heimatverein geschenkt. Der Balken in der Remise stammt zum Beispiel von der alten Tankstelle Timmer. Manchmal bringen sogar die Café-Gäste altes Porzellan oder Ähnliches mit, einfach weil sie es hier wertgeschätzt und gut aufgehoben glauben. Doch der Platz wird langsam knapp. Auch heute noch müssen die Mitglieder einiges an Zeit investieren. So wird der Bauerngarten immer wunderbar gepflegt. Die neuste Anschaffung: ein Rosenbogen aus Metall, der den alten aus Holz ersetzt. Jedes Mal vor dem offenen Sonntag werde außerdem geputzt und aufgeräumt, erfahren wir. Viel Arbeit, „aber es macht Spaß“, betont Dieter Stahl.

Zeitgleich zum Ackerbürgerhaus öffnet auch jedes Mal das Schlachtereimuseum, welches auf Wunsch des Heimatvereins 2002 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Hier ist gerade eine Planungsgruppe in Arbeit vertieft, um die anliegende Scheune zu gestalten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Manche Deckenbalken tragen noch Spuren des Brandes von 1933.
Links vom Haupteingang geht es in den liebevoll angelegten Bauerngarten.
Eine Schusterwerkstatt wird im Dachgeschoss präsentiert.



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