Der Baugebietsstreit – subjektiv betrachtet Bramsche, Rieste, Vörden: Sind Mieter unangenehmere Nachbarn?

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Über die Ausgestaltung des Baugebietes Westlich Holdorfer Straße I im Ortsteil Neuenkirchen wird lebhaft diskutiert. Foto: Marcus AlwesÜber die Ausgestaltung des Baugebietes Westlich Holdorfer Straße I im Ortsteil Neuenkirchen wird lebhaft diskutiert. Foto: Marcus Alwes

Neuenkirchen-Vörden. Vertragen sich private Eigenheime und Mehrfamilienhäuser nebeneinander? Und wenn ja, in welchem Umfang? Die Debatte um Bevölkerungswachstum und das neue Baugebiet Westlich Holdorfer Straße I hat diese Diskussion in Neuenkirchen-Vörden angefacht. Auch unsere Redaktion hat eine Meinung – eine bewusst subjektiv verfasste.

Mehrere Tage hat unser Redakteur vor Ort im Südoldenburgischen recherchiert und sich eingehend umgehört. Nun fasst er seine Eindrücke des Erlebten zusammen – in einer sehr persönlichen Betrachtung…

„...Zweimal habe ich mich bereits im neuen Baugebiet Westlich Holdorfer Straße I im Ortsteil Neuenkirchen umgesehen. Heute bin ich wieder da. Überall entstehen auf insgesamt 42 Grundstücken moderne Häuser. Die einzelnen Flächen sind nicht riesengroß. Doch das gleiche Baugebiet ließe sich so oder so ähnlich auch in Bramsche, Rieste, Alfhausen oder Wallenhorst finden. Sechs Vierfamilienhäuser werden hier bezugsfertig errichtet, auf allen anderen 36 Grundstücken ist der Bau von Ein- oder Zweifamilienhäusern erlaubt. Dass aus der letztgenannten Gruppe jetzt nicht fünf, sondern zwölf Gebäude von Investoren errichtet werden, hat zuletzt für allerlei Aufregung im Ort gesorgt. Wir haben ausführlich darüber berichtet. Im Mittelpunkt der Kritik steht dabei die Grundstücksvermarkterin – die örtliche Volksbank eG.

Es gehe „um verminderte Lebensqualität“, schreibt der Leser D. in einem Facebook-Kommentar zum Thema, „und nicht zuletzt auch um die Sorge eines Wertverlustes durch die vielen Mehrfamilienhäuser“.

J. bekennt in seiner Stellungnahme, er „möchte dort nicht wohnen“. Und F. findet im gleichen Sozialen Medium, das besagte Baugebiet mit den vielen Zweifamilienhäusern sei „schon fast ein Getto“. Alle drei Kommentatoren sind unserer Redaktion mit vollständigem Namen bekannt. Alle drei kennen Neuenkirchen-Vörden, alle drei leben offenbar hier. Es sind öffentlich vorgetragene Meinungen, die mir in diesen Tagen auch in persönlichen Gesprächen mit einigen anderen Bürgern aus Neuenkirchen-Vörden begegnet sind. Ebenso im Dialog mit einzelnen Ortspolitikern. Und irgendwann kam dabei eben doch stets der pauschale, von Vorurteilen geprägte Hinweis, man wisse ja gar nicht, wer in diese Häuser – sprich, in diese vermieteten Wohnungen – einziehen werde.

Eine unterschwellige Diskussion um Mehrfamilienhäuser, Mietwohnungen und deren Bewohner

Um es klar zu sagen: Es ist nicht die Mehrheit, sondern eine deutliche Minderheit unter meinen Gesprächspartnern, die so denkt und redet. Doch es fällt mir als Beobachter und Lokalredakteur einfach auf, dass es bei einigen Zeitgenossen an der Oberfläche um die Grundstücksvergabe durch die Volksbank eG geht, es darunter aber offenbar eine zweite Debatte gibt. Eine unterschwellige Diskussion um Mehrfamilienhäuser, Mietwohnungen und deren Bewohner. Ich gebe zu, es ist eine Sichtweise, die mich irritiert und verstört. Sind die Mieter von nebenan prinzipiell unangenehmere Menschen? Und ist nur ein privater Eigenheimbesitzer ein wirklich verträglicher Nachbar? Ich muss mich ungläubig schütteln angesichts solch eines Schwarz-Weiß-Denkens.

Das Thema jedenfalls – so glaube ich – wird die Verantwortlichen in Neuenkirchen-Vörden in den kommenden Jahren weiterhin begleiten. Denn es wird wichtig sein, künftig auch ein größeres Angebot von bezahlbaren Mietwohnungen zu schaffen und anzubieten. Selbiges gilt für die Nachbargemeinden Rieste, Alfhausen und die Stadt Bramsche. Denn die Bevölkerungszahl und der Wohnungsbedarf wachsen nicht nur in Neuenkirchen und Vörden, sondern überall in der Region rund um den Niedersachsenpark. Da passt es genau ins Bild, dass in Bramsche im neu zu gestaltenden Bahnhofsumfeld der Mietwohnungsbau laut des städitischen Baudirektors einen besonderen Raum bekommen soll. Ähnlich verhält es sich mit der Ankündigung der kommunalen Hase-Wohnbau-Gesellschaft, in Rieste demnächst in Grundschulnähe ein Gebäude mit 20 Wohneinheiten (überwiegend jeweils 50 bis 60 Quadratmeter groß) zu errichten. Entsprechende Ankündigungen gibt es bereits aus den Reihen der Ortspolitik und der Samtgemeinde. Für Rieste allerdings wird es wohl kein alltägliches Gebäude sein, das hier in dieser Größe geplant ist.

Noch 955 Wohnungen sind in Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäusern zu errichten

Ich erinnere mich auch noch sehr genau an die Reuperversammlung Anfang des Jahres im Saal Wellmann in Vörden. Bemerkenswert offen hatte dort Bürgermeister Ansgar Brockmann betont, dass in seiner Gemeinde „unter Einbeziehung der Daten aus dem Wohnraumversorgungskonzept des Landkreises Vechta“ (siehe Zur-Sache-Box unten) bis zum Jahre 2030 „noch 955 Wohnungen in Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäusern errichtet werden müssen“. Darunter manche Mietwohnung und manches Mehrfamilienhaus. Ein gewaltiges Vorhaben. Die jüngste Debatte aus dem Sektor Westlich Holdorfer Straße I liegt damit schon jetzt auf Wiedervorlage. Und auf alle Räte und Verwaltungen in der Region wird die durchaus zeitintensive Aufgabe zukommen, der jeweiligen Bevölkerung die eigene Bauland- und Wohnungsbaupolitik sehr genau im Detail zu erklären. Auf der anderen Seite werden viele Bürger verstehen lernen und akzeptieren müssen, dass die Zeit der reinen Einfamilienhaussiedlungen weitgehend vorbei ist.

Als wohltuend angenehm empfand ich in diesem Zusammenhang übrigens zuletzt den ausdrücklichen Hinweis von führenden Gemeinderatsmitgliedern und von Bürgermeister Brockmann, dass in Neuenkirchen-Vörden „seitens der Gemeindepolitik keine Unterschiede in der Bewertung bei der Eigennutzung oder der Mietnutzung von Wohnungen“ gemacht wurden - oder werden.“


Die jüngsten Prognosen der Landkreisverwaltungen in Osnabrück und Vechta sind eindeutig: In der Stadt Bramsche (+ 0,5 Prozent) sowie den Gemeinden Rieste (+ 15,6 Prozent) und Alfhausen (+ 11,4 Prozent) wird die Bevölkerungszahl bis zum Jahre 2035 spürbar wachsen.

Für die Gemeinde Neuenkirchen-Vörden wird bis 2030 von den südoldenburgischen Fachleuten sogar ein Anstieg um mehr als 20 Prozent vorhergesagt – konkret: von 8600 Einwohnern auf 10600 Bürger.

Eine große Rolle spielt dabei in der Gesamtregion natürlich das interkommunale Industrie- und Gewerbegebiet Niedersachsenpark, das viele Arbeitskräfte/Menschen aus nah und fern anzieht.

Manche dieser Menschen kommen mit ihren Familien langfristig nach Rieste, Bramsche, Alfhausen oder Neuenkirchen-Vörden. Andere kommen dagegen als Saisonarbeiter für kurze Zeit. Für sie alle wird jedoch Wohnraum benötigt. In allen Größen. Die Städte und Gemeinden stehen somit vor der Aufgabe, den Bau von privaten Eigenheimen ebenso zu ermöglichen wie die Schaffung von Mietwohnungen.

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